Matthias Bölsche und der irre Abnutzungskampf beim Fünffach-Ironman

„Ich war total in Trance“

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Der schönste Kniefall seines Lebens: Der Emmer Matthias Bölsche hält beim Fünffach-Ironman in Bad Blumau stolz das Veranstaltungsplakat im Ziel hoch.

Emmen – Fast hätte ihn die Elefantenrunde in die Knie gezwungen. Doch letztlich fiel Matthias Bölsche, von Glückshormonen im geschundenen Körper durchströmt, freiwillig auf die Knie. Im Ziel.

Mit dem Banner seiner bislang größten Challenge und der exklusiven Finisher-Medaille um den Hals. Geschafft!

Der Emmer Extremsportler ist nach seinem erfolgreichen Start in Österreich einer von nur gut 250 Ultra-Triathleten auf diesem Planeten, der einen Fünffach-Ironman bewältigt hat.

Übersät mit Blasen

Dabei ist das kleine Idyll Bad Blumau in der Oststeiermark eigentlich für seine Hundertwassertherme bekannt – das Wasser dort fühle sich wie Seide an der Haut an, heißt es. Der IK-Sportler des Jahres 2017 indes spürte nach den 19 Kilometer Schwimmen, 900 Kilometer Radfahren und 211 Kilometern Laufen binnen sechs Tagen nur noch eines: Schmerzen in jeder Faser seiner Hochleistungs-Maschine namens Körper.

Der besagte Kniefall: „Er hat auch wehgetan. Ich brauchte Hilfe, um wieder hochzukommen...“ Hochzukommen auf seine Beine und Füße, die mehr dicken Klumpen glichen. Übersät mit Blasen. „Das ist brutal. Sie sehen aus wie Elefanten-Füße. Jeder Schritt tat weh, aber man muss die Schmerzen ausblenden. Als wir wieder zuhause waren, musste mir meine Frau erst einmal Eis-Kompressen anlegen.“

Nächtliche Radrunden

Doch die Blessuren verschwinden schnell wieder. Die Freude, der Stolz bleiben. Darüber, die nächste Extrem-Evolutionsstufe erklommen zu haben. Im Grunde sei sein komplettes Wirken als Ultra-Sportler bislang eine Vorbereitung auf diesen bisherigen Karriere-Höhepunkt gewesen, erklärt Bölsche. „Das baut sich über Jahre auf.“ Letztlich hätte er mit Blick auf die Herkulesaufgabe in Bad Blumau nur noch „an kleinen Stellschrauben gedreht“ im Vorfeld.

Was für viele schon unzumutbar wäre: Als Abhärtung streute der 44-Jährige etwa nächtliche Fahrradrunden durch den Nordkreis ein, während das Isenhagener Land den Schlaf der Gerechten hielt. Unerlässliche Simulationen. „Man muss trainieren, mit wenig Schlaf oder wenig Essen auszukommen. Oder bei Hitze, bei Kälte, bei Regen trainieren. Damit man im Kopf klarkommt“, betont Bölsche. Letztlich müsse er im Wettkampf für alle Eventualitäten gewappnet sein.

760 Bahnen im Becken

Und ja, der sogenannte Quintuple-Wettbewerb sollte ihn an die Grenzen der Belastbarkeit (und darüber hinaus) treiben. Wobei es für den Emmer geschmeidig losging bei der ersten Disziplin, dem Schwimmen. Nach 10:57 Stunden – also weit vor der Cut-Off-Zeit von 16 Stunden seitens des Veranstalters – sei er aus dem kleinen 25-Meter-Becken gestiegen, in dem seine 32 Mitstreiter und er satte 760 Bahnen abgespult hatten.

