Sein neuer Klub hat ihm viel Kraft beim Sieg über die Krankheit gegeben

„Dem Krebs die Rote Karte gezeigt“: Bewegende Geschichte um Eischott-Kicker Stefan Köhn

Stefan Köhn hat sein Lächeln wiedergefunden. Nach zwei erfolgreichen Krebs-Behandlungen will der 26-Jährige vom Fußball-Kreisklassisten SV Eischott wieder fit werden.
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Stefan Köhn hat sein Lächeln wiedergefunden. Nach zwei erfolgreichen Krebs-Behandlungen will der 26-Jährige vom Fußball-Kreisklassisten SV Eischott wieder fit werden.
  • VonAron Sonderkamp
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Der 29. August 2020 war ein Tag, an dem das Leben, wie Stefan Köhn es kannte, schlagartig endete. An diesem Tag erhielt er im Krankenhaus die schlimme Diagnose Akute Lymphatische Leukämie – Blutkrebs. Mit viel Willen, Kampf und Ausdauer überstand der 26-Jährige die Erkrankung. Er fand ins Leben zurück und mit dem SV Eischott einen Fußballverein, der ihm mehr als nur Kameraden bringen sollte. Denn seine Mitspieler halfen ihm, auch seinen Rückfall in diesem Jahr zu überstehen.

Sieben Monate Quarantäne

„Das Erste, was mir da durch den Kopf gegangen ist, war: Scheiße, ich sterbe“, erinnert sich Stefan Köhn an seine erste Diagnose zurück. Eigentlich stand lediglich eine Operation nach einem Fahrradunfall auf dem Plan. Im Zuge dessen entdeckten die Ärzte allerdings auch die Leukämie. „Ich wollte niemandem davon erzählen. Ich habe mich geschämt, mit Leuten darüber zu sprechen. Ich lasse mir nie anmerken, dass es mir schlecht geht.“ Erst waren nur Köhn selbst und seine Freundin im Bilde. Dann weihte der leidenschaftliche Sportler seine Eltern ein, Familie und Freunde folgten.

Was dann kam, waren sieben Monate im Krankenhaus. „Nach der Diagnose bin ich direkt dortgeblieben. Ich kam in Quarantäne, war von der Außenwelt abgeschottet. Das war der blanke Horror.“ Gänzlich allein war der Hobby-Kicker allerdings nicht: „Nach der ersten Diagnose bekam ich über 1800 Nachrichten und hatte über 600 verpasste Anrufe.“

Diese Krankheit wünschst du nicht einmal deinem schlimmsten Feind. Als mir beispielsweise die Haare ausgefallen sind, habe ich mich abgeschottet. Ich hab mich im ersten Moment einfach geschämt.“

Eischott-Kicker Stefan Köhn über seine schlimme Diagnose Blutkrebs

Eine enorm große Stütze war auch seine Lebensgefährtin: „Wir haben täglich zwischen zwei und acht Stunden per Videocall telefoniert, auch bei der Arbeit.“

Auch Köhns Familie und Freunde versuchten, ihm mit Nachrichten oder Anrufen zur Seite zu stehen: „Mit meiner Cousine habe ich beispielsweise oft abends ferngesehen. Es gab so einen Rhythmus, mit wem ich wann telefoniere.“

„Ich habe gefühlt jeden Tag geweint“

Diese Gespräche fielen ihm allerdings nicht immer leicht: „Ich habe gefühlt jeden Tag geweint. Diese Krankheit wünschst du nicht einmal deinem schlimmsten Feind. Als mir beispielsweise die Haare ausgefallen sind, habe ich mich abgeschottet. Ich hab mich im ersten Moment einfach geschämt.“

In solchen Situationen half besonders die angeordnete psychologische Hilfe. Köhn bekräftigt: „Es war enorm wichtig für mich, diese Gespräche zu führen. Wenn nicht sogar das Wichtigste. Er konnte sich einfach in meine Lage hineinversetzen.“

„Als würde innerlich alles brennen“

Teil seines „härtesten Marathons“, wie der Arzt es dem Hobby-Läufer erklärte, waren auch die sechs Chemo-Therapien. Seinen körperlichen Zustand erklärte Köhn wie folgt: „Bei mir war es, als würde ich innerlich verbrennen. Ich habe teils 40 Mal am Tag gebrochen.“

