Kohfeltds Taktik geht beim FC Bayern München auf

Taktik-Analyse: Werder Bremen bestraft Hansi Flicks Experimente

Werder Bremens Cheftrainer Florian Kohfeldt hat mit seiner Taktik FC Bayern-Coach Hansi Flick den Schneid abgekauft.
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Werder Bremens Cheftrainer Florian Kohfeldt hat mit seiner Taktik FC Bayern-Coach Hansi Flick den Schneid abgekauft.

München – Zum ersten Mal seit zehn Jahren holt der SV Werder Bremen einen Punkt in der Allianz Arena. Beim 1:1 zeichneten die Bremer dieselben Stärken aus wie bereits in den ersten Partien dieser Saison. Der FC Bayern München um Coach Hansi Flick hingegen verzockte sich mit seiner Taktik, schreibt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Der Spielplan vom FC Bayern ist hart. In den kommenden vier Wochen muss der Rekordmeister acht Spiele bestreiten. Gegen Werder Bremen wollte Hansi Flick daher die Chance nutzen, taktisch und personell zu rotieren. Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané – zuletzt für die DFB-Auswahl nominiert – saßen auf der Bank, Joshua Kimmich fehlte verletzt. Für Werder war dies eine einmalige Chance: Sie konnten auftrumpfen gegen eine nicht eingespielte Bayern-Mannschaft.

Werder Bremen gegen den FC Bayern in der Taktik-Analyse: Das Zentrum ist dicht

Trainer Florian Kohfeldt wählte für den SV Werder Bremen eine defensive Variante gegen den amtierenden Champions-League-Sieger. In der Abwehr stellte er eine Fünferkette auf, davor verteidigte eine weitere Viererreihe. Einziger Stürmer war Josh Sargent. Doch auch der US-Amerikaner musste viel Defensivarbeit verrichten. So half er in der eigenen Hälfte mit, den gegnerischen Sechser abzudecken. Werders Strategie unterschied sich kaum von der Herangehensweise aus dem Spiel gegen Frankfurt oder gegen Freiburg. Die Mittelfeldreihe stand eng. Werder wollte die Passwege ins Zentrum schließen. Maximilian Eggestein und Kevin Möhwald rückten vereinzelnd raus und ließen dabei die gegnerischen Achter in ihrem Deckungsschatten.

Die Bayern sollten den ersten Pass möglichst auf die Außen spielen. Auch von dort sollten sie nicht ins Zentrum zurückkehren dürfen: Die Außenstürmer liefen von der Seite an, um den diagonalen Passweg zu schließen. Erst wenn der FC Bayern eine Lücke im Bremer System gefunden hatte, zog sich die Mannschaft kollektiv an den eigenen Strafraum zurück. Auch hier lag der Fokus auf der Sicherung des Zentrums.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Defensivformation. Gut erkennen lässt sich vor allem, wie das Mittelfeld vom FC Bayern München hinter Bremens zentralen Spielern verschwand. Josh Sargent, Kevin Möhwald und Maxi Eggestein verrichteten viel Arbeit.

Werder Bremen in der Taktik-Analyse: Bayerns seltsam zusammen gewürfelter Haufen

Bayerns Trainer Hansi Flick wagte gegen Werder Bremen ein kleines taktisches Experiment. Anders als sonst begann seine Mannschaft nicht in einer 4-2-3-1-Formation. Stattdessen setzte Flick auf ein 4-3-3-System. Thomas Müller und der junge Jamal Musiala agierten versetzt vor Javi Martinez. Nach der Verletzung von Lucas Hernandez (19.) rückte Martinez in die Innenverteidigung, Goretzka übernahm die Rolle vor der Abwehr. Man merkte den Bayern deutlich an, dass ihr Mittelfeld nicht eingespielt war. Musiala und Müller waren praktisch permanent nicht anspielbar, was auch an der guten Raumaufteilung zwischen Möhwald und Eggestein lag. Bayerns Sechser wiederum ließ sich viel zu tief fallen, teilweise sogar hinter Sargent. So war kaum Raumgewinn möglich gegen die kompakt verteidigenden Bremer.

Auch im Pressing zeigte der FC Bayern ungewohnte Schwächen. Flick hatte sich entschieden, die Außenstürmer gegen den Ball weit vorzuschieben. Sie sollten Bremens Dreierkette zusammen mit Stürmer Robert Lewandowski stören. Die drei Mittelfeldspieler agierten tiefer. Die Bayern fühlten sich mit dieser Aufteilung sichtlich unwohl; Douglas Costa und Kingsley Coman kamen nicht gut in die Pressing-Situationen. Hinzu kam, dass der Abstand zwischen Sechser und Achtern teils viel zu groß war.

Werder Bremen setzt Akzente in der Offensive – die Taktik-Analyse gegen den FC Bayern München

Werder Bremen gelang es mehrere Male, das ungare Pressing der Bayern zu umspielen. Eggestein oder Bittencourt schlichen sich in den Raum zwischen gegnerischem Sechser und Achter. In der Folge musste aus Bayerns Abwehr ein Spieler herausrücken, um die Lücke zu schließen. Häufig war dies Rechtsverteidiger Benjamin Pavard. Werder bespielte in der Folge die Lücke auf Pavards Seite. Fast sämtliche guten Angriffe der Bremer liefen über Rashicas linke Seite; er stand häufig frei, wenn Pavard herausrückte. Die Führung indes erzielte Werder nicht über die linke, sondern über die rechte Seite. Nach einem Einwurf bestraften sie die Unordnung in der gegnerischen Abwehr – die unerwartete Führung (45.).

Doch die Bayern schlugen zurück. Hansi Flick änderte in der Halbzeit einige Details seiner Taktik. So pressten die Bayern nun anders: Müller ging in die vorderste Linie neben Lewandowski, die Außenstürmer agierten versetzt dahinter. Die Bayern hatten mit Müller in vorderster Linie eine ganz andere Wucht als noch vor der Pause. Auch auf den Flügeln waren sie nun besser aufgestellt. Pavard rückte nun konsequent nach vorne, nicht diagonal ins Zentrum. Fast durchgehend lief er Ludwig Augustinsson an. Was zunächst kontraproduktiv klingt angesichts der defensiven Schwächen auf dieser Seite, fruchtete: Die Bayern ließen die Pässe zu Rashica gar nicht erst zu. Werder Bremen gab zwischen 46. und 80. Minute nur einen Torschuss ab.

Werder Bremen in der Taktik-Analyse: Der FC Bayern schlägt zurück

Defensiv hielten sich die Bremer hingegen tapfer. Die Bayern hatten auch nach der Pause große Probleme, die 5-4-1-Mauer von Werder Bremen zu knacken. Goretzka rückte nun etwas höher, sodass die Bayern Werder weiter in deren Hälfte drückten. Eine Halbfeld-Flanke brachte den Ausgleich (62.). Mit der Einwechslung von Eric-Maxim Choupo-Moting (63., für Musiala) stellte Flick auf ein Zwei-Stürmer-System um, Müller übernahm die ungewohnte Aufgabe, mit Goretzka das zentrale Mittelfeld-Duo zu bilden. Doch es half nichts: Bis zur letzten Minute hielt Werder die kompakte Ordnung, in der Schlussphase konnten sie sogar wieder vermehrt für Entlastung sorgen. Der Punktgewinn in München war auf Bremer Seite sicher nicht eingeplant. Eine starke Defensivleistung sowie schwache Bayern bescherten ihnen den „Bonus-Punkt“.

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