Double-Trainer spricht über seine Ära bei Werder

Werder-Legende Schaaf im Interview zum 60. Geburtstag: „Arbeit ist wichtiger als ein Titel“

Thomas Schaaf wird am Freitag 60 Jahre alt. 2004 holte die Trainer-Legende mit Werder Bremen das Double.
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Thomas Schaaf wird am Freitag 60 Jahre alt. 2004 holte die Trainer-Legende mit Werder Bremen das Double.

Bremen – Von Jean-Julien Beer. Thomas Schaaf feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag. Im DeichStube-Interview blickt die Legende des SV Werder Bremen auf seine Ära bei den Grün-Weißen zurück.

Diese Woche ist wirklich speziell für Thomas Schaaf. Am Montag glaubten viele Fans, dass er wieder Cheftrainer beim SV Werder Bremen würde. Schließlich hatte er seinen Verein 1999 schon einmal in einer ähnlichen Situation gerettet. Schaaf schwieg und schweigt zu diesen Gerüchten. Neuer Cheftrainer wurde er jedenfalls nicht, Florian Kohfeldt blieb im Amt. Am Freitag feiert Schaaf nun seinen 60. Geburtstag. Deshalb traf er sich bereits vor ein paar Tagen mit der DeichStube, um über die besonderen Momente seiner Werder-Karriere zu sprechen. Das komplette Interview mit vielen weiteren Anekdoten über die „Wunder von der Weser“ oder die verrückteste Woche seiner Trainerkarriere ist im neuen Magazin „Titel, Typen & Triumphe“ des „Weser-Kurier“ erschienen.

Am Freitag feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Beim 50. haben Sie gemeint, das sei nur eine Zahl. Wie gehen Sie mit der 60 um – und können Sie in dieser Pandemie überhaupt feiern?

Es ist wieder nur eine runde Zahl, das sehe ich entspannt. Ich bin ohnehin nicht der, der gerne vorne steht, wenn eine große Party abgehalten wird. Ich feiere schon gerne, das ist keine Frage, in einem guten Kreis. Das ist dieses Jahr nicht möglich. Ich bin deshalb aber nicht megatraurig. Wir Menschen merken gerade, dass wir in einer Zeit leben, in der man auch mal wieder demütiger sein muss.

Ist es das schönste Geschenk zum 60. Geburtstag, dass Sie überall gerne gesehen werden in Bremen, der Stadt, in der Sie Ihr Leben und große Teile der Karriere verbracht haben?

Dazu muss man gar nicht 60 werden, finde ich. Man sollte immer versuchen, seine Sache gut zu machen. Ich habe es nicht immer geschafft, dass Werder Bremen die besten Ergebnisse erzielte. Aber ich habe immer alles probiert, um es zu schaffen. Und wenn mich jemand freundlich nach einem Autogramm fragt oder nach einem Foto, dann ist es doch meine Pflicht, dass ich mich freue, auf so einen Menschen zu treffen, und den Wunsch gerne erfülle. Es ist immer wichtig, wie man mit den Leuten umgeht. Ich habe mich in Bremen nie versteckt, zu keinem Moment. Ich habe immer versucht, mich wie ein ganz normaler Bürger in dieser Stadt zu verhalten. Es war für mich immer schön, in Bremen zu leben.

Wenn man Ihre Weggefährten aus dem Fußball fragt, was sie an Thomas Schaaf schätzen, fällt oft ein Wort: Zuverlässigkeit. Nehmen Sie das als Kompliment an?

Absolut. Ich glaube, wenn wir uns die Gesellschaft ansehen, gerade in der heutigen Zeit, welches Tempo wir haben, was alles versprochen wird – und was am Ende tatsächlich davon eintritt, da gibt es große Defizite. Auch wenn es banal klingt: Wenn jemand zuverlässig ist, dann kann ich mich auf ihn verlassen. Zuverlässigkeit ist für mich sehr wertvoll – egal, in welchem Lebensbereich.

