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(K)ein Spiel dauert 90 Minuten

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Eine Anzeigetafel in einem Fußball-Stadion der WM in Katar zeigt 14 Minuten Nachspielzeit an.
Wer die WM in Katar schaut, bemerkt, dass ein Spiel auch keine 90 Minuten dauert. Sondern 95, 100 oder eben auch 104 Minuten wegen der 14-minütigen Nachspielzeit im Spiel zwischen England und Iran. © IMAGO/Simon Stacpoole

Warum die Unparteiischen bei dieser WM ordentlich Nachschlag geben.

Von Marco Haase

Doha/Uelzen – „Der Ball ist rund, und ein Fußballspiel dauert 90 Minuten.“ Diese dem 1954er Weltmeister-Trainer Sepp Herberger zugeschriebene Weisheit stimmte nie. Ein Fußball war und ist nie rund. Und wer gerade die WM in Katar schaut, bemerkt, dass ein Spiel auch keine 90 Minuten dauert. Sondern 95, 100, 105… Woher kommt diese enorme Nachspielzeit? Gibt es eine neue Regelung, die mit der WM 2022 eingeführt wurde?

Nein, es gibt keine neue Regel. FIFA-Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina, übrigens der Leiter des WM-Finales zwischen Deutschland und Brasilien (0:2) am 30. Juni 2002 in Yokohama, hat seinen Referees in Katar lediglich nahegelegt, die Fußball-Regel Nummer 7 (Dauer des Spiels) konsequent umzusetzen. Danach muss der Schiedsrichter am Ende jeder Halbzeit genau die Spielzeit anhängen, die durch verschiedene Geschehnisse verloren ging, zum Beispiel:

- Auswechselungen,

- Behandlung und Transport verletzter Spieler,

- Aussprache gelber, gelb/roter oder roter Karten,

- Trink- und Kühlpausen,

- im Profibereich: Videoüberprüfungen,

- witterungsbedingte Unterbrechungen,

- sonstige Ereignisse (wie zum Beispiel das kaputte Tor von Madrid am 1. April 1998 im legendären Champions-League-Halbfinale gegen Borussia Dortmund).

Bei dieser verloren gegangener Zeit hat der Unparteiische kein Ermessen: Er muss sie nachspielen lassen, egal, wie es steht – theoretisch also auch bei einer 7:0-Führung.

Neben der verloren gegangenen Zeit gibt es regeltechnisch auch die sogenannte „vergeudete Zeit“, also das Zeitschinden in allen denkbaren Formen oder übermäßiger Torjubel. Diese vergeudete Zeit lässt der Unparteiische unter Beachtung der Vorteilsbestimmung nachspielen. Und mit Blick auf einen möglichen Vor- oder Nachteil kann es durchaus sein, dass der Referee diese Zeit nicht nachspielen lässt, sondern pünktlicher abpfeift.

Ein Beispiel: Mannschaft A erzielt in der 70. Minute das 1:0 und schindet danach Zeit, um die knappe Führung zu retten. Dann schießt Mannschaft B aber in der 85. und der 87. Minute zwei Treffer. Nun wäre es ein klarer Nachteil für das jetzt führende Team, wenn der Referee die von der anderen Mannschaft vergeudete Zeit auch noch nachspielen ließe und womöglich noch zum Ausgleich käme.

Fazit: Nach den Erfahrungen mit der WM wird man auch in den Landesverbänden, Bezirken und Kreisen über die Frage nachdenken müssen: Setzen wir das Regelwerk, hier die Regel 7, konsequent um? Oder belassen wir es bei der Praxis, dass es zwar Nachspielzeit gibt, aber nicht immer wirklich die gesamte verloren gegangene Zeit nachgeholt wird.

In Fußballfachkreisen wird die Nachspielzeit häufig etwas martialisch als „Tod des Schiedsrichters“ bezeichnet, weil nicht selten in hektischen, spannenden Schlussphasen eine Menge passieren kann, auch Unheil. So warf der Autor dieses Textes vor fast drei Jahrzehnten in einem Spiel der damaligen Hamburger Verbandsliga einen Spieler in der 92. Minute mit Gelb/Rot vom Platz, der noch gar nicht verwarnt war (anstatt mal schön beim Stand von 0:0 in der 90. Minute abzupfeifen). Kurioserweise ging dieser Akteur ohne jeglichen Protest vom Feld – und es war dem aufmerksamen Assistenten Thomas Meyer (TSV Bienenbüttel) zu verdanken, dass es zu keinem Regelverstoß kam und der Spieler noch rechtzeitig wieder auf den Rasen zurückgeholt werden konnte… soweit zur Nachspielzeit…

Pierluigi Collina war im Endspiel von 2002 als Aktiver noch etwas knauserig mit der Nachspielzeit und beließ es bei gerade einmal zwei Minuten. Aber vielleicht kam die Zeit insbesondere den deutschen Zuschauern etwas knapp vor, da die National-Elf damals drauf und dran war, den Anschlusstreffer zu erzielen. Keine verlorene oder vergeudete, sondern gefühlte Zeit.

» Marco Haase (51, SV Holdenstedt) ist seit 35 Jahren Fußball-Schiedsrichter und seit mehr als 20 Jahren als Schiedsrichter-Beobachter und -Coach bis in den DFB-Bereich aktiv, zudem im niedersächsischen Verbandsschiedsrichter-Lehrstab als Referent und Lehrgangsleiter an der NFV-Akademie in Barsinghausen. Der ehemalige AZ-Redakteur wird während der Fußball-WM anlassbezogen interessante Entscheidungen, strittige Pfiffe und regelkundliche Besonderheiten aufgreifen – dies im Übrigen nicht im Rahmen seiner offiziellen Funktionen, sondern sportredaktionell an dieser Stelle.

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