Handball: Aderlass zwingt SG VfL Wittingen/Stöcken zu harter Entscheidung

„Unpopulärer“ Rückzug in Landesliga!

Zu viel Schwund für den Verbleib in der Verbandsliga: Die Handballer der SG VfL Wittingen/Stöcken müssen durch den Abgang von Torsten Meyer (M.) und Co. schweren Herzens ihr bisheriges Jagdrevier aufgeben.
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Zu viel Schwund für den Verbleib in der Verbandsliga: Die Handballer der SG VfL Wittingen/Stöcken müssen durch den Abgang von Torsten Meyer (M.) und Co. schweren Herzens ihr bisheriges Jagdrevier aufgeben. 

Wittingen – Beim deutschen Singer-Songwriter Joris mögen Entscheidungen „Herz über Kopf“ gefällt werden. Die Handballer der SG VfL Wittingen/Stöcken aber lassen den Kopf über das Herz siegen.

Und haben einen Beschluss gefasst, der genauso „unpopulär“ (Spartenleiter Kai Schüttenberg) wie überraschend ist: Die erste Herren tritt am Ende der laufenden Saison freiwillig den geordneten Rückzug aus der Handball-Verbandsliga an! Zudem wird die dritte Herren abgemeldet. Schuld an dieser unverhofften Rolle rückwärts in die Landesliga ist der dritte XXL-Aderlass innerhalb weniger Jahre!.

Handballchef Schüttenberg weiß um die Tragweite und die mögliche Welle der Empörung bei der eingefleischten Fangemeinde. „Das kann uns von außen harsche Kritik einbringen.“ Doch er ist, genauso wie alle anderen Entscheidungsträger, für Zwiegespräche gewappnet. Aus Sicht des Vereins gibt es schlichtweg keine andere, zumindest plausible Lösung. „Wir haben erhebliche Verluste in der ersten Mannschaft“, unterstreicht Schüttenberg.

Definitiv verlassen wird die SG VfL Torsten Meyer. Der Aufwand sei zu groß. Bezeichnenderweise der einzige externe Zugang der letzten vier Jahre (!) in Wittingen. Hinzu kommen weitere arrivierte Kräfte wie Sebastian Schulze, Kai Eschert, Marten Schultze oder Jan-Philipp Goetzie, die aller Voraussicht nach aufhören werden. „Alle Spieler haben Gründe genannt, und die respektieren wir auch. Neue können wir uns nicht schnitzen“, betont der Handball-Vorreiter. Denn anders als in anderen Clubs werde bei Wittingen/Stöcken nie Geld fließen.

In der Vergangenheit hätte es die SG VfL immer geschafft, namhafte Abgänge aufzufangen. Doch nunmehr sei „das Delta einfach zu groß“, unterstreicht Trainer Christian Gades. Seit er einst in der Oberliga einstieg, hätte sich peu à peu eine komplette erste Sieben zerstreut. Bereits einige Partien in der laufenden Serie hätten gezeigt, wie schwierig es wird, wenn Stammkräfte fehlen. Und die Handball-Hochburg möchte nicht zum Kanonenfutter verkommen. „Wir müssen vernünftig und realistisch vorgehen und können nicht auf Teufel komm raus etwas am Leben erhalten, was illusorisch wäre“, bekräftigt Schüttenberg.

Wohl gemerkt: Die Verbandsliga als Auslaufmodell wurde der Mannschaft nicht aufdiktiert. „Wir sind auf die Spieler zugegangen und haben gefragt: Wie soll es weitergehen“, erklärt Gades. Es gab eine demokratische Umfrage innerhalb der gut 30 Akteure, die künftig noch sicher über bleiben und aus denen dann zwei Teams gebildet werden in der Landes- und Regionsoberliga. Innerhalb des Plenums herrschte in weiten Teilen der Konsens, dass der Aufwand zu groß und ein Neuanfang eine Etage tiefer sinnvoller sei.

In der Brauereistadt schlägt also die Stunde null. Die SG VfL macht jetzt einen Schritt zurück, um später womöglich wieder zwei vorwärts machen zu können. Oder wie der Abteilungsleiter es ausdrückt: „Um uns gesund zu schrumpfen. Man sieht jetzt, dass die Fusion mit Stöcken richtig war und sogar vier, fünf Jahre zu spät kam“, führt Schüttenberg an. Die fetten Jahre mit dem Aufstieg bis in die Oberliga sind also vorerst vorbei. „Schon traurig“, findet Gades rückblickend. Aber es gäbe eben die genannten guten Gründe für den Reset-Knopf. Wobei genau diese jüngere Vergangenheit eben auch gezeigt hätte, dass ein Neuanfang keinem Ende gleichkommt. Schüttenberg hat ebenfalls eine Träne im Knopfloch, sagt aber gleichwohl: „Wenn man unsere Geschichte sieht, waren wir schon mehrere Male im Bezirk und sind wieder hochgekommen.“

An diesem Wochenende wird der Verein den Verband über sein Urteil in Kenntnis setzen. Um Transparenz und Fairness gegenüber der Konkurrenz walten zu lassen. In den drei verbleibenden Spielen will Wittingen/Stöcken aber noch einmal Vollgas geben und sich keine Wettbewerbs-Verzerrung vorwerfen lassen, pointiert Gades: „Wir wollen mit sechs Punkten rausgehen.“

VON INGO BARRENSCHEEN

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