Nach BVB-Anschlag: Auch für Schiedsrichter eine große Herausforderung

Die Champions-League-Viertelfinals: Ziemlich schwere Spiele

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Schiedsrichter Daniele Orsato verwarnt Sokratis. Der Referee hat es in Dortmund aufgrund der Umstände mit einer besonderen und schwer zu leitenden Partie zu tun.

München/Dortmund. Nach den Anschlägen von Dortmund, bei denen die Täter die Verletzung und auch den Tod von Menschen in Kauf nahmen, sind die Champions-League-Viertelfinal-Begegnungen zwischen Dortmund und Monaco sowie Bayern und Madrid besondere Spiele für alle Beteiligten.

Das gilt speziell für die Spieler, aber auch für die Schiedsrichter, die sich nach solch schrecklichen Ereignissen im besonderen Fokus der Öffentlichkeit befinden. Man muss es sich nur bildhaft vorstellen: Auf dem Weg zum Stadion werden Sprengkörper gezündet, bei denen ein Dortmunder Akteur und ein Polizist verletzt werden – kann man dann noch spielen? Und kann man dann als Referee noch eine Partie vernünftig leiten?

Aus Sicht des „Pfiffs der Woche“: Ja, kann man, darf man, muss man sogar. Wann sonst? Wann sollen sie kicken? Eine Woche später? Zwei? Drei? Die Profis auf dem Feld packen das, die Fans im Stadion und an den Bildschirmen packen das, Menschen packen das – und es ist gut für sie, dass sie durch diese wichtigen Auseinandersetzungen gegen Ende der Saison auf andere Gedanken fokussiert werden. Was wäre, wenn sie tagelang über eine Neuansetzung der Partie nachdenken müssten? Nein. Der Blick nach vorn hilft mehr, als der Blick zurück, auch wenn die Trainer für die sportliche Vorbereitung sicher gern noch ein wenig mehr Zeit gehabt hätten.

Und natürlich bedeuten solche Partien, speziell diese beiden, für die beidenFIFA-Referees Nicola Rizzoli (München) und Daniele Orsato (Dortmund) zusätzliche Herausforderungen für Konzentration, Außenwirkung, Akzeptanz und Kommunikation mit allen Beteiligten auf und am Spielfeld. Die beiden italienischen Top-Unparteischen, die zur höchsten UEFA-Kategorie („Elite“) gehören, haben es mit emotional bewegten Spielern, Trainern und Zuschauern zu tun. Es sind aufgrund der Umstände schwer zu leitende Partien für die Schiedsrichter.

Regeltechnisch hat übrigens nur einer die Befugnis, zu entscheiden, ob ein Spiel stattfindet oder nicht: der Referee. Wenn Daniele Orsato oder Nicola Rizzoli der Ansicht gewesen wären, dass eine vernünftige Austragung nicht gewährleistet möglich gewesen wäre, dann hätten sie einfach sagen können: Nein. Diese Macht gibt ihnen das Regelwerk – bei allen möglichen Einflüssen, die es in der Königsklasse geben mag. Nachlesbar sind diese Kompetenzen vor allem in der Fußball-Regel Nr. 5 (Schiedsrichter).

So leiten der gelernte Elektriker Orsato aus Montecchio Maggiore und der Architekt Rizzoli aus Bologna zwar nicht ohne Fehler, behalten die Partien indes jederzeit im Griff, und das ist ob der bekannten Umstände gar nicht hoch genug zu bewerten.

Bayern gegen Real, 45. Minute: Referee Nicola Rizzoli entscheidet nach einem vermeintlichen absichtlichen Handspiel des Madrilenen Dani Carvajal (2.v.r.) auf Strafstoß für die Münchener. Regeltechnisch konsequent zeigt der Schiedsrichter auch die Gelbe Karte – aber war die Wahrnehmung zuvor richtig?

In der 45. Minute entscheidet Nicola Rizzoli, WM-Endspiel-Referee von 2014, nach einem vermeintlichen Handspiel des Madrilenen Carvajal auf Strafstoß für Bayern München. Franck Ribery hatte zuvor abgezogen. Allerdings: Selbst wenn da irgendwo noch ein Teil des linken Arms im Spiel gewesen sein könnte – das war kein absichtliches Handspiel, es hätte weitergehen müssen. Die für die Bewertung entscheidende Frage („Wollte Carvajal das? Oder wollte er es nicht?“) ist eindeutig zu beantworten: Der Real-Akteur wollte keinesfalls die Kugel absichtsvoll mit dem Arm oder der Hand aufhalten, er wird schlichtweg von Ribery angeschossen.

Regeltechnisch ist Rizzoli, der auch das Champions-League-Finale 2013 zwischen Bayern und Dortmund leitete, übrigens konsequent: Er zeigt Carvajal die Gelbe Karte, und das ist aus seiner (falschen) Wahrnehmung heraus folgerichtig. Wenn ein Schuss in Richtung Tor mit einem absichtlichen Handspiel aufgehalten wird, muss Gelb kommen. Und wenn durch ein solches Vergehen ein glasklarer Treffer verhindert wird, dann ist sogar Rot fällig.

Der Platzverweis für Bayerns Javi Martinez mit Gelb/Rot in der 61. Minute ist korrekt. Zweimal binnen zwei Minuten foult Martinez seinen Gegner Cristiano Ronaldo im offensiven Mittelfeld, unterbricht einmal durch ein Halten, dann durch ein Beinstellen gute Konterchancen von Real. Diese taktischen Vergehen sind daher regeltechnisch als unsportlich und damit gelbwürdig zu bewerten.

In Dortmund zeigt der heimische BVB trotz der Niederlage ein mitreißendes Spiel. Beim 0:1 durch Monacos Mbappé Lottin steht der Stürmer im Moment des Zuspiels leider einen Schritt im Abseits, dies hätte Assistent Lorenzo Manganelli durchaus erkennen können. Aber der Mann an der Linie befindet sich in dieser Szene nicht ganz dort, wo er eigentlich stehen müsste, nämlich auf Höhe des vorletzten Dortmunder Abwehrspielers. Die ungünstige Perspektive ist mutmaßlich der Grund für die falsche Wahrnehmung. Im Zweifel für den Stürmer? Ja, bei knappen Abseitspositionen – diese ist dann doch zu deutlich.

Von Marco Haase

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