„Aussagen treffen alle Unparteiischen bis zur Basis!

Exklusiv: Uelzener Schiedsrichter Marco Haase spricht über seine Strafanzeige gegen Dortmunds Jude Bellingham

Schiedsrichter zeigt auf den Strafstoßpunkt, ein Spieler reagiert entsetzt.
+
Jude Bellingham (links) ist entsetzt über die Strafstoßentscheidung von Schiedsrichter Felix Zwayer.
  • Bernd Klingebiel
    VonBernd Klingebiel
    schließen

Exklusiv auf az-online.de äußert sich der Uelzener Schiedsrichter Marco Haase zu seiner Strafanzeige gegen der Dortmunder Stürmerstar Jude Bellingham.

Uelzen/Dortmund/Hamburg – Ein Uelzener Schiedsrichter hat am Sonntag (5. Dezember) in der Fußball-Bundesliga ein Beben ausgelöst: Der in Hamburg lebende Marco Haase hat im Anschluss an den Gipfel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München (2:3) Strafanzeige gegen BVB-Spieler Jude Bellingham wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung erstattet. Die Anzeige liegt der AZ im Wortlaut vor.

In einem Interview im norwegischen Fernsehen hatte der 18-jährige BVB-Star dem Unparteiischen Felix Zwayer wegen seines umstrittenen Strafstoßpfiffs indirekt Schiebung unterstellt.

Zwayer ließ ein umstrittenes Handspiel von Mats Hummels im eigenen Strafraum zunächst ungeahndet. Der Unparteiische schaute sich die Szene nach einem Hinweis des Video-Assistenten aber nochmals am Bildschirm an und zeigte auf den Punkt. Lewandowski verwandelte den von Mats Hummels verursachten Handelfmeter zum entscheidenden 2:3. Die BVB-Verantwortlichen monierten zudem, dass Zwayer mehrere andere strittige Szenen meist für die Bayern bewertet habe.

Haase hat die Strafanzeige „an die zuständigen Dienststellen von Staatsanwalt und Polizei in Dortmund und Berlin“ gerichtet. Experten geben ihr in ersten Stellungnahmen wenig Erfolgsaussichten. Der DFB-Kontrollausschuss hat unterdessen Ermittlungen aufgenommen.

Bellingham hatte vor laufenden Kameras gesagt: „Du gibst einem Schiedsrichter, der schon vorher mal Spiele geschoben hast, das größte Spiel in Deutschland. Was erwartest du?“

Haase erstattete noch in der Nacht auf Sonntag Anzeige: „Diese Äußerung erfüllt alternativ oder kumulativ die Straftatbestände der Beleidigung, üblen Nachrede und Verleumdung.“

Hasse pfiff seit 1987 für den SV Holdenstedt auf hohem Niveau und ist weiterhin ehrenamtlich unter anderem als DFB-Schiedsrichterbeobachter und Coach in der Regionalliga sowie im Verbands-Schiedsrichter-Lehrstab des Niedersächsischen Fußballverbandes tätig. Erst am Sonnabend war der 50-Jährige bei der Viertliga-Partie der U23 von Werder Bremen gegen den SSV Jeddeloh im Einsatz.

„Ich habe die Strafanzeige als Privatperson gestellt“, erklärt er exklusiv gegenüber der AZ. Die Aussagen von Jude Bellingham träfen nicht nur Felix Zwayer, der seit Jahren einer der besten Unparteiischen Europas ist – so gehört Zwayer der höchsten UEFA-Kategorie „Elite“ an. Dort leiten Referees, die über viele Jahre Top-Leistungen gezeigt haben. „Sondern diese Aussagen treffen alle Unparteiischen bis zur Basis auf Kreisebene, die Woche für Woche unterwegs sind und dafür sorgen, dass der Spielbetrieb aufrecht erhalten wird und es fair auf unseren Sportplätzen zugeht“, erklärt Haase. Der Uelzener: „Ich frage mich, wie jemand selbst ticken muss, der anderen so etwas unterstellt. Wer kommt auf solche Gedanken?“

Und weiter heißt es in der am Sonnabend um 23.35 Uhr versandten Strafanzeige: „Da der Spieler Jude Bellingham diese Äußerung aus Lebenserfahrung nicht ohne den ehemaligen Schiedsrichter Manuel Gräfe getan haben kann, erstatte ich zudem Anzeige wegen derselben Tatbestände gegen Manuel Gräfe.“

Hintergrund sind Zwayers Verwicklungen in den Wettskandal um Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer, der im Jahr 2005 öffentlich wurde. Zwayer war damals als Assistent des Skandal-Referees ins Rampenlicht geraten und soll 300 Euro angenommen haben, um das DFB-Pokalspiel zwischen Werder Bremen und dem Wuppertaler SV zu Gunsten des Außenseiters zu beeinflussen. Eine Manipulation konnte Zwayer nicht nachgewiesen werden, die Annahme des Geldes gilt als gesichert.

Haases Strafanzeige gegen Gräfe bezieht sich auf Aussagen in einem Interview, in dem der Ex-Bundesliga-Referee den Skandal um Zwayer neu ins Gespräch brachte und mit den Worten zitiert wird: „Wer einmal Geld angenommen und Hoyzers Manipulation ein halbes Jahr verschwiegen hat, sollte keinen Profifußball pfeifen.“

Haase: „Die Lebenserfahrung zeigt, dass Jude Bellingham mutmaßlich bestimmte Informationen nur von Manuel Gräfe haben kann – Gräfes meiner Wahrnehmung nach erneuter genauso unterirdischer wie unsolidarischer Auftritt im ZDF-Sportstudio am Sonnabend unterstreicht meiner Meinung nach diesen Verdacht. Es wird allenthalben von Fairplay geredet – hier gibt es Leute, die Fairplay mit Füßen treten.“

Mehr zum Thema

Kommentare