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Kiel-Profi Holtby im Interview vor dem Duell gegen Werder: „Ich habe Mega-Bock auf Holstein“

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Von: Hans-Günter Klemm

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Lewis Holtby will mit Holstein Kiel unbedingt drei Punkte gegen Werder Bremen holen - um aus dem Tabellenkeller rauszukommen.
Lewis Holtby will mit Holstein Kiel unbedingt drei Punkte gegen Werder Bremen holen - um aus dem Tabellenkeller rauszukommen. © IMAGO IMAGES / Holsteinoffice

Kiel. Sein Name steht für sich. Lewis Holtby ist fraglos der bekannteste Akteur im Kader von Holstein Kiel. Der 31-Jährige hat für diverse deutsche Clubs und in der Premier League gespielt. Seit dem vierten Spieltag steht er beim nächsten Gegner von Werder Bremen unter Vertrag.

Lewis Holtby glaubt an das Holstein-Projekt und den Aufschwung in naher Zukunft. „Werder hat eine Unmenge an Qualität, doch wir wollen den Dreier“, sagt der Routinier, der sich einen Stammplatz auf der Sechserposition gesichert hat. Über Ole Werner, den Top-Favoriten bei Werder Bremen auf die Trainer-Nachfolge von Markus Anfang, formuliert Holtby im Interview mit der DeichStube nur lobende Worte: Der Coach, der ihn im Sommer nach Kiel geholt hat, sei „ein guter Fachmann und vor allem ein guter Mensch“.

Herr Holtby, wie haben Sie die Impfpass-Affäre rund um Markus Anfang empfunden. Eine Story wie im Krimi oder Actionfilm? Oder doch einer eine Komödie oder Satire?

Nichts von alledem. Es ist für mich ein Themenbereich, der mich nichts angeht und den ich daher auch nicht bewerten möchte. Es ist eine Sache der Beteiligten in Bremen.

Lewis Holtby: Was bei Werder Bremen passiert, tangiert uns bei Holstein Kiel nicht

Bei Werder Bremen herrscht seit Tagen viel Unruhe, zumal auch der Leiter Profi-Fußball Clemens Fritz sowie Interimstrainer Danijel Zenkovic positiv getestet wurden – und noch immer nach einem neuen Trainer gesucht wird. Ist diese Unruhe auch bis nach Kiel zu spüren?

Bei Werder Bremen ist in der Tat viel passiert, doch es tangiert uns nicht. Wir bereiten uns wie immer ohne diverse Störgeräusche und gewissenhaft auf die Partie am Samstag vor. Wir wollen dieses Spiel unbedingt gewinnen.

Die Frage zielte auf den Hintergrund ab, dass nun in Ole Werner der Ex-Trainer von Holstein als Anfang-Nachfolger in Bremen gehandelt wird.

Es sind bis jetzt alles Spekulationen, die uns in keiner Weise berühren, erst recht nicht belasten. Auch dass nun wiederum ein neuer Interimstrainer bei Werder Bremen auf der Bank sitzt, spielt keine Rolle. Wir haben die Bremer Spielweise studiert und analysiert, zudem werden wir mehr den Fokus auf unser Spiel legen.

Ole Werner hat Sie im Sommer nach Kiel geholt. Sie haben kurzzeitig unter ihm trainiert. Wie charakterisieren Sie den Coach, der nach dem siebten Spieltag zurückgetreten ist?

Ich halte ihn für einen guten Fachmann und darüber hinaus für einen guten Menschen, immer offen und gradlinig. Ich kann nur Gutes über ihn sagen – und ich habe nur Gutes über ihn hier gehört. Über ein Jahrzehnt lang hat er hier erfolgreiche Arbeit abgeliefert, das spricht für ihn.

Wie haben Sie reagiert, als er seinen Job plötzlich aufgegeben hat?

Natürlich war ich geschockt, wie viele hier. Doch es war seine Entscheidung, die jeder zu respektieren hat. Wir durften uns damit nicht lange beschäftigen, sondern mussten nach vorn schauen. Im Fußball geht es immer weiter. Es ist und bleibt ein schnelllebiges Geschäft, wir haben keine Zeit, zurückzuschauen.

(Verfolgt das Spiel des SV Werder Bremen gegen Holstein Kiel im Liveticker der DeichStube)

Was hat Sie bewogen, den Wechsel nach Kiel zu unternehmen?

Ich hatte Holstein lange verfolgt, mir gefällt die Art und Weise, wie hier Fußball gespielt wird. Ich glaube, diese Spielart passt gut zu mir. Ein guter Teamspirit, eine familiäre Umgebung, stets eine geschlossene Einheit – das sind Merkmale und Werte, mit denen ich mich identifizieren kann. Ich hatte und habe einfach Mega-Bock auf Holstein.

Sie sind jetzt einige Wochen an der Förde, können sich ein Urteil erlauben. Warum läuft es in dieser Spielzeit nicht so gut wie zuletzt?

Die Situation ist nicht so einfach nach der kräftezehrenden Saison im letzten Jahr. Doch ich glaube an das Projekt in Kiel. Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder erfolgreich sein werden. Vor der Niederlage in Heidenheim deutete sich der Aufschwung an, als wir vier Spiele nicht verloren haben.

