Handball – Zweites Ehemaligen-Treffen des VfL Wittingen weckt einmalige Erinnerungen und Emotionen

Unter Legenden: Wenn ein Weltmeister weint

So jung kommen wir nicht mehr zusammen... Die ehemaligen Handball-Cracks des VfL machten bei ihrer Erkundungstour durch Wittingen auch an der Geschäftsstelle des Isenhagener Kreisblatts für ein Erinnerungsfoto halt. Foto: Marud

Wittingen. Da sitzt er also vor mir, der Weltmeister von 1959 im Feldhandball – und hat Tränen der Rührung in den Augen. Übermannt von Gefühlen.

Die Erinnerungen an den WM-Titel von Wien, vor allem aber an die emotionale Wiedervereinigung 30 Jahre später mit den ostdeutschen Teamgefährten, wühlen Peter Baronsky stets aufs Neue auf. Kein Detail ist verblasst – als wäre es gestern gewesen. Und der sympathische Senior lässt mich teilhaben an einem einmaligen Stück Sportgeschichte, das in Wittingen seine Wurzeln hat.

Das Imposante: Baronsky ist nur einer von vielen Altvorderen an diesem Abend im Saal des Hotels Nöhre, die Wittingen zu dem gemacht haben, was die Stadt auch heute noch ist: eine Handball-Hochburg. Ich könnte mir jeden aus dem Kreise der gut 50 Ex-VfL-Cracks bei ihrem zweiten Ehemaligentreffen schnappen – jeder wüsste Buchbände mit Anekdoten zu füllen.

Nicht nur ich merke: Hier ereignet sich gerade eine Zusammenkunft historischen Ausmaßes. „Was hier zu sehen ist, haut einen um“, ist auch der VfL-Handball-Abteilungsleiter Kai Schüttenberg ergriffen. Aus allen Himmelsrichtungen sind die Ikonen, teils weit gereist, der Einladung gefolgt. Diethard Behr aus Celle verleiht der Freude aller Ausdruck. Riesenlob für den fünfköpfigen Organisations-Stab vor Ort: „Was ihr gebaut habt, verursacht einfach nur Freude.“ Dazu gehört Günter „Schorse“ Franke, der ihn zu seiner aktiven Zeit in „unnachahmlicher Art und Weise“ gefördert hätte, meint Behr. Einen augenzwinkernden Kritikpunkt hat er dann doch. „Das einzig Negative ist, dass wir nicht zweimal fünf Minuten gespielt haben…“ Es juckt halt immer noch.

Zwischen mir und dem Rest der Routinier-Runde liegen Generationen. Dennoch eröffnet sich selbst einem Unbeteiligtem eine faszinierende Fachsimpelei über die guten, alten Zeiten. Als noch Feldhandball auf Großfeld mit Elf gegen Elf gespielt wurde. Fast wie Fußball.

Geprägt von Größen wie Baronsky. Retrospektive. Als Nachkriegs-Flüchtling kam er mit 13 Jahren nach Wittingen, hatte dort in der alteingesessenen Familie Kuhlmeyer Verwandtschaft. Doch schnell fand er Freunde. Über den Sport. Handball als Integrationshilfe in schwierigen Zeiten. Vier seiner Klassenkameraden von damals sitzen an diesem Abend übrigens an den Nachbartischen.

„Wir hatten Spaß und Erfolg“ erzählt Baronsky. Die verschworene Gemeinschaft ließ sich einiges einfallen, um dem liebsten Hobby zu frönen. „Wir hatten 1947 nichts anzuziehen. Also hat jeder ein weißes Unterhemd mitgebracht und es rot gefärbt, damit wir einheitlich aussehen“, so der 79-Jährige. Außerdem sammelten er und seine Kameraden Reisigsträucher und bastelten Besen daraus, die verkauft wurden. „Damit haben wir aber nicht den Trainer bezahlt, sondern uns einen richtigen Handball gekauft“, lacht Baronsky.

Später ruft VW. In Wolfsburg reift er im Kreise eines Spitzenteams zum Nationalspieler, bestreitet 1957 sein erstes Länderspiel im Leipziger Zentralstadion vor der unglaublichen Kulisse von 100000 Fans! Zwei Jahre später wird Baronsky Teil der ersten und einzigen gemischt-deutschen WM-Auswahl! Eine Anweisung der Internationalen Handball-Föderation, da die BRD und DDR die führenden Feldhandball-Mächte sind. Je acht west- und ostdeutsche Spieler werden in den zwei Wochen als Mixed-Paare in den Zimmern untergebracht. „Wie sehr das verbindet, haben wir erst nach der Wende erkannt“, erklärt Baronsky sichtlich gerührt. Unmittelbar nach dem siegreichen WM-Finale werden die ostdeutschen Mitspieler auf Geheiß von Staatssekretär Walter Ulbricht nach Berlin abgerufen. Baronsky und Co. müssen den Titel allein feiern. „Darüber waren wir nicht beglückt.“

30 Jahre später fällt die Mauer. Seither gibt es ein Wiedersehen. Jedes Jahr. Aber auch die Reunion mit den VfL-Verbündeten bringt Baronskys Augen zum Leuchten. „Ich habe so viele schöne Erinnerungen aus meiner Jugendzeit an Wittingen.“ Dort, wo alles begann mit der Handball-Hochzeit.

Günther Rocke geht es genauso. Schlappe 750 Kilometer hat aus der Nähe von Bad Tölz zurückgelegt. Nur um mit den Weggefährten von früher zu schnacken. Wobei: „Die meisten habe ich nicht mehr erkannt, musste erst nach dem Namen fragen“, gibt Rocke zu. Lang, lang ist’s her. Doch auch er entsinnt noch an die glorreiche Handball-Zeiten in Wittingen. Mit dem VfL in der Oberliga. Damals, vor Gründung der Bundesliga 1966, die oberste Klasse in Deutschland. „Da haben hier absolute Spitzenleute gespielt. Wenn man bedenkt, welche Granaten aus dem Verein hervorgegangen sind. Das Niveau war sehr hoch“, betont Reinhard Unger. „Wir sind bis nach Hannover, Hildesheim oder Hannoversch-Münden gefahren“, unterstreicht Rocke. 2012 Normalität. In den 60er-Jahren keineswegs.

Früher war nicht unbedingt alles besser, aber definitiv anders. „Wir sind zum Spiel auf Großfeld in Ohrdorf mit dem Fahrrad gefahren, haben zwischendurch uns noch an den Äpfelbäumen verpflegt. Dann mussten wir die Wiese erst einmal von den Kuhfladen befreien und den Platz mit Sägespäne abkreiden“, gibt Rocke einen Schmunzler-Schwank zum Besten und schiebt hinterher: „Wenn ich die Rasenplätze heute sehe, würde ich am liebsten gleich rauflaufen und spielen…“ Wobei: Der Feldhandball ist mittlerweile von der Bildfläche praktisch verschwunden. Nostalgische Stelldicheins wie das der VfL-Handball-Urgesteine aber erhalten den Ruhm am Leben.

Von Ingo Barrenscheen

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