Fußball: Gifhorner Cup-Geschichte(n), Teil 1 Der abgetauchte Rekordsieger SV Teutonia Tiddische

„Tut einem ein bisschen im Herzen weh“

Trio infernale: Henrik Müller (v. l.) gewann letztmals mit dem SV Teutonia Tiddische den Kreispokal im Jahr 2005. Frank Jehnert (Sieger 1983) und Klaus Jehnert (Gewinner 1988/1990) prägten die glorreiche Zeit mit.
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Trio infernale: Henrik Müller (v. l.) gewann letztmals mit dem SV Teutonia Tiddische den Kreispokal im Jahr 2005. Frank Jehnert (Sieger 1983) und Klaus Jehnert (Gewinner 1988/1990) prägten die glorreiche Zeit mit.

Tiddische – Es lebe der Fußballpokal! Am Wochenende nach der letzten Punktspielrunde steigen traditionell die Cup-Endspiele im NFV-Kreis Gifhorn. Diesmal nicht. In Zeiten von Corona lässt das IK stattdessen Pokalgeschichte rollen.

Heute zum Auftakt: der abgetauchte Kreispokal-Rekordsieger.

Früher war alles besser. Eine Weisheit, die das ältere Semester gerne zum Besten gibt. Und manches Mal bei den Nachfolgern für Augenrollen sorgt. Doch im Fall des SV Teutonia Tiddische muss sich die heutige Generation diesen Vortrag definitiv gefallen lassen. Denn wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Klub, der in der aktuellen Saison zum Zeitpunkt des Corona-Abbruchs die Rote Laterne in der 2. Fußball-Kreisklasse 1 trug, Rekordhalter im NFV-Kreis Gifhorn ist. Richtig gehört! Mit vier Siegen im Kreissportbund-Pokal (der heutige Wittinger Kreispokal) rangieren die Teutonen in der ewigen Bestenliste zusammen mit dem TSV Meine an der Spitze. Eine Hommage an goldene Jahre in Rot-Weiß.

Im Dorf gab es nur den Fußball...

Frank Jehnert überkommt unweigerlich etwas Wehmut, wenn er den einstigen Höhenflug in Tiddische mit dem jetzigen Status quo vergleicht. Fußball hatte zu seiner aktiven Zeit, Anfang der 80er-Jahre, noch ein ganz anderes Standing in dem kleinen Ort in der Samtgemeinde Brome. „Das hat echt Spaß gemacht damals. Was gab es denn auf dem Dorf!? Es gab nur Fußball, einen Sportplatz mit zwei Toren. Das war’s. Wir haben uns jede Woche auf die Spiele gefreut. Heute ist alles anders...“ Durch die vielen Ablenkungen und Angebote rund um die schönste Nebensache ist die Lust am Leder abgeflaut. Einstellungs-Sache, würde manch ein Trainer an dieser Stelle monieren. Doch die Uhr sei nur schwierig zurückzudrehen, bedauert Jehnert. „Der Verein ist in der Versenkung verschwunden. Schade, dass es so gekommen ist. Das ist fast so wie der 1. FC Kaiserslautern... Ich bin fast 40 Jahre im Verein, das tut schon ein bisschen im Herzen weh.“

1983 beginnt der Komet SV Tiddische zu glühen

Ein RückblIcK: Unser Artikel vom Tiddischer Double-Jubel aus dem Jahr 2005 mit Trainer Michael Eickmeier.

