Gescheiterte Karriere trifft Karriere-Höhepunkt

Als der Ex-Profi und jetzige Straßenreiniger Kevin Pannewitz gegen den VfL Wittingen spielte...

Der gescheiterte Ex-Profi Kevin Pannewitz bestritt 2012 kurz vor dem Sprung in die Bundesliga mit dem VfL Wolfsburg ein Testspiel gegen den Kreisligisten VfL Wittingen/S.
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Das gescheiterte Top-Talent im Testspiel-Hit 2012 in der Gifhorner Flutmulde gegen den hiesigen Kreisligisten VfL Wittingen/S.: Kevin Pannewitz (M., hier im Zweikampf mit Sven Arndt) stand eine große Profi-Karriere bevor, doch er scheiterte nicht nur beim VfL Wolfsburg.
  • Ingo Barrenscheen
    VonIngo Barrenscheen
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Er galt als hochtalentiert. Insofern könnten böse Zungen meinen, er ist tief gefallen. Statt als hochdotierter Sportler verdient der Ex-Fußball-Profi Kevin Pannewitz seine Brötchen bei der Straßenreinigung in Berlin. Dabei stand er einst beim VfL Wolfsburg kurz vor dem Sprung in die Bundesliga – und 2012 auch eine Halbzeit gegen die Kreisliga-Kicker vom VfL Wittingen/S. auf dem Platz. Ein geplatzter Lebenstraum mit Lokalkolorit.

Berlin/Wittingen – Bei Naim Fetahu klingelt es direkt, als er den Namen Kevin Pannewitz hört. „Er war schon ein besonderer Typ.“ Sofort tauchen die lebendigen Erinnerungen an das Highlight-Spiel am 3. Juli 2012 in der Gifhorner Flutmulde gegen die Bundesliga-Stars aus Wolfsburg wieder vor seinem geistigen Auge auf. Viele Bild-Fetzen sind hängen geblieben beim damaligen wie heutigen Trainer des VfL Wittingen/Suderwittingen. Auch von Pannewitz. Dem begabten, aber eben auch beleibten Ballvirtuosen, an dem selbst Schleifer Felix Magath scheiterte...

Der Coupon-Coup

„Das war das Größte, was ich als Spieler und Trainer erlebt habe! Das vergesse ich nicht – wie wir uns reingehängt hatten, um die Geschichte wahr werden zu lassen.“ Fetahus Flashback bringt die Augen zum Leuchten. Die Kreisliga-Kicker aus der Brauereistadt hatten vor neun Jahren einen wahren Coupon-Coup gelandet und das Traum-Testspiel gegen illustre Akteure wie Ivica Olic, Maximilian Arnold oder Diego Benaglio gewonnen.

Man konnte sehen, dass er ein paar Pfund zu viel hatte. Aber auch, dass er ein super Techniker war. Sehr ballsicher. Was er gemacht hat, hatte Hand und Fuß.

Wittingens Coach Naim Fetahu über den wegen Übergewichts-Problemen und Disziplinlosigkeiten gescheiterten Ex-Profi Kevin Pannewitz

Und eben auch gegen jenen Kevin Pannewitz, den die Wölfe ganz frisch vom Zweitligisten FC Hansa Rostock geholt hatten. Als Versprechen an die Zukunft. Gesegnet mit Talent. Aber auch mit großem Appetit. Die Übergewichts-Probleme und fehlende Selbstdisziplin wurden dem vermeintlichen Mittelfeld-Juwel zum Verhängnis, die Profi-Karriere scheiterte trotz mehrmaliger Anläufe (siehe Info-Kasten).

Fetahu erkennt Talent

Auch sein einstiger Gegner Fetahu erinnert sich an das ein oder andere Pfund zuviel beim Schaulaufen des VfL gegen seine Schützlinge. Nicht nur in einigen Medien, sondern auch bei den Zuschauern in der Flutmulde kursierte der nonchalante Spitzname „Wannewitz“... Doch Wittingens Übungsleiter fiel in den 45 Minuten Bewährungsprobe auch das ohne Frage vorhandene Talent des Magath-Experiments auf. „Man konnte sehen, dass er ein super Techniker war. Sehr ballsicher. Sein Radius war nicht groß, weil wir logischerweise hinten drin standen. Aber das, was er gemacht hat, hatte Hand und Fuß.“

Nur der Tunnel fehlt...

