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Taktik-Analyse: Ein gut eingestellter Gegner und fehlende Umstellungen - Werders erste Niederlage unter Ole Werner

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Von: Tobias Escher

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Wechselte viel, stellte aber nicht um: Ole Werner musste gegen Heidenheim seine erste Niederlage als Trainer des SV Werder Bremen einstecken.
Wechselte viel, stellte aber nicht um: Ole Werner musste gegen Heidenheim seine erste Niederlage als Trainer des SV Werder Bremen einstecken. © Imago Images / Roger Buerke

Bremen - Die Serie reißt: In Heidenheim verliert Werder Bremen erstmals unter Ole Werner. Werder konnte das Spiel zwar über weite Strecken dominieren. Gegner Heidenheim hatte sich aber eine gute Taktik zurechtgelegt, auf die Werder gerade in der zweiten Halbzeit keine Antwort fand. Die Taktikanalyse.

Heidenheim war in den vergangenen Jahren so etwas wie der Bremer Lieblingsgegner. Werder Bremen setzte sich nicht nur im Jahr 2020 in der Relegation gegen die Heidenheimer durch, sondern erreichte im Pokal (4:1 im Jahr 2019) sowie im Hinspiel dieser Saison (3:0) zudem deutliche Siege. Umso überraschender kam die erste Pflichtspiel-Niederlage unter Trainer Ole Werner zustande. Ausgerechnet auf der Schwäbischen Alb verlor Werder 1:2. Heidenheim hatte sich eine gute Taktik zurechtgelegt, die Werder vor Probleme stellte.

Werder Bremen: 1. FC Heidenheim macht es wie Dynamo Dresden - Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 als Spielsystem

Trainer Ole Werner überraschte nicht mit seiner Startaufstellung. Erneut stellte er das bekannte Stammpersonal auf. Einzig der verletzte Abwehrchef Ömer Toprak musste passen, Lars Lukas Mai ersetzte ihn. Werder Bremen begann erneut in einem 5-3-2-System. Heidenheims Trainer Frank Schmidt ließ sich bei seiner Taktik vom vorherigen Werder-Gegner inspirieren. Wie Dynamo Dresden stellte er sein Team in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 auf. Auch Heidenheim agierte mit einer leichten Asymmetrie: Rechtsaußen Christian Kühlwetter rückte weiter vor als Linksaußen Tobias Mohr. Der 1. FC Heidenheim wollte so den Druck auf Werders halblinke Seite erhöhen. Kühlwetter lief Marco Friedl an. Der Österreicher sollte im Aufbauspiel nicht viel Zeit erhalten. Mai auf der anderen Seite wiederum wurde nicht ganz so aggressiv angelaufen. Er erhielt mehr Zeit am Ball.

Durch den Ausfall durch Toprak funktionierte die Heidenheimer Asymmetrie besser als die Dresdner Variante vor einer Woche: Mit Ömer Toprak fehlte das verbindende Glied. Hinzu kam, dass Mai in vielen Situationen fahrig wirkte und Bälle verstolpern ließ. Zudem vermied der 1. FC Heidenheim einen Fehler: Anders als Dresden ließen sie Sechser Christian Groß nicht frei, sondern deckten ihn eng. So fand Werder Bremen seltener aus der eigenen Hälfte.

Schon gelesen? Es muss bei Werder Bremen auch ohne Ömer Toprak gehen - ein Kommentar!

1. FC Heidenheim findet gegen Werder Bremen viele Lösungen - Kühlwetter ordnet sich als zweiter Stürmer ein

Heidenheim hatte einen weiteren Vorteil im Vergleich zu Dresden: Die gegen Werder Bremen gewählte Taktik passte besser zu den Offensivstärken der Spieler. Kühlwetter ordnete sich offensiv als zweiter Stürmer ein. Heidenheim leitete die eigenen Angriffe über die linke Seite ein, um Christian Kühlwetter oder Stefan Schimmer im Strafraum zu finden.

