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„Werfe ich meinen Hut im Fußball noch mal in den Ring?“ - Marco Bode über sein Buch, den Umgang mit Werder und künftige Jobs

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Von: Björn Knips

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Marco Bode, Ex-Aufsichtsrats-Vorsitzender des SV Werder Bremen, überlegt, welche Rolle im Fußball er in Zukunft übernehmen könnte.
Marco Bode, Ex-Aufsichtsrats-Vorsitzender des SV Werder Bremen, überlegt, welche Rolle im Fußball er in Zukunft übernehmen könnte. © gumzmedia

Bremen – Lange hat Marco Bode nach seinem Ausscheiden als Aufsichtsratschef des SV Werder Bremen im vergangenen Herbst geschwiegen und dafür lieber geschrieben – an seinem Buch „Tradition schießt keine Tore“.

Das Gemeinschaftsprojekt mit Dietrich Schulze-Marmeling ist gerade erschienen (Verlag Die Werkstatt, 19,90 Euro). Im Interview mit der DeichStube spricht Marco Bode aber nicht nur über sein Buch und seine Beziehung zu Werder Bremen, sondern auch über den Gedanken, vielleicht mal für einen anderen Verein zu arbeiten.

Marco Bode, welches Buch können Sie uns empfehlen?

„Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman. Das Buch hat schon mein Leben verändert. Sehr lesenswert ist auch das Buch über Union Berlin von Christoph Biermann.

Und wer sollte Ihr Buch lesen?

Ich hoffe und glaube, dass unser Buch für alle Fußball-Fans interessant ist – und auch nicht nur für Werder-Fans. Wir haben versucht, die Leserinnen und Leser am Beispiel Werder ein wenig hinter die Kulissen des Profi-Fußballs blicken zu lassen. Wie funktionieren Transfers? Was bedeutet es, eine Kultur in einem Club zu haben? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wann sind sie gut, wann schlecht? Wie kann man das messen? Nur durch die Ergebnisse? Wie funktioniert das mit den Finanzen? Wir gehen da nicht bis ins letzte Detail und lüften auch keine großen Geheimnisse, darum ging es auch gar nicht. Es ist bestimmt ein ungewöhnliches Buch.

Werder Bremen-Legende Marco Bode über sein Buch „Tradition schießt keine Tore“: „Natürlich ein provokanter Titel“

Warum?

Es ist kein klassisches Vereinsbuch mit vielen Anekdoten und brisanten Hintergründen, die noch keiner kannte. Wer das erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht. Aber es kommt wie im Fußball eben immer auch auf die Erwartungshaltung an.

Und auf die Stimmung: Ganz Bremen freut sich gerade über den Werder-Aufstieg – kommt da ein Buch über den Abstieg der Grün-Weißen nicht zur Unzeit?

Nein. Es ist kein Buch über den Abstieg – und auch keines über den Aufstieg! Über den freuen wir uns riesig! Und es passt vom Timing: Denn es handelt vor allem von der Bundesliga, in die Werder nun zurückgekehrt ist. Da sind viele Fragen in unserem Buch wieder viel relevanter als in der 2. Liga, wo Werder automatisch einer der zwei, drei Topclubs war.

Durch die Erfolge von Eintracht Frankfurt, dem 1. FC Köln und die Aufstiege von Schalke und Werder ist gerade von der Renaissance der Traditionsvereine die Rede. Schießt die Tradition doch wieder Tore?

Man darf den Titel unseres Buches nicht missverstehen. „Tradition schießt keine Tore“ ist natürlich ein provokanter Titel. Wir wollen vor allem damit ausdrücken, dass Traditionsvereine besondere Bedingungen haben.

Werder Bremen-Ex-Aufsichtsrats-Chef Marco Bode über 50+1: „Die Regeln in der Bundesliga müssen sich ändern“

Welche?

Sie haben eine große Vergangenheit. Die gute alte Zeit spukt durch die Köpfe vieler Fans, aber auch vieler Entscheider. Das steigert die Erwartungshaltung enorm. Natürlich ist es eine große Stärke, diese Fans und diese Identifikation in einer Region zu haben. Aber das allein reicht eben nicht, um Titel zu gewinnen oder die Champions League zu erreichen. Der Profi-Fußball hat sich in den letzten 20 Jahren enorm verändert.

