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Mesut Özil: Der ewig Missverstandene, für den eigentlich nur Fußball zählt

An ihm scheiden sich die Geister. Für die einen ein Star, für die anderen eine unerwünschte Person. Welchen Umgang hat Mesut Özil verdient? Ein Kommentar.

Hamburg/Bremen – Der verlorene Sohn ist zurück. So oder ähnlich hätte in der vergangenen Woche das Motto beim jüngsten Europa-League-Spiel von Eintracht Frankfurt lauten können. Zurück für ein paar Stunden. Aber ist er überhaupt so etwas wie ein verlorener Sohn seit seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft und seit er im Ausland spielt? Oder ist Mesut Özil doch eher so etwas wie das unerwünschte Kind? Der, den keiner wirklich mag. Und den auch keiner haben will.

Fakt ist: Der 32-jährige Ex-Nationalspieler ist ein toller Fußballer. Aber eben auch ein Charakter, an dem sich die Geister scheiden. Ist der Umgang mit dem Kicker, der früher beim SV Werder Bremen* spielte, in Deutschland richtig?

Fußballspieler:Mesut Özil
Geboren:15. Oktober 1988 (Alter: 32 Jahre), Gelsenkirchen
Aktueller Verein:Fenerbahce Istanbul
Marktwert:4,0 Millionen Euro (Quelle: transfermarkt.de)
Ehepartnerin:Amine Gülşe (verheiratet seit 2019)
Kinder:Eda Özil

Mesut Özil: Hass-Bekundungen, fliegende Bierbecher und Feuerzeuge bei Rückkehr nach Deutschland

Eines ist auf jeden Fall sicher: Freundlich ist er nicht. In Sphären, von denen die beiden Nordderby-Konkurrenten Werder Bremen und Hamburger SV nur träumen können, ist Mesut Özil am 16. September 2021 beim Europa League-Spiel seines Vereins Fenerbahce Istanbul gegen Eintracht Frankfurt nach Deutschland zurückgekehrt. Statt Herzen flogen dem Ex-Bremer andere Dinge zu. Bierbecher. Feuerzeuge. Und Hass-Bekundungen von den Rängen. Dass er nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 der Nationalmannschaft den Rücken gekehrt hat – das nehmen ihm immer noch viele übel.

Mesut Özil steht immer wieder im Mittelpunkt von Kritik und Hass – zuletzt bei seiner Rückkehr nach Deutschland.

Nach einer der schwärzesten Stunden der Nationalmannschaft unter Joachim Löw, dessen Bundestrainer-Dasein nach der EM 2021 endlich vorbei ist, einfach davonzulaufen – für viele der Tropfen auf den berühmten heißen Stein. Ein „Move“, wie man ihn, so sagen nicht wenige, von Özil auch aus Spielen gewohnt ist: Läuft‘s nicht, taucht er ab. Wirkt lethargisch, kann dem Rest der Truppe nicht helfen. Ist dann einfach mal weg, auch wenn er da ist. Mit seinem Foto vor der WM 2018, auf dem er mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert, hat er sich ebenso wenig Freunde eingebracht.

Mesut Özil: Ex-Nationalspieler verrät Partei-Vorliebe für Bundestagswahl 2021 – und steht wieder einmal im Kreuzfeuer

Eben auch so ein „Move“ von Mesut Özil, den keiner versteht. Gleiches gilt für die frisch gemachte Ankündigung von Mesut Özil, wen er bei der Bundestagswahl 2021 am 26. September 2021 wählt*: die radikale Partei „Team Todenhöfer“. Er bezeichnet den 80-Jährigen als „Deutschlands mutigsten Politiker“. Einen Mann, der nach früheren CDU-Zeiten jetzt als Verschwörungstheoretiker gilt. Den Vorwurf von Antisemitismus und Nähe zu Islamismus, Diktatoren und Autokraten inklusive.

Aber: Wie jeder andere Mensch kann auch ein Mesut Özil wählen, wen oder was er will. Er kann sich fotografieren lassen, mit wem er will – selbst wenn er den Gegenwind nach den Erdogan-Fotos hätte ahnen können. Vielleicht sogar müssen. Auch über seine Sympathien zu Jürgen Todenhöfer darf man geteilter Meinung sein. Das Problem: Bei Stars wird Privates ganz schnell zum öffentlichen Streitfall. Jeder zerreißt sich danach das Maul. Doch kommen wir zur anderen Seite der Medaille.

Mesut Özil: Ex-Nationalspieler bietet immer wieder Angriffsfläche – Reaktion darauf nachvollziehbar?

Der Sportler Mesut Özil hat – gerade auch als Bestandteil jener deutschen Nationalmannschaft, die 2014 Fußball-Weltmeister wurde – in etlichen Spielen überzeugt. Hat Fans begeistert. Hat als Nationalspieler für schöne fußballerische Momente gesorgt. Auch für die Anhänger die des SV Werder Bremen und des HSV, deren Nordderby am 18. September 2021 live Im TV gezeigt wird. Ein Spiel, vor dem Ex-Werder-Keeper Tim Wiese den HSV übel beschimpft* und Ex-HSV-Spieler Aaron Hunt gegen seinen Ex-Verein ätzt*.

Er ist ein Fußball-Star. Er ist bekannt, er hat gute Leistungen gebracht. Er ist mit dem Nationalteam Weltmeister geworden und hat großen Anteil daran gehabt.

Eintracht Frankfurt-Torwart Kevin Trapp über Mesut Özil nach dessen Auftritt in Frankfurt

Doch es ist wie so oft in der heutigen Gesellschaft: in die Ecke schieben, draufhauen und (verbal) abschießen – das geht schnell. Mit dem Grundanteil an Respekt, der jedem gebührt, hat das wenig zu tun. „Er ist ein Fußball-Star. Er ist bekannt, er hat gute Leistungen gebracht. Er ist mit dem Nationalteam Weltmeister geworden und hat großen Anteil daran gehabt“, sagt Eintracht Frankfurts Torwart Kevin Trapp auf der anderen Seite treffend.

Gleichwohl: Mesut Özil selbst bietet immer wieder diese Angriffsfläche. Verdient hat er sie dennoch nicht, diese Attacken.

Doch er scheint auf diese Rolle festgelegt. Die des ewig Missverstandenen, für den eigentlich nur Fußball zählt. Schade. * 24hamburg.de, fr.de, deichstube.de und kreiszeitung.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Sven Simon/imago

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