Fußball-Kreis Gifhorn will Themenpapier finalisieren, um weiter am Puls der Zeit zu bleiben

„Wollen aus Visionen Missionen machen“

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Wer hat an der Uhr gedreht!? Um weiter am Puls der Zeit zu bleiben, rüstet sich der Fußball-Kreis Gifhorn aktuell für die Zukunft. Die Verantwortlichen wollen ein Themenpapier finalisieren. 

Gifhorn/Wittingen – „Stillstand bedeutet echten Rückschritt. “ Ralf Thomas spitzt die altbekannte Redewendung noch bewusst zu. Im IK-Gespräch zeichnet der Vorsitzende das angedachte Zukunftsmodell vom Fußball im Kreis Gifhorn.

Packen wir es an! Ralf Thomas hat noch viel vor.

Seit Ralf Thomas vor anderthalb Legislatur-Perioden an die Spitze des NFV-Kreises Gifhorn gewählt wurde, weht der Wind der Veränderung. Zunächst hat der Isenbütteler mit einer Vorstands-Verjüngungskur neue, frische Leitfiguren um sich gescharrt, die das Ohr am Puls der gesellschaftlichen Zeit haben. Nun folgt als nächster Schritt das neue Leitbild.

Platzbedingungen zum Haareraufen soll es bestenfalls bei den Gifhorner Fußballvereinen nicht mehr geben. 

„Das vorbereitete Feld muss auch bestellt werden“, kündigt der Fußball-Frontmann die nächste Evolutionsstufe an. Im Herbst wird sich eine Task Force, ergänzt durch Herbert Schacht und Marcel Würdig, zum zweiten Mal am Bernsteinsee einfinden. Ein Kicker-Kolloquium mit der Prämisse, den Kreisverband und damit die schönste Nebensache der Welt hier vor Ort zukunftsfähig auszurichten mit einem Thesenpapier. Der Fußball-Kreis 2.0 gewissermaßen. Wohl gemerkt unter expliziter Einbindung der Basis, sprich den Vereinen. „Wir wollen aus den Visionen Missionen machen.“

Aktuelle Pionier-Arbeit

Schon jetzt nehmen die geschäftigen Gifhorner mit der ein oder anderen Errungenschaft eine Vorreiter-Rolle unter der Fußball-Flagge mit dem Niedersachsen-Ross ein. Etwa beim e-Soccer oder einem Schiedsrichter-Belohnungssystem. Aktuelle Pionier-Arbeit, auf die einige Nachbarn durchaus neidisch blicken, betont Thomas mit Stolz. Doch das sind nur die seichten Anfänge. Das IK skizziert die dringlichsten Themenfelder, die die Verantwortlichen anpacken und vorantreiben wollen.

e-Soccer

Als erster Kreis mit einer eigenen, professionell aufgezogenen Meisterschaft diente Gifhorn als Impulsgeber für dieses große Wachstumsfeld in der Region. Bis nach Emsland hin reichten die Controller-Anfragen anderer Verbände. „Ein mega-durchschlagender Erfolg“, bekräftigt Thomas. e-Soccer an sich mag streitbar sein, räumt er offen und ehrlich ein. Kritiker alter Schule entgegnen: Ist doch kein Sport! Doch das ist für den Kreis-Vorsitzenden eine zu oberflächliche Ablehnung. Tiefer betrachtet sei es sehr wohl „eine Möglichkeit, den heutigen Fußballsport gesellschaftspolitisch zukunftsorientiert weiter zu gestalten“. Der Kreis sieht die Hintertür, damit Jugendliche anzusprechen „und sie darüber zu packen“ – um ein Stück weit die verloren gegangene Clubheim-Mentalität zurückzugewinnen. „Dann hat man auch die Zugriffsmöglichkeit“, unterstreicht Thomas. Ein erstes Etappenziel sei bereits erreicht: Die in Gang getretene Diskussion hätte sich durch den Test-Ballon gedreht, die ersten Vereine springen auf den Zug mit auf, Scheuklappen fallen.

Papierloser Kreis

Auch mit diesem umweltbewussten Vorstoß wären die Gifhorner „die Ersten in Niedersachsen“, pointiert Thomas. Selbst wenn mittlerweile viel Verwaltungs-Arbeit im Internet ablaufen würde, so ist es „immer noch viel Papier, was wir wälzen“. Damit soll bald (ein genaues Datum ist noch nicht gesetzt) Schluss sein. Dank eines Charity-Programms von Microsoft Office 365° mit zunächst 60 Lizenzen für die Kreis-Mitarbeiter soll die Administrative komplett umgestellt werden. So bestünde etwa auch die Möglichkeit, dass Vorstands-Sitzungen online protokolliert werden und Vereins-Vertreter direkt Einfluss nehmen könnten, umreißt Thomas. „Fast wie eine Skype-Besprechung, nur ohne Bild.“ Damit wollen die Entscheider auch näher an den Clubs sein, die Strömungen schneller aufgreifen. Bislang seien häufig „Sender und Empfänger nicht auf einer Ebene“, meint Thomas.