Auf dem Weg zur Besserung

Die Therapien schlugen an. Nach und nach kämpfte sich Köhn zurück ins Leben, fing beim Kreisklassisten SV Eischott sogar wieder an, Fußball zu spielen. Eine mehr als glückliche Fügung, wie sich herausstellen sollte. Denn der Weg der Besserung fand ein abruptes Ende. Der Krebs kam zurück. „Für uns alle war das ein Riesen-Schock“, erinnert sich auch Eischott-Coach Lukas Heider. Auch Köhn unterstreicht: „Da ist eine Welt zusammengebrochen. Es war nochmal schlimmer als die erste Diagnose.“ Seine neuen Team-Kameraden hatte er allerdings bereits ins Herz geschlossen und stand bis zum letztmöglichen Zeitpunkt weiter auf dem Platz. Zuletzt musste Köhn alle zehn Minuten an die Seitenlinie, um sich seine Antibiotika abzuholen...

Die erneute Behandlung

Dann begann seine zweite Behandlung. Der SVE spielte dabei eine große Rolle: „Die Mannschaft hat mir während dieser Zeit so viel geschrieben, angerufen und mir immer wieder Videos geschickt. Das hat mir so viel Kraft gegeben. Da habe ich nur gedacht: Die Krankheit besiege ich jetzt!“

Sein Wechsel zum SV Eischott: Eine kuriose Elfmeter-Entstehung

Der Wechsel von Stefan Köhn vor dieser Saison zum SV Eischott kam auf zufällige und kuriose Weise zustande. Eischott-Spieler Domenik-Pascal Oertelt, ein Freund von Köhn, sorgte für die musikalische Untermalung eines Events der Jungen Gesellschaft Velstove – und lud den 26-Jährigen ein. Köhn sagte zu und lernte an diesem Abend SVE-Coach Lukas Heider kennen. Bei einem Gespräch sagte Köhn, er könne zehn von zehn Elfmetern hintereinander verwandeln. Kurzerhand schnappte sich Heider seinen Bekannten Hendrik Lange vom TSV Brechtorf und ging mit den Beiden auf den Sportplatz. Dort ging es an den Elfmeter-Punkt. Nach einigen verwandelten Elfern wurde die Wette erneuert. Köhns Einsatz: Verschießt er einen Strafstoß, wechselt er zum SVE. Der nächste Schuss ging prompt neben den Kasten. Bereits am nächsten Tag gab Köhn sein Testspiel-Debüt: „Ein Mann, ein Wort.“

Mit dieser Einstellung ging er in seine diesmal häusliche Therapie. Am 10. November bekam er die Ergebnisse: „Ich habe dem Krebs die Rote Karte gezeigt. Da war dann Party-hard angesagt. Zwischen Lachen und Weinen gab es keinen Unterschied.“ Auch seine Team-Kameraden meldeten sich alle bei Joko, wie er nur gerufen wird: „Ich habe schon in vielen Mannschaften gespielt. Aber sowas habe ich noch nie erlebt.“

Den Blick nach vorne gerichtet

„Ich will der Mannschaft weiterhelfen, wo ich nur kann. Ich will versuchen, wieder fit zu werden, und an meinen Defiziten arbeiten.“ Eines dieser Defizite ist sein derzeitiges Gewicht. Der 1,89-Meter große Köhn wiegt derzeit nur 56 Kilogramm. „Ich bin noch gezeichnet. Aber ich habe einen Ernährungs- und Fitnessberater. Ich versuche, meinen Körper so hinzukriegen, dass ich wieder einigermaßen lebensfähig bin“, zeigt sich der SVE-Kicker zuversichtlich.

„Noch bin ich sehr, sehr schlapp und müde. Man will sich aber zurückkämpfen. Ich habe jüngst meine erste Laufeinheit absolviert. Und ich habe drei Mal die Woche ein Fitnessprogramm.“

Gänzlich ausblenden, dass er jederzeit rückfällig werden könnte, kann der 26-Jährige allerdings nicht: „Sobald du irgendwas hast und sei es nur ein Schnupfen, fragst du dich: Ist der Krebs zurück?“

Unterkriegen lässt er sich von diesen nachvollziehbaren Gedankengängen jedoch nicht: „Ich bin ein Mensch, der noch nie aufgegeben hat.“ Das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern.

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