Ihr erster Trainer bei Werders Profis, Wolfgang Weber, glaubt bis heute nicht, dass Sie in Mannheim geboren wurden. Er beteuert, man könne nicht norddeutscher sein als Thomas Schaaf. Wie sehen Sie das?

Ich war in meiner Kindheit noch sehr oft bei unseren Verwandten in Mannheim und Umgebung, und wir haben dort sehr viel Mannheimer Dialekt gesprochen. Mit meiner Mutter spreche ich heute noch so. In den ersten Jahren in Bremen hatte ich wegen meines Dialektes ab und zu Schwierigkeiten in der Schule, weil manche Wörter einfach anders ausgesprochen als geschrieben werden. Ich bin dann aber recht gut in die norddeutsche Art hineingewachsen. Wenn man den Norddeutschen als etwas ruhiger und gelassener nimmt – dann finde ich mich da wieder. Das heißt ja nicht, dass man im Leben einschläft. Wenn es was zu feiern gibt, wird auch gefeiert.

Werder Bremen: Thomas Schaaf über „stolzen Moment“ beim Europapokal-Sieg 1992 und schwierige Trainer-Entscheidung 1999

Sie waren 17 Jahre jung, als Wolfgang Weber Sie zum Bundesligaspieler machte, im April 1979 in Bochum. Waren Sie darauf vorbereitet?

Vor diesem ersten Spiel war ich morgens noch im Unterricht und bin mit dem Zug nachgereist. Rudi Assauer holte mich in Bochum am Bahnhof ab und brachte mich zur Mannschaft ins Hotel. In der Abwehr fehlten ein paar Leute verletzt, im Spiel musste dann noch Kalle Geils raus, das war meine Chance.

Bevor Sie 1988 zum ersten Mal Meister wurden, erlebten Sie drei Vizemeisterschaften, darunter die von 1986 mit dem tragischen Kutzop-Elfmeter. Muss man das im Paket sehen: erst die Rückschläge, dann der Lohn?

Vielleicht ist das so, aber ich muss schon sagen: 1986, das war ganz schwierig. Man bekam das Gefühl: So stark und voller Typen unsere Mannschaft auch war, es reicht nur zum Vizetitel. Aber wir wollten unbedingt beweisen, dass wir Erster werden können. Wir haben total um diesen Meistertitel gekämpft, waren richtig hungrig. Und wir waren glücklich und selig, als wir es 1988 geschafft hatten.

Ihr größter Erfolg als Spieler war der Gewinn des Europapokals 1992 in Lissabon gegen Monaco. Was ging Ihnen beim Abpfiff durch den Kopf?

Ich dachte an meine Karriere, auch an all die Rückschläge und Widerstände, gegen die ich mich behaupten musste. Jetzt Europapokalsieger zu sein, war eine schöne Bestätigung. Ich dachte mir: Das hast du gut gemacht. Ich war auch stolz auf die Leute in meinem Umfeld, die wichtig dafür waren. Da gehört ganz sicher meine Frau dazu. Wir saßen später in der Kabine mit dem Pokal, unsere Frauen kamen rein – das war ein stolzer Moment.

Nach der Spielerkarriere trainierten Sie zunächst Werders Amateure. Wer hat sich nach Felix Magaths Entlassung im Mai 1999 gemeldet und gesagt: Wir müssen mal über den Job bei der Bundesligamannschaft reden?

Samstags verlor Werder in der Bundesliga, am Sonntag rief Klaus-Dieter Fischer mich an und fühlte bei mir vor. Ich sagte: Wenn die Entscheidung gefallen ist, sich von Magath zu trennen, muss ich mir das überlegen.

Was gab es zu überlegen?