Infrastruktur

Das Thema schlechthin auf der To-Do-Liste! Beim zweiten Workshop am Bernsteinsee werden sich im Zuge des Handlungsplans kleine Arbeitsgruppen bilden, die später ausschwärmen. Die Belange der Vereine im Nordkreis seien komplett andere als im Süden vor den Toren Braunschweigs, meint Thomas. Daher wird es Gesprächsrunden aufgeteilt nach Samtgemeinden/Städten geben. Vorgeschaltet ist allerdings eine Umfrage unter sämtlichen Clubs. Um zu eruieren: Wo existieren Probleme? Was sind die einzelnen Bedürfnisse? Was stört in der Zusammenarbeit? Es wird also erst einmal ein flächendeckender Bedarfsplan erstellt, dann geht es ans Eingemachte. Einige Vereine würden sich schon rüsten. Der FC Brome etwa sei ein Paradebeispiel für Engagement, hätte sich unter ebenfalls neuer Führung extrem gewandelt, meint Thomas. „Die Bewegung im Verein ist sensationell. Genau so etwas wollen wir unterstützen.“ Wer sich beteiligt, wird auch eingeladen und kann die (eigene) Zukunft mitgestalten.

Das Thema Infrastruktur sei sein „Steckenpferd“, dafür geht er sogar – wie schon beim Kreisfußballtag geschehen – auf Konfrontationskurs mit Landrat Dr. Andreas Ebel. So sehr der Fußball-Kreis auch nach vorne denkt, in diesem Juckepunkt sollen vielmehr Altlasten aufgearbeitet werden. „Wenn man 20 Jahre nichts tut, hat man halt einen Investitions-Stau. Der Trend wurde total verpennt“, kritisiert Thomas und verspricht: „Diesen Plan werde ich unserem Landrat aus den Rippen leiern!“

Was nicht heißt, dass er in jedem Dorf „die Mega-Investition Kunstrasen-Platz“ installiert haben möchte. Acht oder neun würden schon reichen. Dabei schweben ihm eher die Vereine vor, „die in der Bezirksliga und höher spielen. Damit sie konkurrenzfähig bleiben.“ Zum Vergleich: Direkt angrenzend in Braunschweig (29) oder Wolfsburg (21) würden Kunstrasen-Plätze in Hülle und Fülle existieren. Für viele hiesige (Nachwuchs-)Fußballer auch ein Lockmittel. „Es kann nicht sein, dass wir sie hier gut ausbilden und sie dann abwandern“, betont Thomas.

In den meisten Fällen reiche im Grunde aber schon ein zweites Geläuf, um dann das komplette Jahr über wechselweise den Übungs-Betrieb aufrecht erhalten zu können, sagt der Mann an der Spitze. In diese Forderungen greift auch die Modernisierung der weiteren Vereins-Anlagen mit rein. „Wenn wir Sportheime haben, die aussehen wie abgeranzte Garagen, kommt kein Jugendlicher“, plädiert Thomas für die Stärkung der Dorfstrukturen.

Was Thomas beim Mammut-Projekt Infrastruktur wichtig ist: Es dürfe partout keine Neid-Debatte entstehen. Jeder soll der Reihe nach zu seinem Recht kommen. Mit Verbindlichkeit und Transparenz.

Qualifizierung

Dank Henning Grußendorf ist dieser Zweig aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Und soll ebenfalls noch zeitgemäßer werden. Wo wir wieder beim Stichpunkt eSoccer wären. Die Konsole biete nämlich eine attraktive Alternative zur klassischen Kreide- oder Magnettafel für Trainer, unterstreicht Thomas. Man müsse sich das etwa vorstellen wie bei der Sky-Halbzeitanalyse mit Ex-Profi Erik Meijer, der auf dem Bildschirm Taktik-Analysen vornimmt. „Über dieses System können sich Coaches noch besser qualifizieren. Für mich ist das moderne Trainingsarbeit.“

Schiedsrichter

Ein „höchstsensibles“ Thema für den Kreisfußballchef. An der Referee-Front krankt es bekanntlich. Die ersten Abschreckungs-Maßnahmen hätten bei vielen Vereinen noch nicht gefruchtet, moniert Thomas. Daher wird der NFV-Kreis die Sanktionen noch einmal verschärfen, kündigte er an. Punkt-Abzüge, wie nun in Helmstedt eingeführt, werde es nicht geben. „Das ist für mich eine Bankrott-Erklärung“, akzentuiert Thomas. So würden die Aktiven eher aus den sündigen Vereinen flüchten. Der Kreis wird vielmehr feststellen: Was kostet ein Unparteiischer pro Saison im Gesamtaufwand? „Dann legen wir noch einmal einen 100-Euro-Schein oben drauf als Strafe, damit es den Vereinen wehtut. Wir werden richtig an der Preisschraube drehen.“ Einem möglichen Aufschrei der Entrüstung sieht der 53-Jährige gelassen entgegen und entgegnet: „Wer sich kümmert, bekommt auch keine Strafe. Das ist wie bei einem Blitzer: Wenn ich mit Tempo 90 in eine 70er-Zone fahre – ist dann der Blitzer schuld oder ich!?“

Relegations-Dilemma

Rückbetrachtend hat der NFV-Kreis auf die heiß diskutierten und Aufstiegs-relevanten Entscheidungen am Grünen Tisch in den Fällen SV Osloß und SV Gifhorn II bereits seine Lehren gezogen. Damit solche Probleme nicht wieder aufploppen. Die letzten zwei Spieltage werden künftig knallhart zeitgleich ausgetragen, um eine Wettbewerbs-Verzerrung auszuschließen. Auch die Schiedsrichter werden noch einmal gezielt sensibilisiert, um äußere Einflüsse besser einzuordnen. Die Statuten oder auch das „niederschmetternde“ Bezirkssportgerichts-Urteil in der Causa SV Gifhorn II hätten die hiesigen Instanzen aber in Handschellen gelegt. Wenngleich der Vorstand Neutralität gewahrt hätte, so sei man doch schwer enttäuscht gewesen. „Was kann man machen, wenn sich zwei Teams menschlich daneben benehmen“, seufzt Wolter.

VON INGO BARRENSCHEEN

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