Die Geschichte von fünf fußballverrückten Einhörnern

Legendär! Knesebecks irrer Meister-Marsch zum 67er-Meister Eintracht Braunschweig

Horst Schüller (80) ist einer von fünf legendären Knesebeckern, die 1967 einen 55 Kilometer langen Fußmarsch zur Meisterfeier von Eintracht Braunschweig auf sich nahmen.
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Horst (Schüller) in seinem Horst: Das IK traf sich an seinem gekennzeichneten Lieblingsplatz zuhause, um den legendären Meister-Marsch von fünf Knesebeckern 1967 zum neuen Deutschen Meister Eintracht Braunschweig noch einmal aufleben zu lassen. Noch immer blättert das VfL-Urgestein gern im Kicker-Sonderheft über die blau-gelbe Heldentat.
  • Ingo Barrenscheen
    vonIngo Barrenscheen
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Auf den Tag genau vor 54 Jahren feierte Eintracht Braunschweig mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte. Mittendrin statt nur dabei im blau-gelben Jubelmeer am 3. Juni 1967: Fünf Fußballverrückte vom VfL Knesebeck, die einen ebenso einzigartigen Triumph-Marsch auf sich nahmen. Eine Hommage anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einhörner an eine heutzutage kaum noch vorstellbare Tort(o)ur.

„Das war buchstäblich eine Schnapsidee, die sich verwirklicht hat.“ Horst Schüller muss unweigerlich schmunzeln, als er sich an den Ursprung des legendären Meister-Marsches der fünf wagemutigen Wandersleut’ vom VfL Knesebeck an jenem heißen Sommertag im Juni 1967 zurückentsinnt. Sage und schreibe 55 Kilometer per Pedes legte die Delegation vom Ernst-Hiestermann-Platz zurück – um dem neuen Deutschen Meister persönlich zur Sensation zu gratulieren.

„Da hätten wir uns am liebsten ins Auto verdrückt. Der innere Schweinehund war mehr als einmal da...“

Der Knesebecker Horst Schüller und seine Mitstreiter bereuten zwischendurch das ein oder andere Mal ihre Schnapsidee

Wochen vor dem Titelgewinn der Löwen saßen der damalige Erste Herren-Spieler respektive 2. Schriftführer Schüller und sein Mannschaftskollege Ernst Mühe wie jeden Mittwoch zur Spielausschuss-Sitzung im Krug. Dem Vereinslokal. Und philosophierten. „Nach dem dritten oder vierten Bier wirst du mutig“, grinst Schüller. „Dann ging es plötzlich los: Ernst Mühe meinte: Wenn sie es schaffen, dann gehen wir zu Fuß zum letzten Saisonspiel. Ich meinte, ich bin doch nicht bekloppt...“ Doch sein Mitstreiter ließ einfach nicht locker.

Erst recht nicht, als die Eintracht durch ein 0:0 bei Rot-Weiß Essen praktisch nicht mehr vom deutschen Fußball-Thron zu schubsen war bei zwei Zählern Vorsprung (für die junge Generation: Die Drei-Punkte-Regel wurde von der FIFA erst zur Saison 1995/96 eingeführt...). Schüller hatte Kaufmann Mühe zeitgleich zu einer Lebensmittel-Messe nach Braunschweig begleitet: „Er brauchte einen Chauffeur, weil er sich durchprobieren musste...“

An dieser Stelle sei betont: Zu jener Zeit hatte sich in Knesebeck eine BTSV-Fangemeinde gebildet. „Wir sind zu jedem Heimspiel hingefahren.“ Entstanden war die Fußball-Liaison zwischen den Einhörnern und Löwen bereits 1964 durch Rolf Beckert, der gute Kontakte zur Eintracht pflegte. So begab es sich auch, dass der Braunschweiger Stammspieler und Sportlehrer Johannes Jäcker ab und an zum Training beim VfL vorbeischaute.

Aber wieder zurück zum Tag der Vorentscheidung. Mühe ließ sich von Schüller spontan in die Eintracht-Vereinskneipe unter der Haupttribüne des Stadions kutschieren – und versprach, eine Woche später auf Schusters Rappen in die Löwenstadt zu kommen. Ein Vorhaben, mit dem sich der Unermüdliche auch an die Geschäftsführung des Bundesligisten wandte. „Uns wurde zugesichert, dass wir schöne Plätze haben werden“, so Schüller. Gesagt, getan.

Das Duo scharrte drei weitere Eintracht-Fans um sich. Und machte sich in aller Herrgottsfrüh um 3 Uhr morgens wirklich zu Fuß auf den 55 Kilometer langen Weg! Immer schön „im Gänsemarsch“ an der B4 entlang. Unterstützt von einem Begleitfahrzeug. Schüller: „Man muss sich das heute mal vorstellen – die sperren dich ein...“ Es gab Momente, da bereuten die Knesebecker ihren Übermut. „Da hätten wir uns am liebsten ins Auto verdrückt. Der innere Schweinehund war mehr als einmal da“, lacht das VfL-Ehrenmitglied. Bei satter Sonne und um die 30 Grad nur allzu verständlich. In Isenbüttel an einer Kneipe hätten sich einige aus der Fünfer-Gruppe erst einmal die Blasen aufstechen müssen... „Aber wir haben durchgezogen“, untermauert der heute 80-Jährige. Auch das Angebot zur Mitfahrt im Autokorso auf den letzten Kilometern zum Stadion schlugen die wackeren Einhörner eisern aus.