Viel. Werder war fast abgestiegen, es gab noch vier Partien und das Pokalendspiel. In meinem Herzen war Werder eine wichtige Nummer, es war aber auf der anderen Seite auch ein Risiko: Durch einen Abstieg mit Werder wäre ich als Trainer vielleicht schon verbrannt gewesen. Aber dann habe ich fest daran geglaubt, dass ich es mit den Jungs noch packen kann. Montags habe ich angefangen, schon am Dienstag spielten wir gegen Schalke. Trainieren konnte man nicht viel, deshalb haben wir viele Gespräche geführt. Wir haben nicht traumhaft gespielt, aber toll gekämpft und Schalke mit 1:0 geschlagen. Dadurch fanden wir den Glauben wieder. Wir gewannen auch bei 1860 und gegen Gladbach – damit war der Klassenerhalt sicher.

Werder Bremen: Flughafen-Ankunft nach Meisterschaft 2004 für Thomas Schaaf das „Außergewöhnlichste in meiner Karriere“

Es folgte der Sieg im Pokalfinale gegen den FC Bayern, der gerade das Endspiel der Champions League gegen Manchester United verloren hatte...

Wir waren dem Abstieg gerade entronnen, ein größerer Außenseiter konnte man gar nicht sein gegen diese Bayern mit Kahn, Effenberg, Matthäus. Durch meine Vorgänger Sidka und Magath standen wir im Finale. Es war ein sensationelles Spiel mit einem überragenden Team und einem fantastischen Frank Rost. Ein unglaubliches Erlebnis.

Sie blieben 14 Jahre als Trainer im Amt, nur 80 Tage weniger als Otto Rehhagel. Hätten Sie ihn gerne überholt?

Nein. Es ist zwar wichtig, Titel zu gewinnen oder Marken zu setzen, weil das von allen anerkannt wird. Aber es kann die viel größere Leistung sein, mit einer Mannschaft viele Jahre lang nicht abzusteigen. Für mich ist die Arbeit, die geleistet wird, wichtiger als ein Titel. Wenn ich jemandem durch meine Arbeit einen Moment der Freude schenken konnte, hatte das für mich einen ganz hohen Wert.

Das Double 2004 wird für immer mit dem Trainer Schaaf verbunden sein. War das Ihr schönster Werder-Moment?

Als wir im Autokorso durch die Stadt fuhren, konnte ich in viele glückselige Augen schauen. Die Stadt Bremen erlebte damals schwierige Zeiten, es gab wirtschaftliche Probleme und viele Arbeitslose, aber wir konnten den Menschen etwas Schönes geben. Sehr, sehr vielen Menschen. So habe ich das empfunden, als ich in diese Gesichter schaute. Das hat bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen. Es ist nur Fußball, aber wenn wir es damit schaffen, die Menschen mal kurz aus ihren Sorgen zu holen, ihnen einen schönen Moment zu schenken, dann haben wir alles richtig gemacht.

Bei der Rückkehr vom entscheidenden Spiel aus München feierten die Menschen am Bremer Flughafen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Während des Flugs habe ich den Piloten gefragt, ob wir vielleicht eine Runde über Bremen drehen könnten. Wir hatten gehört, dass viele Leute unterwegs wären, aber wir kannten keine Bilder davon. Wir sind dann quer über den Flughafen geflogen und haben gesehen, dass unglaublich viele Menschen dort unten auf uns warteten. Das zu erleben, all diese glücklichen Menschen, das war vielleicht das Außergewöhnlichste in meiner Karriere.

Haben Sie noch so einen Werder-Kapuzenpulli von 2004 zu Hause?

Den habe ich daheim in einer Kiste. Ich muss immer aufpassen, dass ich den nicht verschenke. Das war auch so eine Geschichte! Es ging immer darum, was ich bei den Spielen anziehe. Zur Champions League habe ich gesagt: Das sind Festtage, da ziehst du einen Anzug an. Aber ansonsten habe ich mich mit Trainingssachen oder Freizeitklamotten am Spielfeldrand sehr wohlgefühlt. So ein Kapuzenpulli war optimal, weil ich mich viel bewegte. Auf einmal war das Ding im Fanshop ausverkauft. Und keiner konnte nachliefern. Kaum gab es wieder welche, waren die sofort auch weg. Eigentlich unglaublich.

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