„Einfach schlimm“

Das 1:0-Siegtor im Derby gegen seinen Ex-Klub und der anschließende XL-Jubel trafen die Fans des Halleschen FC bis ins Mark. Magdeburgs Sören Bertram (Mitte, mit Tarek Chahed und Thore Jacobsen) erhielt Hasskommentare. Die HFC-Fans nehmen ihm auch nach drei Jahren den Wechsel zum Erzrivalen noch krumm. Foto: Ronny Hartmann/dpa

Sollte die 3. Fußball-Bundesliga fortgesetzt werden, steht dem Uelzener Profi Sören Bertram die schwerste Prüfung der Saison bevor.

Uelzen/Landkreis – Der Uelzener Profi des 1. FC Magdeburg erhielt nach seinem 1:0-Siegtreffer im Hinspiel-Derby gegen seinen Ex-Verein Hallescher FC über Monate Hassnachrichten. Die Fanlager sind zutiefst verfeindet. Am 33. Spieltag soll das Rückspiel im HFC-Stadion steigen.

Siegtor im Derby gegen den Ex-Klub

Es ist eine jener Geschichten, die nur der Fußball so schreiben kann. Ausgerechnet Sören Bertram gelingt im brisanten Sachsen-Anhalt-Derby das Siegtor seiner Magdeburger gegen den Erzrivalen aus Halle. Für die Rot-Weißen hatte der Uelzener drei Jahre (2013 bis 2016) als Linksaußen gespielt. Bei den Fans genoss er wegen seiner rassigen Spielweise (101 Einsätze, 24 Tore, 25 Vorlagen) Heldenstatus.

Über Bochum, Aue und Darmstadt landet Bertram im Januar 2019 in Magdeburg – und selbst drei Jahre nach seinem Weggang aus Halle geht bei seinem Wechsel zum 1. FCM ein Aufschrei der Empörung und Enttäuschung durch die gesamte Stadt.

„Im Endeffekt bin ich ja nicht direkt gewechselt, da lagen ja drei Jahre zwischen Halle und Magdeburg“, betont Bertram. Doch die HFC-Fans nehmen es ihm trotzdem übel. Der Uelzener: „Es sind die beiden großen Vereine in Sachsen-Anhalt. Man kann schon sagen, dass sie sehr verfeindet sind.“ Sogar zutiefst seit dem Tod von FCM-Fan Hannes. Im Oktober 2016 war der Mann nach einer Auseinandersetzung mit Anhängern des Halleschen FC aus einem Zug gestürzt und wenige Tage später an seinen Verletzungen gestorben. Polizei und Staatsanwaltschaft gingen zum Abschluss der Ermittlungen davon aus, dass es ein Unfall und keine Gewalttat war.

Fans verbrennen Autogrammkarte

Nach der schmerzvollen Niederlage in Magdeburg durch das Bertram-Tor haben die HFC-Fans ihr Feindbild schnell gefunden. Unbekannte laden bei Instagram ein Video hoch, auf dem sie eine Autogrammkarte von Bertram anzünden. „Verbrenn, du elendiger Hund!“ schreien sie. Und es gibt Szenen, „in denen sie Dartpfeile auf mein Gesicht geschmissen und mir das geschickt haben mit wüsten Beleidigungen. Das geht einfach zu weit!“ ist Bertram bestürzt.

Bei seinen vorherigen Vereinsstationen habe er so etwas nicht erlebt, nie habe es ihn persönlich getroffen. Mit dem HSV gegen Werder oder mit Bochum gegen Duisburg. An heißen Derbys mangelte es in Bertrams Karriere dabei nicht. Vor seinem ersten Sachsen-Anhalt-Duell „habe ich mit Einigem gerechnet. In diesem Ausmaß dann aber doch nicht“, zeigt sich der Uelzener immer noch erschüttert.

„Die meisten sind übers Ziel hinausgeschossen“

Für „einige Sachen und Kritik“ habe er zwar durchaus Verständnis, „weil ich ja drei gute Jahre in Halle hatte“. Die meisten jedoch „sind übers Ziel hinausgeschossen“. Bertram: „Ich finde es einfach nur schlimm, dass sich die Gesellschaft immer irgendwelche Hassobjekte heraussucht und dann anonym Instagram, Facebook oder allgemein die sozialen Medien dafür benutzt, ihren Frust an einigen Menschen auszulassen.“

Die Fan-Entgleisungen „haben mich schon getroffen“, räumt der 28-Jährige ein. Für das Wiedersehensduell gegen den HFC habe er aber „gerade durch die ganzen Beleidigungen, die da gekommen sind, auch eine gewisse Kraft entwickeln und Motivation schöpfen können.“

Die Anspannung löste sich sichtbar nach seinem Tor in der 43. Spielminute zum 1:0, das er auf dem Platz frenetisch feierte. Und die HFC-Fans damit bis ins Mark traf. Bertram: „Über den Torjubel lässt sich schon streiten, ob er ein bisschen dezenter hätte sein können. Ich kann da auch einige verstehen, die sagen, dass der Jubel vielleicht ein bisschen zu ausgiebig war.“

„Das war einfach nur menschlich“

Der Uelzener aber versichert: „Ich wollte damit keinen verletzten und keinem respektlos gegenübertreten.“ Der 1. FCM habe sich sportlich in einer „nicht so optimalen Situation“ befunden, es sei ein „sehr, sehr wichtiges Spiel, ein Derby“ gewesen.

Bertram: „Ich glaube, das war einfach nur menschlich, dass man dann gerade in dem Spiel so jubelt. Ich habe mich in diesem Moment einfach sehr gefreut für meinen neuen Verein, in dem ich mich pudelwohl fühle. Es ist einfach ein besonderes Spiel und es war ein besonderes Tor. Deswegen habe ich mich in diesem Sinne besonders gefreut.“

Sollte das Rückspiel stattfinden – noch ist weiterhin unklar, ob der DFB die Saison in der 3. Liga fortsetzen oder abbrechen wird – dann auf jeden Fall vor einer Geisterkulisse in Halle. Bertram spürt trotz aller Vorkommnisse eine „riesige Vorfreude, auch wenn es für mich wahrscheinlich nicht ganz so angenehm“ werden dürfte. Der Linksfuß: „Wegen diesen Spielen wird man ja Fußballer!“

VON BERND KLINGEBIEL

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