Ja, mir san zu Fuß da... Die Fünfer-Delegation des VfL Knesebeck grüßt am 3. Juni 1967 nach 55 Kilometer Anmarsch den Deutschen Meister Eintracht Braunschweig im Stadion.

Eine weitere Anekdote dieses ohnehin schon unglaublichen Unterfangens: Vor der Arena stieß das Quintett auf den weinenden Sohn des Knesebecker Kneipiers Helmut Philipp. „Er hatte keine Eintrittskarte. Also haben wir ihn in unsere Mitte und mit reingenommen“, so Schüller.

Der Braunschweiger Hexenkessel platzte aus allen Nähten. Absperrzäune? Unnötig! Früher war eben noch alles anders, betont der Zeitzeuge. „Alle waren friedlich, obwohl es um genauso viel ging.“ Die Anhänger brachten ihre eigenen Bierflaschen mit auf die Tribünen. Klingt wie ein Mythos, war aber so.

Nach einer Ehrenrunde mit selbst entworfenen Plakaten („Nach 55 Kilometern zu Fuß, gilt dem Deutschen Meister unser Gruß“) erhielten die Knesebecker dann 1a-Plätze auf extra bereitgestellten Stühlen hinter dem Süd-Tor. 90 Minuten und einen Braunschweiger 4:1-Sieg über den 1. FC Nürnberg später waren die Edelfans dann mittendrin „im Tumult“, so Schüller. Er selbst überreichte Joachim Bäse, dem Kapitän der frisch gebackenen Meisterelf, einen Erinnerungsteller vom VfL.

Ehrenplätze: Die Knesebecker Delegation mit Helmut Philipp (v. l.), Horst Schüller, Rolf Beckert, Ernst Mühe, Vigo Enkel, Horst-Günter Müller, Klaus Meyer und Heinz Düvel auf ihren extra bereit gestellten Stühlen.

Wohl gemerkt: Zurück nach Knesebeck zur dritten Halbzeit ging es dann per Wagen. Nicht mehr zu Fuß. Schüller grinst: „An den Abschluss kann ich mich nicht mehr erinnern...“ Sehr wohl aber an dieses unvergessliche Stück Geschichte. Für die Eintracht. Und die fünf Hartgesottenen.

Das blau-gelbe Sensations-Sommermärchen 1967

Hochgefühle in Niedersachsen: Als Eintracht Braunschweig am 3. Juni 1967 um 17.51 Uhr am Ziel aller Träume angelangt ist, brechen alle Dämme. Die deutsche Meisterschaft im Fußball, sie ist eine Sensation und bis heute der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Das Happy End eines Sommermärchens. Denn bis dato galten die Löwen in der 1963 etablierten Bundesliga als graue Maus. Die Spieler stammen alle aus der Umgebung – das sorgt auch im 55 Kilometer entfernten Knesebeck (der VfL kickte damals selbst in der 1. Kreisklasse und kämpfte gegen den Abstieg) für einen hohen Identifikationsgrad. Doch kein Experte hat die Eintracht auf dem Zettel, als es in die Saison 1966/67 geht. Vielerorts werden die Braunschweiger als „Hausfrauenmannschaft“ verspottet. Doch gerade das spornt sie an. Trotz einer Niederlage gegen den amtierenden Meister TSV 1860 München steht der BTSV nach sechs Spieltagen erstmals an der Tabellenspitze. Die Abwehr: ein Bollwerk mit nur 27 Gegentreffern (bis 1988 Bundesliga-Rekord). Die andere Bestmarke ist noch immer gültig: Die Eintracht benötigt nur 49 Tore für den Triumph. Meisterhafter Minimalismus. Bereits zur Halbserie liegt Braunschweig auf Rang eins und muckt weiter auf. Selbst der FC Bayern mit klangvollen Namen wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller hat beim 5:2 klar das Nachsehen. Doch kurzzeitig setzt beim Überraschungs-Primus die Angst vor der eigenen Courage ein: 0:1 im Niedersachsenderby gegen Hannover 96, 0:3 gegen den Karlsruher SC. Auch gegen Borussia Mönchengladbach liegt die Mannschaft am 20. Mai zurück, dreht das Spiel aber noch. Ein Meilenstein. Nach dem 0:0 bei Rot-Weiß Essen steht Braunschweig praktisch als Meister fest und manifestiert das mit dem finalen 4:1 über den 1. FC Nürnberg. Das Team der Namenlosen wird tagelang frenetisch gefeiert.

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