FRAGEN & ANTWORTEN Die Oesingerin Lenja Mia Kastner arbeitet an ihrem Traum Frauen-Bundesliga

„Habe mir viel von Nilla Fischer abgeguckt“

Im Vorwärtsgang: Die Groß Oesingerin Lenja Mia Kastner spielt neuerdings mit dem VfL Wolfsburg in der B-Juniorinnen-Bundesliga und träumt von mehr.
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Im Vorwärtsgang: Die Groß Oesingerin Lenja Mia Kastner spielt neuerdings mit dem VfL Wolfsburg in der B-Juniorinnen-Bundesliga und träumt von mehr.
  • Ingo Barrenscheen
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Groß Oesingen/Wolfsburg – Alter Schwede! Erst vor wenigen Tagen feierte Lenja Mia Kastner ihren 15. Geburtstag und hat es doch bereits zu Erstliga-Ehren gebracht.

Seit dieser Saison zählt das Fußball-Talent aus Groß Oesingen zur ersten B-Juniorinnen-Garde des VfL Wolfsburg, arbeitet mit dem amtierenden zweifachen Deutschen Meister als verlustpunktfreier Spitzenreiter der Bundesliga Nord/Nordost am dritten C(o)up in Folge.

Aber auch an ihrem persönlichen Reife-Prozess. Die Innenverteidigerin eifert auf dem Platz nicht nur einem Vorbild aus ihrer Verwandtschaft nach, sondern auch ihrem großen Idol aus Skandinavien, das an Deutschlands Frauenfußball-Adresse Nr. 1 große Spuren hinterlassen hat. Warum ausgerechnet sie das letzte getragene Trikot ihrer Ikone ergatterte, wie das runde Leder ihren Alltag bestimmt, wie sie den erneuten Corona-Lockdown empfindet und ob sie von der ganz großen Fußball-Bühne träumt, verrät die Nachwuchs-Hoffnung aus dem Nordkreis im IK-Interview mit Sportredakteur Ingo Barrenscheen.

Lenja, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Debüt in der Jugend-Bundesliga! Den Aufstieg von der zweiten in die Premium-Mannschaft des VfL dürftest du dir vermutlich gewünscht haben?

Ich habe in den Sommerferien einen Anruf von unserem jetzigen Trainer (Michael Schulz, Anm. der Redaktion) bekommen, in dem es darum ging, wie es für uns weitergeht. Er hat mir gesagt, dass ich zum Training der U17 kommen soll und hat mich gefragt, ob ich das annehme (lacht). Ja, natürlich wollte ich das!

Wie waren deine ersten Erfahrungen mit der neuen Mannschaft?

Unser Team ist wie eine zweite Familie. Wir verstehen uns alle extrem gut untereinander.

Apropos Familie: Im Hause Kastner scheint der Fußball ja ohnehin eine große Rolle zu spielen...

Das stimmt. Bei uns haben alle mit Fußball zu tun. Auch meine Tante. Sie hat früher sogar in der Jugend-Nationalmannschaft gespielt. Das hat sich auch auf mich übertragen.

Um den Pass mit der Nationalmannschaft gleich einmal aufzunehmen: Träumst du auch davon, später einmal das DFB-Trikot zu tragen?

Erst einmal will ich mich in der U17 etablieren und es dann als nächsten Schritt in die U20 vom VfL Wolfsburg schaffen. Und dann in die Frauen-Bundesliga. Aber es ist natürlich auch ein Traum von mir, irgendwann einmal für Deutschland zu spielen.

Einige deiner Teamkolleginnen haben es bereits in deutsche Auswahlen geschafft. Du bist neben Sophia Koschick das Küken im Team. Stellt man sich da erst einmal bescheiden hinten an?

Wir werden auf die U20 vorbereitet. Einige Ältere haben natürlich jetzt extrem dafür gekämpft, diesen Sprung zu schaffen. Ich habe zum Glück noch ein paar Jahre Zeit, um mich weiter zu entwickeln.

Dennoch hast du es bei sechs Saisonspielen bisher schon auf drei Einsätze gebracht. Würdest du sagen, du bist in der Bundesliga angekommen?

Das ist schon schwierig zu beurteilen. Es ist viel harte Arbeit, in den Kader zu kommen. Aber mit der Zeit wird es immer besser. Ich möchte noch mehr dafür kämpfen, um es in die Startaufstellung zu schaffen.

Genau das hast du am dritten Spieltag im Niedersachsen-Derby gegen Hannover 96 geschafft, bist aber nach 40 Minuten raus und hast die kommenden zwei Partien gefehlt. Warum?

Ich habe schon längere Zeit im Knie Probleme an der Patella-Sehne. Deshalb wurde ich für zwei Spieltage komplett rausgenommen, weil mein Knie geschont werden sollte. Ich hoffe, dass es bald durch spezielle Übungen besser wird.

Nachdem du vergangene Saison noch gegen Jungs in der C-Jugend-Kreisliga Wolfsburg-Helmstedt gespielt hast, geht es jetzt auf Bundesliga-Niveau gegen Mädchen. Ist das anders?

