Schluss nach 800 Kilometern

Verletzung bremst Matthias Bölsche beim Deutschlandlauf aus

Matthias Bölsche posiert vor dem Hamburger Hafen
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Stark! Matthias Bölsche legte beim Deutschlandlauf 2021 (hier auf der dritten Etappe im Hamburger Hafen) gut 800 Kilometer zurück.
  • Ingo Barrenscheen
    VonIngo Barrenscheen
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Der Emmer Extremsportler Matthias Bölsche stellte sich der Mammutaufgabe Deutschlandlauf. 1350 Kilometer sollten es werden - nach 800 Kilometern war allerdings Schluss. Das Schienbeinkanten-Syndrom machte dem 46-Jährigen einen Strich durch die Rechnung. Einen erneuten Anlauf schließt Bölsche nicht aus.

EmmenMatthias Bölsche weiß, wie man den inneren Schweinehund überwindet. Wie man Qualen ausblendet. Sie bezwingt. Doch bei seinem neuerlichen Ausdauer-Abenteuer musste selbst der ehrgeizige Emmer Extremsportler seinem Körper Tribut zollen. Nach gut 800 – von geplanten 1350 – Kilometern beim legendären Deutschlandlauf zwang ihn der sogenannte Shin Splint schweren Herzens zur Aufgabe.

An Tag 13 ist Schluss

Shin was!? Im Mediziner-Jargon steht dieser Begriff für das Schienbeinkanten-Syndrom. „Das ist wie eine Entzündung“, erklärt Bölsche. Und wie die berühmte Achillesferse für Ultrasportler wie ihn offensichtlich. Denn als er am Morgen der 13. Etappe in Bingen am Rhein aufwachte, konnte er seinen linken Fuß „weder aufsetzen geschweige denn bewegen“. So schlimm hatte ihn der Schmerz an den Zehen und am Fußheber getroffen. Damit befand sich der Emmer allerdings in guter Gesellschaft: Bis dahin hatten bereits zehn von insgesamt 27 Teilnehmern dieser Nord-Süd-Durchquerung der Republik von Sylt bis zur Zugspitze klein beigegeben – „acht davon hatten dasselbe wie ich“, erklärte Bölsche.

Der Ausgangspunkt: Los ging es für Matthias Bölsche am nördlichsten Zipfel Deutschlands auf der Ferieninsel Sylt.

Socken-Trick hilft nicht

Ein schwacher Trost. Ankommen lautete das Ziel. Die Strecke bezwingen. Dabei hatte es bis zur Hälfte der elendig langen Route prima ausgesehen für den 46-Jährigen. „Bis zur zehnten Etappe war alles tipptopp. Ich habe schon von der Zugspitze geträumt.“ Keine muskulären Probleme. Keine Blasen. „Umso ärgerlicher ist dann das Ausscheiden.“ Ausgerechnet in Köln, der Stadt seines Lieblings-Fußballclubs 1. FC, bemerkte er die ersten Anzeichen des Shin Splints. Dabei hatte er sogar eingangs auf den Veranstalter gehört und als vorbeugende Maßnahme seine Laufsocken von oben eingeschnitten. Damit der Druck vom Saum auf den Schienbein-Bereich gemindert wird. Das allein half nicht.

Direkt Schluss machen kam für Bölsche nicht in die Tüte. Also spulte er noch zwei Zwischenstücke runter. Mit geschmeidigen 150 Kilometern. Doch offenbar hätte er in der herrlichen Landschaft rund um Bingen seinem „Bein den Rest gegeben“. Denn es ging teils die Weinberge rauf und runter. Auf grobem Schotter.

Frust weicht Stolz

Als er dann am nächsten Tag – wie jeden Morgen in aller Herrgottsfrüh um 3.30 Uhr – vom angehenden Licht in der Turnhalle (dort waren die Starter bei jedem Stopp untergebracht) aufgeweckt wurde, musste ihm ein bereits ausgeschiedener Aktiver Krücken leihen. Nun sind erst einmal fünf bis sechs Wochen Sport-Verbot angesagt. Selbstredend sei die Enttäuschung im ersten Augenblick „enorm groß“ gewesen. Als er dann aber nach und nach realisierte, dass er sage und schreibe 800 Kilometer zurückgelegt hatte, war er doch ein Stück weit stolz auf seine Performance.

Die Enttäuschung war im ersten Moment enorm groß. Als Sportler will man Sachen auch zu Ende bringen.

Matthias Bölsche liebäugelt mit einem erneuten Start 2023

Romantik muss sein

Was hat er, unabhängig von der Challenge, unterwegs nicht alles gesehen und erlebt. „Unvergesslich“ sei es gewesen, am nördlichsten Punkt Deutschlands auf Sylt zu starten. Nach dem ersten Tag Findungsphase hätten die Athleten dann „nur noch funktioniert“. Dennoch hatte Bölsche auch den Blick auf die tollen Landschaften. „Der Teutoburger Wald war sehr schön, auch die Loreley entlang. Man hat schon was wahrgenommen. Das waren Stellen, da kommst du teils so schnell nicht wieder hin.“ Weil sie manchmal abseits der Hauptverkehrsadern liefen. Im Gedächtnis haften bleibt ihm auch Köln. Nicht nur wegen der sich anbahnenden Verletzung. Sondern weil der Emmer über die Deutzer Brücke lief und sich die Muße nahm, nach dem Schloss zu suchen, dass er einst gemeinsam mit seiner Frau als Zeichen der Liebe dort aufgehängt hatte. Zudem traf er in Münster unversehens auf der Straße eine Bekannte aus der Ultra-Triathlon-Szene. „Wir konnten es beide erst nicht glauben, haben aber ein bisschen geschnackt.“

Herrliche Kulisse: Bölsche vor der Loreley.

„Spartanisch, aber gut“

Selbstverständlich wäre Bölsche nicht Bölsche, wenn er nach der gescheiterten Mission nicht über einen zweiten Anlauf nachdenken würde. Der Deutschlandlauf sei alle zwei Jahre: 2023 ist also womöglich ein neuer Fixpunkt. „Als Sportler will man ja Sachen auch zu Ende bringen.“ Und dafür auch gerne alle Anstrengungen auf sich nehmen. Denn die Tage beim Wettbewerb sind penibelst durchgetaktet. Wie gesagt: 3.30 Uhr aufstehen, 4 Uhr Frühstück, 5 Uhr mit Stirnlampe (ansonsten herrscht Startverbot) auf die Strecke, abends essen, duschen, packen (30 Kilogramm Gepäck war Limit), um 21 Uhr geht das Licht aus. Geschlafen wurde auf Iso- oder Gymnastikmatten. Manch ein Athlet sei aufgrund des Geräuschpegels auch zum Pennen in die Dusche geflüchtet... „Es war spartanisch, aber gut“, sagt Bölsche. Apropos: Spartaner gaben niemals auf. Ergo wird ihn der Deutschlandlauf bestimmt wiedersehen.

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