Zwischenzeitlich hatte Bölsche sich kurz heiß abgeduscht. Trotz Neopren-Anzug seien die Beine in dem 24 Grad kalten Wasser „eingefroren“. Immerhin: Übergeben wie andere Athleten musste er sich nicht. „Der Magen wuppt im Wasser ja auch immer hin und her...“

Plastiktüte über Socken

So weit, so gut. Die schnelle Zeit sei „motivierend“ für die weiteren Strapazen gewesen. Die Ausnahme-Erscheinung gönnte sich aber nur eine kurze Verschnaufpause. Frisch gepudert wählte er Trick 17, um sich vor nassen Füßen, dem Tod eines jeden Ultrasportlers, zu schützen. „Ich habe mir eine Plastiktüte über die Socken gezogen und bin dann erst in meine Radschuhe.“

Dieser Kniff sollte sich schnell bewähren, denn Petrus verwöhnte die Hartgesottenen mit Hagel, Gewittern und anderen Kapriolen während der 333 Runden à 2,7 Kilometer, die Bölsche und Co. im Sattel zurücklegten. „Da muss man mental stark sein und trotzdem seine Runden ziehen“, bekräftigt er. Nachdem er sich mal wieder eine Mütze voll Schlaf (zwei Stunden) gegönnt hatte und die Nase aus dem Zelt hielt, hätte es „geregnet wie verrückt. Man kann es sich aber nicht erlauben zu warten, muss raus.“

Im Laufe des Abnutzungs-Kampfes lernte der Emmer umso mehr „die kleinen Dinge des Lebens“ zu schätzen. Wie eine simple Tasse Kaffee. Ein Keks von einem anderen Athleten. Oder das ausgeprägte Gemeinschafts-Gefühl untereinander. So hätte ihm ein Zuschauer, als er die erste von zwei Reifen-Pannen unterwegs hatte, den platten Schlappen gewechselt, während Bölsche mit dem Ersatz-Rad weitermachen konnte. „Sensationell! So etwas erlebt man nur in der Ultra-Szene.“

Kurz vor der Aufgabe

So überstand er auch diese Etappe quasi schadlos. Doch die größte Hürde sollte noch kommen. Denn beim Laufen, plötzlich mit schlauchenden 27 Grad („Ich hätte es mir lieber andersherum gewünscht...“), ging der selbst gesteckte Plan nicht auf. Eigentlich wollte Bölsche an den ersten zwei von drei Tagen jeweils 84 Kilometer bewältigen. Doch im Mittelabschnitt „wurde es haarig. Jeder Schritt hat sich angefühlt wie 50 Kilometer, mein Körper hat einmal richtig rebelliert. Da habe ich geglaubt, ich muss aufgeben.“ Das hiesige Ausdauer-Ass im Tunnel, ja nahezu im Delirium. „Ich habe gar nichts mehr mitgekriegt, war total in Trance und während des Gehens sogar im Sekundenschlaf.“ So wurden es nur 65 statt der anvisierten 84 Kilometer.

Kein Zeitgefühl mehr

Doch eine etwas ausgedehntere Schlummer-Phase wirkte Wunder. „Dann habe ich den Rest abgespult.“ Nach 147 Stunden, neun Minuten und 46 Sekunden Triathlon-Tortur war der „Wahnsinn“ vollbracht. Wohl gemerkt, als gewollte Zusatz-Herausforderung, als Selbst-Versorger, ohne zusätzlichen Betreuer.

Bölsche hatte zwischendurch „aus heiterem Himmel geweint“. Selbstgespräche als Eigenmotivation geführt. Und jedes Zeitgefühl verloren. „Man lebt eigentlich nur noch nach seinem Plan. Hell, dunkel, kalt, warm: Was anderes realisiert man gar nicht.“ Erst am Ziel seiner Träume realisierte er: Ich bin ein fünffacher Ironman! Eine unglaubliche Leistung, die er allen Ernstes noch verdoppeln will in naher Zukunft. „Wenn ich Sponsoren finde.“ Es ist ihm zu wünschen.

VON INGO BARRENSCHEEN

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