Inwiefern?

Für Mittelklasseclubs wie Werder, Frankfurt, Köln oder Stuttgart ist es nun ganz anders als in der Zeit, in der ich noch gespielt habe. Damals waren die Unterschiede zwischen den reichen und armen Vereinen nicht so groß, und manche Clubs, wie RB Leipzig, gab es noch gar nicht. Aber das erklärt nicht alles. Es gab gewiss auch Fehler. Und welche Rolle spielt eigentlich der Zufall? Das ist auch so eine spannende Frage, der wir nachgehen.

Wie können die Kräfteverhältnisse wieder geringer werden?

Die Regeln in der Bundesliga müssten sich ändern. Zum Beispiel sollte die 50+1-Regel für alle oder für niemanden gelten.

Im ersten Fall müssten Clubs wie Bayer Leverkusen oder der VfL Wolfsburg verschwinden.

Nein, sie müssten sich in eine andere Richtung bewegen und wieder den Verein stärken. Das hat sogar das Bundeskartellamt bestätigt. Es geht aber nicht nur um 50+1, sondern auch um eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder.

Werder Bremen-Ex-Boss Marco Bode über „brutal schwere“ Zeit für Frank Baumann und Polizeischutz nach dem Abstieg

Ihnen wurde schon bei der Ankündigung des Buches vorgeworfen, Sie wollten sich damit als ehemaliger Aufsichtsratschef vor allem für den Abstieg rechtfertigen. Wie gehen Sie damit um?

Ich empfehle, das Buch zu lesen. Dann kann sich jeder selbst ein Bild machen.

Gemeinsam mit dem Aufsichtsrat haben Sie vor knapp einem Jahr entschieden, dass Frank Baumann trotz des Abstiegs als Geschäftsführer Sport weitermachen darf. Dafür gab es viel Kritik. Nun gilt er als Baumeister des Wiederaufstiegs. Empfinden Sie da Genugtuung?

Das wäre zu viel gesagt. Aber es ist ein Hinweis dafür, dass unsere Begründung der Entscheidung zu dem Zeitpunkt richtig gewesen sein könnte. Es wird oft der Zeitpunkt einer Entscheidung vergessen und dann in der Nachschau Kritik geübt. Das ist immer einfach. Es war nach dem Abstieg ganz wichtig, dass kein Chaos ausbricht, dass wir handlungsfähig bleiben. Es freut mich, dass Frank das durchgehalten hat, denn es war brutal schwer für ihn. Und es freut mich noch mehr, dass er nun das Erlebnis des direkten Wiederaufstiegs hatte. Das war keine Selbstverständlichkeit. Und welche Rolle der Zufall spielen kann, zeigt diese Saison auch, wenn man nur mal an die Impfaffäre um Markus Anfang und den Trainerwechsel zu Ole Werner denkt.

Sie berichten in dem Buch, dass Ihnen und Ihrer Familie für den Fall des Abstiegs 2021 Polizeischutz angekündigt wurde. Wie sind Sie damals damit umgegangen?

Ich wusste erst gar nicht, ob ich das meiner Frau und meiner Tochter überhaupt erzählen sollte. Aber ich war mir eigentlich relativ sicher, dass nichts passieren würde. Es lässt einen allerdings nicht kalt, was da alles im Internet an Beschimpfungen und Bedrohungen abgesetzt wird. Das ist sehr ärgerlich. Da müssen wir als Gesellschaft aufpassen, dass das nicht überhandnimmt. Es kann nicht sein, dass dort Menschen bedroht und beleidigt werden. Im Buch nennen wir drastische Beispiele: Beim Hamburger SV wurden mal Kreuze auf dem Trainingsplatz aufgestellt. Damit dürfen wir uns nicht abfinden!

Wie haben Sie Werders Aufstieg erlebt?

Voller Freude! Ich habe in den letzten Spielen natürlich mitgezittert, wenn auch nicht live im Stadion.

Werder Bremen: Marco Bode „weiterhin ein Werder-Gesicht“ mit Ideen für die Zukunft

Warum waren Sie nach Ihrem Ausscheiden als Aufsichtsrat im vergangenen Herbst nicht mehr im Stadion?

