"Jetzt beginnt die harte Zeit, das Leben"

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Bobfahrer Andre Lange spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über starke Emotionen, schwache Augen und ungewisse Ziele

Whistler - Bobfahrer Andre Lange spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über starke Emotionen, schwache Augen und ungewisse Ziele.

Als Andre Lange, 36, der erfolgreichste Bobfahrer aller Zeiten, aus seinem Vierer stieg, kämpfte er mit den Tränen. Eine der ersten Gratulanten nach seiner letzter Dienstfahrt, die ihm Silber beschert hatte, war Biathlon-Königin Magdalena Neuner, die der vierfache Olympiasieger locker hochhob, als sei sie aus Papier.

Andre Lange, Ihre Karriere liegt nun hinter Ihnen. Was ist das für ein Gefühl?

Ich bin froh, dass es vorbei ist. Aber auch traurig. Ich habe in den 17 Jahren als Bobpilot so viel erreicht, dass ich definitiv sagen kann, ich habe jede Minute genossen. Nach so einer wunderschönen Zeit ist es natürlich nicht einfach aufzuhören. Die Stunden der Wehmut werden sicher noch kommen.

Was hat Sie überhaupt dazu bewogen, sich jetzt, mit 36, als Bobpilot zu verabschieden?

Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist. Ich habe ja alles gewonnen, vier Olympiasiege, acht Weltmeister- und, acht Europameistertitel. Was soll ich noch erreichen? Irgendwann muss Schluss sein. Man kommt ja auch körperlich an den Punkt, wo es reicht. Die Augen werden schwächer, der Geist ist nicht mehr der schnellste, die Hände sind auch nicht mehr so – und wir sind in einer Rennsportart. Bevor was passiert, hört man lieber auf.

Sie haben ja im zweiten Lauf des olympischen Rennens nur knapp einen Sturz vermieden . . .

Da hat es der liebe Gott gewollt, dass wir auf allen vier Kufen weiterfahren. Der Helm hat schon am Eis gekratzt. Aber die Jungs haben sehr gut reagiert, haben sich auf die linke Seite geschmissen. Ich habe gleichzeitig an der Lenkung rumgezerrt, damit der Bob wieder umfällt. Und wir haben es tatsächlich noch geschafft.

Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie aus dem Bob ausgestiegen sind und wussten: Das war die letzte Fahrt?

Da war der Kopf kurz ganz leer. Ich habe es einfach mal plumpsen lassen. Ich musste dann tief Luft holen, und dann kamen auch die Emotionen hoch.

Wird Ihnen künftig nicht der Rausch der Geschwindigkeit abgehen?

Das ist schon so eine Sache. Ich sollte mir wohl als erstes ein ganz kleines Auto kaufen. Am besten eines zum Treten. Weil du verlierst als Bobfahrer irgendwann die Relation zur Geschwindigkeit. Wenn ich zum Beispiel mit 120 km/ h über die Landstraße fahre, habe ich das Gefühl, dass ich jetzt aussteigen könnte.

Was kommt jetzt, nach dem Bobfahren?

Vielleicht werde ich Trainer, aber ich weiß es noch nicht. Fest steht, dass ich ein neues Leben beginnen werde. Ich gehe aus einer rosaroten Sportlerwelt raus. Und jetzt beginnt die harte Zeit, das Leben.

Sie habe viele Jahre mit Ihrer Crew verbracht, mit Kevin Kuske, Martin Putze und Alexander Rödiger. Werden Sie Ihre Begleiter vermissen?

Ich hatte das große Glück, mit den Besten der Welt zusammen zu arbeiten. Die haben mir das Leben leicht gemacht. Da hat jedes Rad in das andere gegriffen. Wenn du weißt, dass das Team hinter dir hundertprozentig funktioniert, ist das ein verdammt gutes Gefühl. Die Jungs werden mir fehlen. Aber wir werden uns sicher nicht aus den Augen verlieren.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie Ihre Erfolge auch würdig zu feiern wissen. Wie lange wird die Fete in Whistler gehen?

Keine Ahnung. Da sag’ ich nichts ohne meinen Anwalt.

Von Armin Gibis

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