Doch in der Tabelle hat sich die Lage kaum verbessert.

Natürlich, das wissen wir. Wir müssen häufiger gewinnen. Dafür müssen wir zielstrebiger nach vorn spielen, wir brauchen Siege, wir brauchen drei Punkte, um uns zu befreien. Das Ziel gegen Bremen ist klar: Gas geben, um den Dreier zu machen. Wir arbeiten hart, um in den restlichen Partien der Hinserie zu punkten. Um dann kurz durchzuschnaufen und im neuen Jahr bei null zu starten.

Lewis Holtby: Die Entwicklung bei Werder Bremen ist recht wechselhaft

Wie beurteilen Sie die Entwicklung beim Gegner Werder Bremen?

Recht wechselhaft bisher, wie die Resultate zeigen. Werder hat souverän gewonnen, aber auch schon hoch verloren. Doch für mich steht fest: Es ist immer noch Werder, eine Mannschaft mit einer Menge an Qualität.

Sie haben für Schalke gespielt, für den Hamburger SV auch. Diese beiden Traditionsclubs zählen mit Werder Bremen zu den namhaften Zweitligisten in diesem Jahr und gelten gemeinhin als Aufstiegsfavoriten. Wer hat die größten Möglichkeiten, wieder erstklassig zu werden?

Schwierige Frage, keine einfache Prognose. Momentan zählt keiner dieser Clubs zu den Top 3. Es sind ähnliche Teams. Bremen habe ich schon ein wenig beschrieben, Schalke ist in der Offensive, vor allem dank Simon Terodde, glänzend besetzt, der HSV stellt eine junge, dynamische Elf. Fakt ist: Wenn am Ende abgerechnet wird, zählt nicht der große Name, sondern nur die Konstanz und die Kontinuität, die ein Verein über das gesamte Spieljahr gebracht hat. Es muss abgewartet werden, ob sich einer aus diesem Trio am Ende durchsetzen kann. Zumal es wieder mal Außenseiter gibt, die auf sich aufmerksam machen.

Zeichnen sich diese Überraschungsteam nicht schon ab? St. Pauli und Regensburg?

Sicherlich, St. Pauli spielt einen herausragenden Fußball. Sie haben in der Woche souverän gegen Sandhausen gepunktet, was mir zeigt, dass die Niederlage in Darmstadt nur ein Ausrutscher gewesen ist. Das Stadion und die Atmosphäre am Millerntor könnten weitere Pluspunkte sein. Regensburg verblüfft mit angriffslustigem Fußball, die Mannschaft trumpft so auf wie zuletzt Paderborn oder im letzten Jahr Holstein.

(Die Werder-Aufstellung gegen Holstein Kiel: Christian Brand macht es auf eigene Faust, will aber die Bremer Startelf nicht umkrempeln)

Zu Ihrer Person und Ihrer Laufbahn: Sie galten einst als großes Talent. Beobachter behaupten, Sie hätten zu wenig aus ihrer außergewöhnlichen Begabung gemacht. Wie sehen Sie es?

Ich bin grundsätzlich dankbar für meine Karriere. Ich habe für großartige Vereine gespielt, in der Bundesliga und in der Premier League. Es war mir immer wichtig, zu spielen, daher auch die vielen Wechsel und Ausleihen. Vom heutigen Standpunkt aus gesehen: Ich hätte natürlich hier oder da eine andere Entscheidung treffen können.

Lewis sei „falsch abgebogen“, schrieb die Süddeutsche Zeitung und zielte dabei auf Ihren Wechsel in die Premier League ab. Kam der Transfer zu Tottenham zu früh?

Hätte, wenn und aber. Damals habe ich die Chance bekommen, für einen Topklub in England auflaufen zu können. Diese habe ich genutzt. Manchmal muss man mutig sein. In welche Richtung es gelaufen wäre, wenn ich damals bei Schalke geblieben wäre, kann niemand sagen.

Haben Sie Ihre beste Phase erlebt in Mainz, zur Zeit der legendären „Bruchweg-Boys“ mit Adam Szalai und Thomas Schürrle und Ihnen. Sehnen Sie sich danach zurück?

Es war ein tolles Jahr, ohne Frage. Ich habe viel von Thomas Tuchel gelernt. Doch ich lebe nicht in der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt. Das ist schon immer meine Devise. Insofern mache ich mir aktuell nur Gedanken über Holstein.

Sie sind nun 31 Jahre alt, ein Alter, in dem ein Profi an seine Zukunft denkt. Ihr Vertrag in Kiel läuft bis 2023. Wie sind Ihre Pläne?

Ich möchte und werde so lange spielen, wie meine Beine mich tragen. Ich fühle mich körperlich fit, geistig auch, wie ich im Umgang mit den jungen Burschen im Team tagtäglich feststellen kann. Ich habe weiterhin Bock auf Fußball, auch Bock auf Holstein Kiel. Ich kann mir vorstellen, hier länger zu bleiben. (Das Interview führte Hans Günter Klemm)

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