Ich wollte nicht so tun, als sei nichts passiert. Natürlich werde ich immer ein Werderaner bleiben, aber ich brauchte auch nach außen eine deutliche Veränderung. Einfach wieder dort zu sein, wo ich immer gewesen bin, ist mir falsch vorgekommen. Man muss auch lernen, loszulassen.

Wann können Sie bei Werder wieder zugreifen?

(lacht) Ich kann jederzeit wieder ins Stadion gehen, in der neuen Saison mache ich das vielleicht wieder. Ich habe ja auch noch Kontakt zu den Verantwortlichen, aber nur dann, wenn sie das auch wünschen. Da nehme ich mich gerne zurück.

Kann man von heute auf morgen kein Werder-Gesicht mehr sein?

Nein, ich bin ja weiterhin ein Werder-Gesicht, so blöd das vielleicht auch klingen mag. Wenn Werder gewinnt, gratulieren mir viele Menschen so, als wäre ich noch im Amt.

Sie präsentieren in dem Bruch auch Ideen, wie sich Werder weiterentwickeln könnte – zum Beispiel mit einem Sport-Campus auf dem Gelände der Galopprennbahn. Warum haben Sie dafür nicht Ihre Amtszeit genutzt?

Wir haben uns durchaus mit dem Thema Galopprennbahn und auch mit vielen anderen Projekten beschäftigt. Wobei: Bei der Idee geht es gar nicht vorrangig um den Standort. Aber es ist auch eine Erkenntnis meiner Zeit im Aufsichtsrat: Ideen entwickeln und auch Dinge initiieren ist das eine, aber umsetzen kann man so etwas nur gemeinsam. Dafür braucht es eine breite Mehrheit im Aufsichtsrat, in der Geschäftsführung und im Verein, manchmal auch die Stadt – und meistens viel Geld.

Nach Werder Bremen-Abgang: Marco Bode denkt an neue Funktion im Fußball - vielleicht beim DFB?

Wozu sollte Werder den Aufstieg nutzen?

Auch wenn mir der Satz wieder um die Ohren fliegen wird, wiederhole ich ihn: Werder muss Werder bleiben, also seiner Philosophie und seinen Werten treu bleiben. Die Werder-Familie ist richtig, jeder Club braucht eine Identität. Bei Werder heißt das, mutig, menschenfreundlich und einfallsreich zu sein und soziale Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig kann man hoffentlich die Dynamik des Aufstiegs, vor allem die Begeisterung, mitnehmen. Vielleicht ist es nun leichter, einen strategischen Partner zu finden.

Ihr Buch ist fertig, was steht nun auf Ihrer Agenda?

Ich fange an, mich zu fragen: Werfe ich meinen Hut im Fußball noch mal in den Ring? Für alle in Deutschland bin ich Werder. Aber ich denke schon darüber nach, ob das für immer so bleiben muss. Da bin ich noch nicht am Ende meiner Überlegungen. Mir ist nicht langweilig. Ich bin bei der Nordisch Filmproduction tätig, werde als Speaker bei Wirtschaftsunternehmen angefragt, mache den Podcast „Denkfutter“ und engagiere mich in Projekten wie zum Beispiel „Schach macht schlau!“. Das macht Spaß. Ich genieße die Freiheit, dass jede Woche bei mir anders ist. Trotzdem überlege ich, welche Rolle im Fußball ich in Zukunft übernehmen könnte – ein klassischer Sportchef wie Frank Baumann bin ich aber sicher nicht.

Der DFB könnte Verstärkung gut gebrauchen, Sie waren dort mal als Präsident im Gespräch.

Ich weiß nicht, wo der DFB hin will. Veränderungen würden dem DFB gewiss nicht schaden. Vielleicht treffe ich ja mal den neuen Präsidenten Bernd Neuendorf und kann ihn fragen.

Im Spätherbst gibt es Wahlen beim SV Werder, der Präsident wird gewählt. Es gibt Spekulationen, dass Sie irgendwann diese Rolle übernehmen könnten. Was ist da dran?

Nichts! Bei Werder ist einiges in Bewegung, aber ich habe keine Ambitionen, Präsident zu werden. (kni)

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