Fußball: Trainer des TSV Schönewörde berichtet über seine bewegte Laufbahn / Rutemöller wollte ihn für Deutschland

Einmal Profi und zurück

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Sie verbindet seit Teenager-Zeiten eine gute Freundschaft: Baris Oskay (l.) und Werder-Chef-Coach Alexander Nouri (2. v. r.). Auf dem kleinen Bild sind sie einige Jahre älter und haben die Seiten getauscht.

Schönewörde. Seit einigen Jahren ist Baris Oskay nun schon als Fußballer und als Trainer im Landkreis Gifhorn aktiv. Was viele aber nicht wissen: Der Trainer des TSV Schönewörde war einst Profi und stand vor einer aussichtsreichen Karriere.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm.

Bekannte Namen: Neben Baris Oskay (untere Reihe 2. v. r.) und Alexander Nouri (o. r.) waren auch Tim Borowski (mittlere Reihe 3. v. l.) und Razundara Tjikuzu (m. R. 5. v. l.) in der Werder-A-Jugend dabei.

Verhältnismäßig spät kam Oskay zum Vereinsfußball. Erst 1992 meldete sein Vater ihn bei einem Verein an. Der Grund: Nach der Scheidung der Eltern ging Oskay im Alter von sechs Jahren mit seiner Mutter zurück in die Türkei. Sein Vater blieb in Berlin. In den Sommerferien von 1992 besuchte der kleine Baris für ein Paar Monate seinen Vater in der Bundeshauptstadt. Und er ging nicht zurück. Er folgte dem Rat seines fünf Jahre älteren Bruders Berkay, der schon zwei Jahre zuvor wieder nach Deutschland zog und folgte ihm auch auf den Fußballplatz. Das erste Mal auf Rasen...

„Früher in der Türkei haben wir nur auf Asphalt gespielt. Und weil da natürlich keiner ins Tor wollte, musste ich als Jüngster rein“, erinnert sich der heute 37-jährige Trainer der Schönewörder. Schürfwunden waren da keine Seltenheit, „aber es hat Spaß gemacht und vor allem war ich immer mit meinem Bruder zusammen“. Bruder Berkay nimmt eine ganz besondere Rolle ein im Leben von Baris. „Ich wollte immer so sein wie er. Er war mein Idol!“

Oskays erstes Team war nicht irgendein x-beliebiges. Nein. Es war die 1. C-Jugend der alten Dame des deutschen Fußballs – Hertha BSC Berlin. Oskay sprach damals kaum ein Wort Deutsch. Doch der Fußball half ihm, diese Hürde zu meistern. „Wir hatten neun türkischstämmige Spieler in der Mannschaft. Anfangs sprachen sie türkisch mit mir. Dann wurde es immer weniger, damit ich schnell Deutsch lerne“, erklärt Oskay.

Angebote von fünf Bundesliga-Klubs

Baris Oskay im Trikot des TSV Schönewörde: Wenn er den Ball hat, sieht man ihm seine Klasse auch heute noch an.

Er lernte schnell – auch auf dem Platz – und wurde in die Berliner Landesauswahl berufen. Beim großen Länderturnier, ein Wettbewerb für alle Landesverbände des Deutschen Fußball-Bundes, machte Oskay 1995 auf sich aufmerksam. Die Scouts standen Schlange: Werder Bremen, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04. Alle wollten ihn verpflichten. Wohin sollte es gehen? „Ich stand mit meinem Bruder in der Küche und habe zu ihm gesagt: Der erste Verein, der anruft, zu dem gehe ich.“ Wenig später klingelte auch das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Werder. Also ging es für den B-Jugendlichen von der Spree an die Weser ins Internat.

Doch nicht nur der Wechsel nach Bremen war eine Konsequenz des Länderturniers. Der einstige Chef-Ausbilder der deutschen Trainer-Elite, Erich Rutemöller, coachte damals die U15 des DFB und wollte Oskay unbedingt im Kader haben. Die Folge: Oskay bekam die deutsche Staatsbürgerschaft. Häufiger als bei einem Sichtungslehrgang hatte Oskay den Bundesadler aber nicht auf der Brust. „Warum auch immer“, kennt Oskay die Gründe dafür bis heute nicht.

