„Maß des Erträglichen überschritten“ / Setzt Umdenken ein?

Fußball: Schiri-Rücktritt nach Verbal-Attacken ruft NFV-Kreis Gifhorn auf Plan

Ein Bild mit Symbolcharakter auch für den kleinen Fußball: Schiedsrichter, wie hier Profi Benjamin Cortus, sind häufig Freiwild für verbale Entgleisungen von Zuschauern – so wie in Westerbeck.
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Ein Bild mit Symbolcharakter auch für den kleinen Fußball: Schiedsrichter, wie hier Profi Benjamin Cortus, sind häufig Freiwild für verbale Entgleisungen von Zuschauern – so wie in Westerbeck.
  • Ingo Barrenscheen
    VonIngo Barrenscheen
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Gifhorn/Westerbeck. Er wollte nicht mehr länger der Prellbock für Pöbeleien sein.

Deshalb warf der Schiedsrichter Sven Pohlmann das Handtuch respektive die Pfeife nach den Zuschauer-Anfeindungen beim Kreisliga-Match zwischen dem verantwortlichen SV Westerbeck und VfL Germania Ummern (das IK berichtete). Ein Vorfall, der den Spielausschuss des NFV-Kreises Gifhorn am Donnerstag in seiner Sitzung beschäftigen wird. Dem – wohl gemerkt reumütigen – SVW drohen Sanktionen. Doch das wirklich Traurige ist der Verlust eines emsigen Referees. Pohlmanns Demission ist im Grunde nur eines von vielen Beispielen, die den Sitten-Verfall auf Deutschlands Fußball-Plätzen widerspiegeln.

Genau deshalb geht der Fußball-Kreis in der Außendarstellung auch offensiv mit den Geschehnissen um. Der Sonderbericht des (ehemaligen) Schiedsrichters kommt am Donnerstag bei der verantwortlichen Instanz auf den Tisch. Dann wird satzungskonform darüber entschieden. „Der Heimverein hat mit Sanktionen zu rechnen“, betont Sven Bärensprung, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Denn in den Statuten steht ganz klar: Ein Verein ist für das Verschulden seiner Anhänger genauso verantwortlich wie für sein eigenes Fehlverhalten.

Das macht den eigentlich entstandenen (Image)-Schaden aber nicht rückgängig. Bärensprung und seine Mitstreiter können die Reaktion Pohlmanns „nachvollziehen, weil wir sehen, wie sich gesellschaftliche Probleme auf den Sportplatz verlagern. Das ist eine Sache, mit der wir zu kämpfen haben.“ Es hätte sich über Wochen einfach viel angestaut bei dem Unparteiischen, die Störgeräusche in Westerbeck waren dann schlichtweg der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Auf Facebook bezog Bärensprung daher klar Stellung. Derlei Vorkommnisse seien nicht zu tolerieren. „Das Maß des Erträglichen ist für viele Schiedsrichter im Kreis Gifhorn überschritten!“ Wer sich Woche für Woche für die überschaubare Aufwandsentschädigung von 20 Euro (Kreisliga) oder 17 Euro (1. Kreisklasse) Beleidigungen oder anderen Unsportlichkeiten ausgesetzt sehe, der verliere irgendwann schlichtweg die Lust an diesem Hobby. Und nichts anderes ist es.

Pohlmann bildet gewissermaßen ein Mahnmal. Mit dem offenen Umgang dieser misslichen Materie will der NFV-Kreis Gifhorn vor allem eines bewirken: ein Umdenken! „Wir versuchen zu sensibilisieren. Es muss eine Verhaltensänderung kommen – das ist die Botschaft“, unterstreicht Bärensprung. Denn sonst könnten weitere Referees dem sicherlich abschreckenden Beispiel Pohlmanns folgen. Und genau das wäre das Fatale. Denn schon allein der Schiri vom TV Emmen hinterlässt eine große Lücke, wie Bärensprung aufzeigt. „Uns brechen so 30 Spiele übers Jahr verteilt weg, die wir durch seinen Wegfall nicht mehr besetzen können. Er hat sehr viel gepfiffen.“ Die Kreisliga werde davon freilich nicht betroffen sein. Vielmehr trifft es die unteren Klassen. „Es ist ein Rattenschwanz, der da entsteht.“

Den Verantwortlichen beim SV Westerbeck ist der Zwischenfall mehr als unangenehm. Das bekräftigte der Spartenleiter Torsten Gebhardt gestern gegenüber dem IK. „Mir tut es wirklich leid. Die Schuld liegt ganz klar bei uns. Wir können uns bei dem Schiedsrichter immer wieder nur entschuldigen.“ Der Verein werde umgehend Maßnahmen ergreifen, „damit so etwas nicht wieder vorkommt“. Etwa mit einem eigens abgestellten Betreuer für den Schiedsrichter. Er hätte von den Schmährufen gegen den gut leitenden Unparteiischen erst in der Halbzeitpause erfahren. „Da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Sonst wären wir schon vorher eingeschritten.“

Allerdings bemängelte Pohlmann auch, dass der verbale Übeltäter trotz ausdrücklicher Bitte nicht dauerhaft vom Sportplatz verwiesen worden sei. Gebhardt erwiderte, dass die entsprechende Person zwar weggeschickt worden sei, bei Spielende aber plötzlich doch wieder bei den anderen Westerbeckern gestanden hätte. Als Zeichen der Versöhnung will er auch unbedingt versuchen, Pohlmann noch einmal zu einem Dialog einzuladen. „Vielleicht pfeift er dann doch wieder. Wir können über jeden Schiedsrichter froh sein.“ So ist es.

Von Ingo Barrenscheen

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