Zeiten-Wende beim „Steckenpferd“ HSV

Hankensbüttel, meine Perle... Der HSV-Vorsitzende Knut Conrad (l.) und sein Stellvertreter Hans-Henning Rehwinkel haben mehrere Jahrzehnte des Vereins geprägt und treten nun von der Kommandobrücke ab.
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Hankensbüttel, meine Perle... Der HSV-Vorsitzende Knut Conrad (l.) und sein Stellvertreter Hans-Henning Rehwinkel haben mehrere Jahrzehnte des Vereins geprägt und treten nun von der Kommandobrücke ab.

Hankensbüttel – Es ist ohne Frage eine Zeitenwende beim SV Hankensbüttel. Nach 20 respektive 42 Jahren (!) in leitenden Funktionen beim HSV dankt die Doppelspitze Knut Conrad und Hans-Henning Rehwinkel am kommenden Dienstag ab. Die bescheidene Würdigung einer Ära.

Wer suchet, der findet. Ein Vers, der der Bibel entspringt. Auch Knut Conrad gab den Glauben nicht auf, gleichwohl sich seine Suche nach legitimen Erben wie ein Kaugummi in die Länge zog.

Es liegt schon einige Wahlperioden zurück, als der Vorsitzende des SV Hankensbüttel erstmals seinen Abschied und den seiner rechten Hand Hans-Henning Rehwinkel ankündigte. Dann wieder. Dann wieder. „Dann waren wieder zwei Jahre vergangen und ich sagte: Jetzt aber! Und musste noch mal ran...“ Das Projekt Nachfolge als Sisyphus-Arbeit. Irgendwann wurde es dem HSV-Frontmann zu bunt: 2019 erfolge ein Schlussstrich, komme was wolle. „Ich habe gesagt: Ich kämpfe auf Biegen und Brechen. Hans-Henning fragte: Hast du für mich auch einen mitgebracht!?“

Hanf/Dierks als Erben

Das hat Conrad. Wenn der Verein am kommenden Dienstag, 27. April, um 19 Uhr zur Jahreshauptversammlung ins Gasthaus Döring einlädt, neigt sich das sportliche Lebenswerk des dynamischen Duos verdientermaßen dem Ende entgegen.

Mit Philipp Hanf als designiertem ersten Vorsitzenden und Peter Dierks als Stellvertreter hat die Führungs-Fahndung doch noch zum gewünschten Ziel geführt – die (wahrscheinliche) Wahl der neuen Leitwölfe vorausgesetzt. Einerseits sei natürlich „sehr viel Wehmut“ dabei, gibt Conrad zu. Andererseits sei der Zenit längst erreicht. „Ich werde im nächsten Jahr 80, da muss ich nicht da oben auf der Kanzel noch etwas predigen...“

Wer den Noch-Präsidenten so über die guten, alten Zeiten plaudern hört, möchte meinen, er sitzt nicht in Hankensbüttel, sondern an der Alster. Kein Trugschluss, denn der unverkennbare Hamburger Dialekt wohnt Conrad bis heute inne. 1964 war er von der Elbmetropole in den beschaulichen Luftkurort gekommen. Vom großen zum kleinen HSV. Als A-Jugendlicher trainierte der passionierte Fußballer Conrad noch gemeinsam mit Hamburgs Legende Uwe Seeler zusammen, wechselte dann zum Stadtteil-Klub TSV Sasel. Und schließlich ins Isenhagener Land.

Einmal HSV, immer HSV

Seiner zweiten Heimatliebe, an die sich Conrad allerdings erst einmal gewöhnen musste seiner Zeit. Es sei gewissermaßen ein kleiner Kulturschock gewesen, als er in seinem ersten Hankensbütteler Herrenjahr in der 2. Kreisklasse nach Radenbeck oder Langwedel fuhr.

„Da gab’s noch keine Duschen. Ich dachte, wo komme ich denn hier hin!? Wir waren beim HSV der einzige Verein mit fließend Warmwasser.“ Wohlgemerkt mussten die HSV-Kicker dafür immer eine Münze in einen Automaten werfen. „Es hieß immer: Schmeiß mal schnell nach, es wird kalt“, schmunzelt Conrad. „Das waren schöne Zeiten.“ Für die heutige, verwöhnte Generation Amateurfußballer praktisch unvorstellbar.