In Bremen teilte er sich ein Zimmer mit dem späteren Bundesliga-Profi Razundara Tjikuzu (für Werder, Rostock und Duisburg), spielte in der A-Jugend mit dem Ex-Nationalspieler Tim Borowski und dem heutigen Werder-Coach Alexander Nouri zusammen. Oskay: „Mit ihm verbindet mich eine gute Freundschaft.“

Training mit Ailton und Pizzarro

Der Sprung aus der Jugend in den Seniorenbereich gelang ihm ansatzlos. Bis 2001 spielte er unter Werders Trainer-Legende Thomas Schaaf bei den Bremer Amateuren. „Ab und zu durfte ich bei den Profis mittrainieren oder bei einem Benefizspiel dabei sein“, schwelgt Oskay in Erinnerungen an die Zeit, als er dann sogar mit den ganz Großen wie Ailton oder Claudio Pizarro auf dem Platz stand. Doch als Schaaf dann zu den Profis wechselte, wendete sich auch das Blatt für Oskay.

Zu Schaaf hatte Oskay einen guten Draht. Das sah beim Nachfolger anders aus. Mit dem neuen Coach, der Werderaner Sturm-Ikone Frank Neubarth, geriet sich Oskay eines Tages in die Haare. Sein Vertrag an der Weser wurde nicht verlängert. Oskay wechselte in die erste türkische Liga – eine schlimme Erfahrung. „Da habe ich fast gehungert.“ Da der Verein den Vertrag nicht einhielt, das Handgeld recht schnell aufgebraucht war, stand Oskay beinahe mit leeren Händen da. Er kehrte der Türkei zum zweiten Mal in seinem Leben den Rücken und verlor obendrein die Lust am Fußball. Es folgte der Wechsel zum damaligen Oberligisten Berliner AK und von dort weiter zu den Amateuren von TB Berlin.

Zwischen 2006 und 2008 lief er dann wieder für Hertha auf. Doch den Sprung von den Amateuren zu den Profis schaffte er nicht mehr – nie mehr. 2006 war so oder so ein Jahr, das die Weichen in Oskays Leben stellen sollte. Er lernte seine Frau Karin kennen, und die setzte ihm die Pistole auf die Brust: „Entweder Fußball oder etwas Vernünftiges!“ Oskay begrub den Traum vom Fußball-Profi, holte sein Abitur nach und machte anschließend eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Der Beruf war ach der Grund, warum er im Landkreis Gifhorn gelandet ist. Von 2011 bis 2014 schnürte er für den VfL Knesebeck die Schuhe, bevor er ins Trainergeschäft umsiedelte.

Seine weitreichende Erfahrung als Fußballer und das, was er von so namhaften Trainern wie Schaaf, Rutemöller oder Dieter Eilts gelernt hat, gibt er seitdem weiter. Über den TuS Neudorf-Platendorf II und den VfR Eintracht Nord Wolfsburg kam er in der Winterpause der Saison 2015/16 zum TSV Schönewörde.

Wie lange er noch als Coach tätig sein kann, hängt auch von seinem Beruf ab. Der Familienvater erklärt: „Mal sehen, wie sich das dann mit dem neuen Job vereinbaren lässt.“ Derzeit lässt sich Oskay nämlich zum Fahrlehrer ausbilden.

Einstellung verbaute die Karriere

Woran hat es gelegen, dass es mit der Profikarriere nicht geklappt hat? Diese Frage muss sich wohl jeder gefallen lassen, der so dicht dran war wie Oskay. Seine kurze, wie deutliche Antwort: „Einstellung!“ Seine ersten Jahre bei den Werder-Amateuren ließen ihn die süße und verführerische Frucht des Profitums kosten. Auto und Wohnung wurden gestellt, dazu noch ein ordentliches Gehalt und das Bremer Nachtleben. „Es waren keine Erziehungsberechtigten da, die einem über die Schulter gucken und mich auch mal hätten zurechtweisen können“, erklärt Oskay, wie er sich in Bremen nach und nach aufs Abstellgleis beförderte. Dass es nicht für die ganz große Bühne gereicht hat, hat indes auch etwas Gutes. Denn wer weiß, ob er seine Frau Karin sonst jemals kennengelernt hätte.

Von Michael Theuerkauf

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