Das macht schon einen Unterschied. Es wird ja oft gesagt, dass Jungs körperlich überlegen sind. Aber die Mädchen in dem Alter sind körperlich auch schon alle sehr weit, bringen viel Erfahrung mit. Das ist schon eine Umstellung und noch mal ein anderes Niveau.

Wo liegen die Unterschiede?

Es sind sehr viele spielerische Elemente drin. Auch die Schnelligkeit macht viel aus. Es ist schon extrem wichtig, Wege für die anderen mitzumachen.

Wenn man dir so zuhört, scheinst du das Vereins-Motto „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“ perfekt zu verkörpern...

Es ist das A und O, dass man auch außerhalb der Trainingstage noch mehr für sich selbst trainiert. Das brauche ich für mich selbst, sonst fühle ich mich nicht so stark.

Vier Einheiten pro Woche plus ein Spiel reichen also nicht...

Ich mache mir immer Anfang der Woche einen Plan, was ich wann machen möchte. Das kommt auch auf die Zeit neben der Schule an. Dann gehe ich laufen, mache Sprints oder Kraftübungen auf dem Groß Oesinger Sportplatz.

Klingt nach einem Leben für den Fußball. Bleibt denn da noch Raum für anderes?

Ich habe wenig Zeit für Freunde, weil ich nach der Schule und den Hausaufgaben gleich zum Training fahre. Aber dienstags habe ich frei, da kann man sich dann treffen. Aus meinem Freundeskreis spielen auch alle in der Groß Oesinger Mädchen-Mannschaft. Sie unterstützen mich, sind in der Vergangenheit auch schon ab und zu zu meinen Spielen zum Zugucken gekommen.

Was derzeit ja wieder nicht möglich ist durch die Corona-Pandemie. Euer Spitzenspiel gegen den Hamburger SV wurde Ende Oktober kurz vor Ultimo abgesagt. Wie empfindest du den erneuten Lockdown?

Das ist ehrlich gesagt schon ziemlich nervig. Ich möchte mit meiner Mannschaft auf dem Platz stehen. Wir hatten wirklich gehofft, dass wir noch spielen dürfen gegen den HSV.

Wisst ihr denn schon, ob ihr im Dezember eventuell noch einmal loslegt?

Bisher gibt es noch keine neuen Informationen. Ich bin gespannt, was passiert. Aber ich bin nicht ganz der Überzeugung, dass es in diesem Jahr noch weitergehen wird.

Zumal ein Re-Start nach vier Wochen Trainings-Stopp vermutlich auch schwierig werden dürfte.

Es würde zunächst bestimmt ungewohnt sein, wieder mit der Mannschaft auf dem Platz zu stehen und nach ein, zwei Einheiten wieder ein Spiel absolvieren zu müssen.

Haben dir eigentlich deine Coaches schon ein persönliches Feedback über deine ersten Monate gegeben?

Vor dem Lockdown gab es Einzelgespräche. Da wurden wir auch gefragt, woran wir noch arbeiten wollen. Auch nach dem Training kommen sie auf uns zu, geben viel Lob.

Wo siehst du selbst noch bei dir Verbesserungspotenzial?

Als Innenverteidigerinnen sollen wir die Bälle hinter die Kette bringen. An den langen Bällen will ich noch arbeiten. Auch das Passspiel mit meinem schwächeren Fuß will ich noch ausbauen.

Welcher ist das denn?

(lacht) Der Linke...

Ist das Abwehrzentrum eigentlich deine Wunschposition?

Bei den Jungs habe ich anfangs im Sturm gespielt. Doch schon in der U11 wurde ich vom Trainer in die Verteidigung gestellt. Da habe ich diese Position für mich entdeckt. Dort fühle ich mich am wohlsten.

Hast du denn ein Vorbild? Womöglich aus der Abwehr...

Tatsächlich war ich, wo ich noch gar nicht beim VfL Wolfsburg war, schon immer auf Nilla Fischer fokussiert, habe mir sehr viel von ihr abgeguckt.

Sie hat in ihren fünf Jahren bis zum Abschied beim VfL viel bewegt. Hattest du denn Gelegenheit, dein Idol auch mal persönlich zu treffen?

Ich habe öfter mit ihr zu tun gehabt und sogar das Trikot bekommen, mit dem sie ihr letztes Spiel für Wolfsburg (im Mai 2019 gegen Turbine Potsdam, Anm. der Redaktion) gespielt hat. Ein Schweden-Trikot habe ich von ihr zum Geburtstag auch mal bekommen. Und Fußballschuhe.

Oh, wow! Wie kommt’s denn zu dieser Ehre?

Wir waren früher öfter Ballkinder bei den Spielen der Wolfsburger Frauen. Da habe ich sie angesprochen und zu ihr gesagt, wie schade ich es finde, dass sie geht. Da hat sie mir das VfL-Trikot geschenkt. Und es gab mal ein Foto-Shooting mit allen VfL-Kapitänen und -Kapitänninen. Da hat meine Mutter zu ihr gesagt, dass ich mir schon immer ein Schweden-Trikot wünsche. Also hat Nilla veranlasst, dass ich zum Geburtstag ein Trikot bekommen habe.

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