Auf Tour nach Thüringen

Genauso wie die gefühlten Weltreisen, die Rehwinkel seinerseits nach der Grenzöffnung unternehmen musste. Als Jugendhandball-Betreuer musste er mit seinen Teams zwei Jahre lang für Auswärtsspiele bis nach Thüringen fahren. Da erscheinen die heute noch klassischen Touren bis nach Göttingen eher wie ein Sonntagsspaziergang.

Wobei Rehwinkels Ursprung eigentlich beim Turnen liegt. Als Jugendlicher mit 14 oder 15 Jahren verdiente sich der Ur-Hankensbütteler sogar bereits erstmals als Übungsleiter. „Handball gab es zu der Zeit nicht.“ Doch gemeinsam mit einigen Schulfreunden erweckte er seine spätere Leidenschaft aus dem Dornröschenschlaf. Der HSV-Handball erlebte in der Folge ein Wellental. Und Mitte der 80er-Jahre seinen Klimax mit sage und schreibe 17 Mannschaften im Punktspielbetrieb!

Handball-Highlights

Wenngleich er auch dem Turnen verbunden blieb und zwischendurch auch die Spartenleitung von Wilhelm Wolter übernahm („Wenn jemand gebraucht wurde irgendwo, habe ich mich immer engagiert“), so steckte Rehwinkel die meiste Energie in den Handball. Die Fast-Dekade mit der HSG Isenhagen in der 3. Liga der Damen oder die Einweihung der damaligen OS-Halle gegen die international renommierte Mannschaft aus Sarajevo bleiben unvergessen. Übrigens spielte der Vize-Vorsitzende bis zu seinem 59. Lebensjahr noch selbst aktiv, griff mit 72 Jahren noch zur Schiedsrichter-Pfeife.

Die ehrenamtlichen Wege der langjährigen HSV-Weggefährten kreuzten sich schließlich 1978 erstmals. Rehwinkel hatte ein Jahr zuvor den Posten des Vereinschefs übernommen (und blieb bis 1991 im Amt, um dann bis heute ins zweite Glied zu rücken), Conrad begann seine Fußball-Funktionärs-Laufbahn als Spielbetriebsleiter und verpflichtete „so manche Granate“ als Trainer. Seit 1999 bilden Beide zusammen ein tolles Team auf der Kommandobrücke.

Seit 1999 ein Tandem

Kein Wunder, dass Conrad 2001 zum 100-jährigen Bestehen der HSV-Fußballabteilung mit einem denkwürdigen Kommers und Silvesterball („Da träumen die Frauen noch heute von...“) zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Und auch sein sehnlichster Wunsch für den Verein – „sein Baby“, wie er es liebevoll nennt – geht nun augenscheinlich noch in Erfüllung: der Bau eines neuen Sportplatzes. Das Jungbluth-Areal, bei dem er einst selbst noch an der Böschung Hand anlegte, hat alsbald ausgedient.

Baby-Wunsch wird wahr

„Ich wollte da vor 30 Jahren schon weg“, betont Conrad. Diese Odyssee sollte noch weitaus länger dauern als die Suche nach einem Staffelstab-Abnehmer. Unzählige Sitzungen mit der Gemeinde hielt Conrad, von 2001 bis 2015 auch Ratsmitglied, ab.

„Für meinen HSV mache ich fast alles, das ist mein Steckenpferd.“ Was lange währt, wird irgendwann gut. Dank üppiger Zuschüsse und viel Eigenleistung soll die große HSV-Fußballfamilie in zwei Jahren umziehen. „Es ist mein großer Wunsch, dass ich das noch erleben darf und dort mit einer Tasse Kaffee sitze“, schwärmt Conrad. Das ganze Vorhaben würde aber nie zustande kommen, „wenn wir Holger Reihl nicht dabei hätten“, betont er. Der Fußball-Frontmann bringt viel Fachwissen mit ein.

Wechsel für neue Ideen

Und so können Conrad und Rehwinkel nun ruhigen Gewissens nach Ostern die HSV-Geschicke in jüngere Hände übergeben. „Wir wünschen unseren Nachfolgern ein glückliches Händchen, damit sie den Verein gut weiterführen. Die Jüngeren haben andere Ideen, deshalb muss auch der Kopf verändert werden“, unterstreicht der scheidende HSV-Boss. Wobei sie auch nicht von heute auf morgen alles ruhen lassen im Verein. Rehwinkel betont: „Es gibt noch genug zu tun, mir wird nicht langweilig.“ Wie sang Trude Heers einst so schön: Niemals geht man so ganz...

VON INGO BARRENSCHEEN

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