Er selbst gehörte praktisch zu den Gründungsvätern einer äußerst erfolgreichen Teutonen-Ära. Der heute 57-Jährige sorgte als Abwehrspieler 1983 für den ersten Kreispokal-Triumph des SVTT. Ein 3:1 in Osloß gegen die SG Vollbüttel/Ribbesbüttel. Und das als Außenseiter gegen einen Kreisligisten. „Die Atmosphäre war wunderbar“, so Jehnert. Gemeinsam mit dem unmittelbar folgenden Aufstieg in die Kreisliga sollte der Tiddischer Komet zu glühen beginnen. „Wir sind bis hoch in die Landesliga aufgestiegen. Das ganze Dorf war begeistert“, gerät der Held früherer Tage ins Schwärmen. Wobei er selbst nur noch bis zur Bezirksklasse aktiv war, den weiteren Steilflug dann als treuer Zaungast mitverfolgte. Als frischgebackener Kreissieger gaben die tapferen Teutonen im Bezirkspokal dann sogar noch über mehrer Runden den Favoritenschreck, schalteten auch den Landesligisten SSV Vorsfelde aus und scheiterten erst im vierten Durchgang gegen den VfR Eintracht Nord Wolfsburg durch ein 1:2.

Jehnert: Spieler, Fan, Busfahrer

Als Tiddische 1988 durch ein überschattetes 3:2 nach 0:2 gegen den TSV Meine (siehe auch Info-Kasten) und wenig später 1990 in Grußendorf durch ein fulminantes 5:1 gegen den SSV Kästorf („Da haben wir sie richtig überrannt“) erneut die Gifhorner Königs-Trophäe gewann, war Jehnert stets hautnah dabei. Genauso beim bislang letzten C(o)up 2005. „Da habe ich die Mannschaft mit dem Bus hingefahren.“

Müllers verblasste Erinnerungen an 2005

Zu eben jener letztmals äußerst erfolgreichen Truppe gehörte auch Henrik Müller. Er führte seinen Verein beim spannenden 3:1 nach Verlängerung über den TSV Rethen in Triangel vor 300 Zuschauern samt zweier Feldverweise als Kapitän aufs Feld und zum erneuten Double. Seine Erinnerungen an den Tag sind allerdings weitestgehend verblasst. „Es ist schon ein bisschen her...“ Dass das Finale als Kulisse eines Musik-Videos von Mitspieler Kiki Röhl diente, weiß er noch. Aber dass er selbst mit einem Pfostenschuss in der Verlängerung die Vorentscheidung verpasste (die dann kurz darauf Namensvetter Lutz Müller besorgte), hat der Torjäger vom Dauer-Dienst nicht mehr auf dem Schirm.

Der Wandel von früher zu heute

Wer will es ihm verübeln!? Müller hat viel durchgemacht, läuft auch heute noch – 15 Jahre später! – für die Herren auf. Mit 46 Lenzen wohl gemerkt. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer, meint das Urgestein. Der Grund für den Absturz des Klubs liege „ganz klar an der Jugendarbeit“. Viele gute Akteure seien ins Umland gezogen. „Es haben nicht alle so ein rot-weißes Herz wie ich und halten zur Stange.“ Deshalb sei auf Sicht auch nicht so schnell wieder an so „glorreiche Zeiten“ wie früher zu denken. „Früher habe ich Bezirksliga gespielt, jetzt 2. Kreisklasse...“, seufzt Müller. „Das war halt noch eine andere Zeit. Der Zusammenhalt anders. Heute kann ich mich schnell per WhatsApp vom Training abmelden. Wenn du früher einmal nicht zum Training gekommen bist, warst du raus für den Spieltag.“

Nach dem letzten Ausflug in die Bezirksliga ging es dann „stetig bergab“. Müller hofft inständig, dass seinem Heimatverein zumindest das Schicksal des Nachbarn Hoitlinger SV erspart bleibt. Diese musste sein Team zur Winterpause abmelden. „Wenn du einmal weg bist vom Fenster, wird es schwer, wieder etwas auf die Beine zu stellen.“

Da hilft auch Glanz und Gloria der Vergangenheit nicht. Und doch ist die Nostalgie am Tag des eigentlichen Endspiels um den Wittinger Kreispokal 2020 „mal etwas Schönes“, findet Jehnert. Eine kleine Ausflucht aus der aktuellen Lage. Die durch Corona, aber auch den sportlichen Werdegang des SV Teutonia Tiddische – ein Jahr vor dem 100. Geburtstag des Klubs – gerade nur wenige positive Gedanken zulässt.

VON INGO BARRENSCHEEN

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