Fußball – Wahrenholzer am Zuckerhut: „Geiler“ Moment gegen Portugal, Enttäuschung gegen Ghana, Warnung vor USA

Feel Brasil: Gercke erlebt WM hautnah

Der Landkreis Gifhorn lässt bei der Fußball-WM die Bauchmuskeln spielen: Nico Gercke aus Wahrenholz (hinten l.) und seine Freunde Marian und Yannick Bock (knieend) mit brasilianischen Fans vor dem Stadion in Fortaleza. Dort spielte Deutschland 2:2 gegen Ghana. Fotos: privat

Fortaleza/Wahrenholz. Insgesamt 59 000 Tickets stellte die FIFA für deutsche Fans bereit. Zwei davon flatterten in den Briefkasten von Nico Gercke.

Was für ein Glückspilz! Statt die Fußball-WM in Brasilien wie Abermillionen Deutsche vor den Fernsehschirmen mitzuerleben, war der Wahrenholzer mittendrin statt nur dabei. Auch bei den zwei mitreißenden Vorrundenspielen von Jogis Jungs gegen Portugal und Ghana.

Gut zwei Wochen lang tourte der 22-Jährige durch das XXL-Land, legte gut 5400 Kilometer zurück – und striff dabei nur Teile Brasiliens. Unvorstellbare Distanzen aus deutscher Sicht. „Die Reise habe ich gut ein Jahr im voraus geplant“, erläuterte Gercke. Dabei half ihm freilich auch das Vitamin B(ock): Der Blondschopf ist mit Marian Bock und dessen Familie unterwegs. Mit seinem Kumpel kickte er zusammen in der Jugend des MTV Gifhorn. Vater Thomas Bock arbeitet bei VW in Sao Paulo – die komplette Familie lebte mehrere Jahre in der größten Stadt Brasiliens. Ein netter Zufall.

Logisch: Wer den Sprung über den großen Teich macht, will auch Land und Leute kennenlernen. Deshalb düste Gercke schon einige Tage vor dem WM-Kickoff rüber an den Zuckerhut. Zunächst einmal stand Sightseeing in Rio de Janeiro auf dem Plan. Dabei durfte ein Abstecher zur imposanten Cristo-Statue hoch über den Dächern der Stadt nicht fehlen. Die nächste Etappe führte den Wahrenholzer und seine Begleiter nach Sao Paulo – und dann schlug die Stunde null: das mit Hochspannung erwartete erste deutsche Spiel gegen CR7 und Co in Salvador. Für das einstige Taterbusch-Talent der erste Länderspiel-Besuch überhaupt! Was für eine Premiere. Das 4:0 zum Auftakt gegen Portugal empfand Gercke schlichtweg als „geil. Eine überragende Performance.“

Aber auch außerhalb der Arenen saugte Gercke das Flair auf wie ein Schwamm. „Hier wird viel gefeiert – und zwar von allen Nationen.“ Die Fan-Feste seien „sehr ansprechend“ und mit den Public Viewings in der Heimat sehr gut zu vergleichen. „Allerdings ist bei jedem Spiel etwas los“, berichtet der Student der Barry University in Miami. Nicht nur ein im Winter warmes, sondern auch sehr warmherziges Gastgeberland. „Die Brasilianer sind stolz, dass die WM bei ihnen im Land ist.“

Und offenbar wild auf ein Finale gegen Deutschland, wie Gercke immer wieder vernahm. Durch die prima Portugal-Premiere sei das DFB-Team prompt von den Einheimischen in die Favoritenschublade gesteckt worden zusammen mit der Selecao. „Doch beim zweiten Spiel hatte ich daran dann so meine Zweifel, als alle Brasilianer bei den ghanaischen Toren aufsprangen.“ Wunsch und Wirklichkeit liegen eben manchmal doch weit auseinander...

Das 2:2 gegen die athletischen und aggressiven Afrikaner empfand der Nordkreisler als „herbe Enttäuschung verglichen mit dem Portugal-Spiel“. Mesut Özil und Co. hätten in der Offensive ideenlos, im Mittelfeld behäbig und hinten sehr anfällig bei Kontern gewirkt. Und obendrein „ängstlich im Abschluss“, bemängelte der Landesliga-Spieler.

Von daher geht er von einem schweren Gang für Deutschland im Gruppen-Finale gegen seine Wahlheimat USA aus. „Die Amerikaner sind vielleicht fußballerisch nicht die Besten, aber athletisch meiner Meinung nach sehr weit vorn“, urteilt Gercke. Die Klinsmänner hätten gezeigt, dass sie in punkto Ausdauer den inneren Schweinehund überwinden könnten. Diese für ihn pikante Partie wird der Wahrenholzer dann aber nicht mehr hautnah im Stadion miterleben.

Vor der abschließenden Station Fortaleza hatte Gercke übrigens noch einen Zwischenstop in der Hauptstadt Brasilia eingelegt. Alles noch bei angenehmen klimatischen Bedingungen. „Aber das Wetter in Salvador und Fortaleza ist sehr schwül und extrem heiß, obwohl ja Winter ist“, betonte der hiesige WM-Botschafter. „Ich kann mir schon vorstellen, dass – wenn die jeweiligen Nationalmannschaften keine geeigneten Trainingslager abgehalten haben – es schon arge Probleme mit der Ausdauer und Spritzigkeit gibt.“ Ein Phänomen, das sich in manchen Spielen bisher bestätigte.

So ganz nebenbei avancierten Gercke und Co. noch zu beliebten Fernseh-Motiven. Ob bei den Asiaten, Brasilianern oder Mexikanern: Der Wahrenholzer flimmerte gleich mehrfach über ausländische Mattscheiben. Einen Berührungspunkt gab es aber auch mit dem deutschen TV: „Wir haben in Rio Fernanda Brandão gesehen“, so Gercke.

Überhaupt erweist sich die WM als perfekte Völkerverständigung: Gercke und Bock gingen an der Copacabana mit einem bunten Nationen-Allerlei noch der Lieblingsbeschäftigung der Einheimischen nach: Strandfußball. Die Welt ist rund. In Brasilien derzeit erst recht.

Von Ingo Barrenscheen

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