Trotzdem verlor Pannewitz den Kampf gegen die Kilos. Die Wittinger wiederum das Spiel ihres Lebens. Mit 0:16! Doch Fetahu verweist auch auf zwei gute Gelegenheiten für den krassen Außenseiter zu Beginn beim Stand von 0:0. Bis heute vertritt er felsenfest der Meinung, dass seinem pfeilschnellen Stürmer André Liedtke nach einem Trikotzupfer von VfL-Verteidiger Felipe ein klarer Elfmeter hätte zugesprochen werden müssen. „Da ist Magath einmal kurz aufgestanden. Dann hat sich das Spiel gedreht“, meint Fetahu augenzwinkernd. Wenn er in der Revue etwas anders machen würde, dann nur seine eigene Person betreffend. „Das war mein erstes Spiel für Wittingen. Ich war ja noch fit. Vielleicht hätte ich mir ein paar Minuten gönnen sollen. Ein Tunnel und dann wieder auswechseln lassen“, grinst der Coach des Underdog-VfL.

Zuspruch für Pannewitz

Auch Pannewitz hätte sicherlich die ein oder andere Entscheidung seines Lebens im Nachgang anders getroffen, wenn er die Chance dazu hätte. Dass aus der vorgezeichneten Laufbahn nichts wurde, empfindet Fetahu nicht als tragisch. „Er ist einer von vielen, die die Chance hatten, sie aber nicht ergriffen haben. Man sollte im Leben nie etwas hinterhertrauern. Das Positive ist: Er hat wieder angefangen zu arbeiten.“ Statt womöglich, was viele andere Promi-Beispiele auch zeigen, abzudriften. In der Wittinger Fußball-Geschichte jedenfalls nimmt Pannewitz eine durchaus gewichtige Rolle ein – und das ist mitnichten salopp gemeint.

Straßenreinigung statt Bundesliga-Bühne: Der beschwerliche Weg des Kevin Pannewitz

Nach Ausflügen in Reality-Fernsehshows und andauernden Gewichtsproblemen ist Ex-Fußballprofi Kevin Pannewitz ein zweites Mal in seinem Leben bei der Stadtreinigung in Berlin gelandet. „Ich arbeite bei der BSR Stadtreinigung als Straßenfeger. Ich verdiene 1100 und Zerquetschte netto, ich habe 1200 Stunden im Jahr, die ich arbeiten muss“, sagte der 29-Jährige in einer Instagram-Story seinen gut 14 000 Followern: „Wenn ich gut bin, kann ich übernommen werden. Wenn ich scheiße bin, dann nicht.“

Pannewitz galt beim FC Hansa Rostock in der 2. Liga einst als großes Talent und stand beim VfL Wolfsburg unter Felix Magath 2012 vor dem Sprung in die Bundesliga. Disziplinlosigkeiten und Gewichtsprobleme (zwischenzeitlich wog er 140 Kilo!) verhinderten jedoch auch, dass er sich durchsetzte. „Pannewitz ist Panne“, sagte Magath nach dem gescheiterten Experiment mit seinen gefürchteten Medizinbällen. Der Alltag des Familienvaters sieht nun ganz anders aus als der eines Berufssportlers. „Ich stehe jeden Tag um vier Uhr auf, von Montag bis Freitag erstmal. Das ist es erstmal. Viele fragen, was ich mache, was ich tue. Bevor ich jedem einzeln antworte, hier das Video“, sagte Pannewitz in seiner orangenen Arbeitskleidung.

Die hatte er schon 2015 gegen Trikot und Stutzen getauscht, unternahm 2018 beim Drittligisten FC Carl Zeiss Jena aber noch einmal einen zweiten Versuch, doch noch eine Profi-Karriere einzuschlagen. Doch auch das scheiterte nach 23 Einsätzen. Zuletzt spielte er beim FC Amed in Berlin in der 9. Liga. „Ich bin zwar fett, aber für die Kreisliga reicht es noch“, hatte er dem Magazin „11Freunde“ im Vorjahr gesagt. 2020 gewann Pannewitz als Sieger der RTL-Sendung „Kampf der Realitystars“ 50 000 Euro. Doch auch solch ein Betrag ist langfristig nicht genug, um seine Familie zu ernähren. Deshalb nun auch das Comeback als Straßenreiniger, nachdem er schon mehrere Jahre Erfahrungen als Möbelpacker gemacht hatte. dpa

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