Die Grafik zeigt das Heidenheimer Pressing: Kühlwetter schob weiter nach vorne als Linksaußen Mohr, um den Druck zu erhöhen. Anders als Dresden nahm Heidenheim das Bremer Mittelfeld in enge Deckung. So fiel der Übergang von der Abwehr ins Mittelfeld schwerer.
Die Grafik zeigt das Heidenheimer Pressing: Kühlwetter schob weiter nach vorne als Linksaußen Mohr, um den Druck zu erhöhen. Anders als Dresden nahm Heidenheim das Bremer Mittelfeld in enge Deckung. So fiel der Übergang von der Abwehr ins Mittelfeld schwerer. © DeichStube

Wichtig für die Offensive war auch das Heidenheimer Mittelfeld. Sie schoben immer wieder vertikal nach vorne oder ließen sich weit fallen. Das war eine clevere Wahl gegen Werders Mannorientierungen: Die Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen verfolgten wie gewohnt ihre Gegenspieler, teils über weite Strecken. Mit den Bewegungen nach vorne oder hinten zog Heidenheim Werders Mittelfeld aus der Position, um anschließend die entstandenen Lücken zu bespielen. Wie gut die Heidenheimer Taktik aufging, sah man bei beiden Treffern. Das 1:0 leiteten die Hausherren über die linke Seite ein. Den Pass von links in die Mitte schlenzte Kühlwetter in den Winkel (38.). Er war auch am zweiten Treffer beteiligt, als er beim hohen Pressing auf seiner halbrechten Seite den Ball gewann (63.).

Werder Bremen gegen 1. FC Heidenheim nicht unterlegen - eigene Geduld war der Schlüssel

Trotz der clever gewählten Heidenheimer Taktik war es keineswegs so, dass Werder Bremen unterlegen war. Im Gegenteil: Immer wieder fand auch Bremen Lösungen, um die Ordnung des Gegners zu knacken. Ein Schlüssel war die eigene Geduld: Werder brach immer wieder Angriffe ab, wählte den Rückpass, um anschließend wieder geduldig zu verlagern, bis sich eine Lücke auftat. Am Ende kamen sie gegen Heidenheim auf 62% Ballbesitz.

Die Stärke der Bremer waren erneut die Bewegungen der Stürmer. Während viele andere Zweitligisten ständig den Weg über die Flügel suchen, spielte Werder Bremen auch gegen Heidenheim häufig durch das Zentrum. Niclas Füllkrug oder Marvin Ducksch ließen sich fallen, um die Vertikalpässe direkt aus der Abwehr zu verarbeiten. So kam Werder gegen Heidenheim nicht nur zu viel Ballbesitz, sondern auch zu einigen guten Chancen.

Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim: Viele Wechsel, keine Umstellungen

Etwas verwunderlich war, dass Trainer Ole Werner zwar zahlreiche Wechsel vornahm. Die eigene Formation ließ er aber weitgehend unangetastet. So rückte etwa der in der Halbzeitpause eingewechselte Nicolai Rapp nicht ins Mittelfeld, sondern übernahm Mais Position in der Dreierkette. Einzig Rechtsverteidiger Mitchell Weiser schob nach der Pause weiter nach vorne. Auch später änderten die Wechsel nichts am Spielsystem des SV Werder Bremen. Nicklas Schmidts Einwechslung (67., für Romano Schmid) war ein positionsbezogener Wechsel. Nick Woltemade (84., für Christian Groß) kam für das zentrale Mittelfeld, Eren Dinkci (83., für Weiser) besetzte die rechte Seite. Werder entstanden durch die Wechsel zwar keine Nachteile – einen Vorteil durch eine Umstellung konnten sie sich aber auch nicht erarbeiten. Heidenheim verteidigte zunächst routiniert in einem 4-2-3-1, ehe sie nach der Roten Karte gegen Marnon Busch (87.) auf ein 4-4-1 umstellten.

Rückschlag mit fiesen Tücken, aber Werder will „sich nicht zerfleischen“

Werder Bremen muss sich am Ende ärgern. Der Gegner mag mit einer guten Taktik die richtigen Antworten auf Werders Offensivdrang gefunden haben. Dennoch erarbeitete sich Werder gegen den 1. FC Heidenheim genug Chancen, um zumindest ein Unentschieden zu holen. Immerhin eins müssen sich die Bremer nach der ersten Niederlage unter Ole Werner nicht vorwerfen lassen: einen Leistungsabfall. Werder bleibt unter Werner offensivstark. Am kommenden Samstag müssen sie diese Offensivstärke wieder in Tore ummünzen. Der Gegner wird diesmal nicht Bremens Lieblings-, sondern ein Angstgegner sein: Nur eins der fünf Pflichtspiele in diesem Jahrtausend konnte Werder gegen Darmstadt gewinnen.

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