Mehrheit von Japans Bevölkerung gegen Austragung

Noch 100 Tage bis zu den umstrittenen Olympischen Spiele in Tokio: Giovanna Scoccimarro bangt mit

Die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ist 100 Tage vor den Olympischen Spielen gegen eine Austragung 2021. Auch das Lessiener Judo-Ass Giovanna Scoccimarro wird die Entwicklung argwöhnisch beobachten.
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Licht und Schatten im Zeichen der fünf Ringe... Während die Spitzenathleten auf Olympia 2021 in Tokio hoffen, regt sich in Japans Bevölkerung Widerstand.
  • Ingo Barrenscheen
    vonIngo Barrenscheen
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Tokio/Lessien/La Palma – Noch exakt 100 Tage, bis in Tokio die Flamme der umstrittenen Olympischen Spiele 2020 respektive 2021 entzündet werden soll. Für die Macher in Japan wird im Kampf um Vertrauen und ein tragfähiges Rettungspaket für die Not-Sommerspiele die Zeit knapp.

Es gären Impfdiskussionen. Zudem ist die Mehrheit der japanischen Bevölkerung aus Angst vor einer weiteren Corona-Welle für die Absage oder Verschiebung des Ringe-Spektakels. Nebenwirkungen, die auch Giovanna Scoccimarro mit Argwohn registrieren wird. Das Judo-Ass aus Lessien will nicht ein zweites Mal auf dem Weg zu ihrem großen sportlichen Traum auf der Zielgeraden noch von einem Virus ausgebremst werden, der seit über einem Jahr die Welt in Atem hält. Immerhin hat sie wie viele andere Athleten auch seit Jahren ihre Lebensplanung auf Tokio abgestimmt.

40 Prozent der Japaner für Absage der Spiele

Dementsprechend klingeln angesichts der breiten Ablehnung im Austragungsland ein wenig die Alarmglocken. Nur etwa 24 Prozent der Japaner befürworten aktuell noch die Austragung der Olympischen Spiele, die am 23. Juli mit der Entzündung des olympischen Feuers in Tokio beginnen sollen – das geht aus einer am Montag, 12. April, veröffentlichten Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo News hervor. 39,2 Prozent der Befragten sind für eine Absage der bereits um ein Jahr verschobenen Welt-Wettkämpfe. 32,8 Prozent sprachen sich für eine erneute Verschiebung aus.

Sogar 92,6 Prozent der Befragten sagten, sie seien besorgt über ein Wiederaufflammen von Virusinfektionen. In Japan geht das Impfen nur sehr schleppend voran. Nach Angaben des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales sind bis zum vergangenen Freitag nur 0,4 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft worden. Mediziner warnen davor, dass die Spiele im schlimmsten Fall zum Superspreader-Ereignis werden und neue Virusvarianten hervorbringen könnten.

„Wir tun unser Äußerstes für die Maßnahmen gegen das Coronavirus“, beteuerte Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga gerade erst wieder. Alfons Hörmann, der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, indes sagte der Welt am Sonntag: „Die Spiele unterliegen dem größten Risiko in ihrer jüngeren Geschichte. Alles andere wäre schöngeredet.“

DOSB-Chef Hörmann: Impfung unerlässlich

Daher sieht der DOSB-Präsident eine Impfung aller impfwilligen deutschen Starter als Grundlage für die Reise eines Teams ins Land des (gequälten) Lächelns. Nur in diesem Fall könne der Deutsche Olympische Sportbund „guten Gewissens die Mannschaft nach Tokio entsenden“, sagte Hörmann im NDR-Sportclub. Der 60-Jährige zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass nun auch die Sportler bald an die Reihe kommen. „Wir gehen davon aus, dass alle Athletinnen und Athleten und selbstverständlich auch alle Betreuer rechtzeitig eine Impfung erhalten werden.“

„Nur dann, wenn wir überzeugt sind, die Mannschaft gesund nach Japan zu bringen und wieder zurück, kann man letztlich an den Spielen teilnehmen.“

DOSB-Präsident Alfons Hörmann

Dies sei auch dringend notwendig. Das Infektionsrisiko werde für die Olympioniken „von Woche zu Woche größer“. Allein im März haben sich laut Hörmann 35 deutsche Spitzenathleten mit Corona infiziert. Mit der Gefahr einer Ansteckung machte auch Scoccimarro Bekanntschaft, als sie unverrichteter Dinge vom Judo-Grand Slam in Tiflis abreisen musste, nachdem sich dort mehrere Teammitglieder infiziert hatten (das IK berichtete). Daher fordert der DOSB-Chef das Internationale Olympische Komitee und Gastgeber Japan zu strengen Corona-Maßnahmen für die Spiele auf. Hörmann: „Nur dann, wenn wir überzeugt sind, die Mannschaft gesund nach Japan zu bringen und wieder zurück, kann man letztlich an den Spielen teilnehmen.“

Er sei zwar „guten Mutes“ für ein schlüssiges Gesamtkonzept und wolle nicht über eine kurzfristige Olympia-Absage spekulieren. Aber Hörmann sagte auch: „Wenn wir mit diesem guten Gewissen nicht ins Flugzeug steigen könnten in einigen Monaten, dann wäre wohl ein schwieriger Punkt erreicht.“ Immerhin wird der deutsche Tokio-Tross gut 2000 Mitglieder umfassen.

Finaler Fokus für Scoccimarro auf La Palma

Neu aufgeflammter Trubel, von dem indes Scoccimarro derzeit (zum Glück) nicht viel mitbekommen dürfte. Die Lessienerin weilt mit dem deutschen Frauen-Olympiakader noch bis zum 20. April im zweiwöchigen Konditions-Trainingslager auf der Kanaren-Insel La Palma. Dort sammelt sie Kraft für den finalen Zweikampf um das Tokio-Ticket in ihrer Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm. Die bisherige Nummer 1 muss ihre schärfste Konkurrentin Miriam Butkereit (TSV Glinde) beim Grand Slam in Kasan (5. bis 7. Mai) und bei der WM in Budapest (6. bis 13. Juni) im Zaum halten, um weiter die Nase vorn zu haben. Der Deutsche Judo-Bund hatte jüngst erklärt, dass diese beiden Turniere bei der Entscheidungsfindung den Ausschlag geben werden.

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