0:2-Pleite im Weserstadion

Viel Chaos, wenig Ordnung! Das Nordderby zwischen Werder und dem HSV in der Taktik-Analyse

Die Taktik von Werder Bremens Coach Markus Anfang ging gegen den HSV nicht auf.
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Die Taktik von Werder Bremens Coach Markus Anfang ging gegen den HSV nicht auf.

Das Nordderby war sicher kein Spiel für Taktikliebhaber. Es herrschte viel Chaos und wenig Ordnung. Dennoch brachte eine taktische Entscheidung den HSV auf die Siegerstraße. Unser Taktikkolumnist Tobias Escher wirft einen analytischen Blick auf das Duell Werder Bremen gegen Hamburger SV.

Manche Spiele schreien nach einer taktischen Analyse. Wenn beide Trainer ständig ihre Formation wechseln oder sich beide Mannschaften mit ihren Spielsystemen neutralisieren, hilft eine taktische Analyse, das Spiel zu verstehen. Bei manchen Partien tritt die Taktik in den Hintergrund. Nach dem Spiel möchte man über alles sprechen – nur nicht über Spielsysteme. Das erste Nordderby in der Zweiten Bundesliga bot viel, von fragwürdigen Schiedsrichter-Entscheidungen über zwei Platzverweise bis hin zu einem Dutzend vergebener Torchancen. Das Thema Taktik hatte scheinbar eher wenig mit dem Ausgang des Spiels zu tun. Dabei waren es taktische Entscheidungen, die den HSV auf die Siegerstraße gebracht haben – und die Werder Bremen beinahe zurück ins Spiel gebracht hätten.

Werder Bremen gegen HSV: Tim Walters besonderes System

Spiele gegen Teams von Trainer Tim Walter sind aus taktischer Sicht stets etwas Besonderes. Der HSV-Trainer hat ein eigenes, einmaliges Spielsystem entwickelt. Walter ist Positionstreue eher zweitrangig. Seine Spieler sollen häufig ihre Positionen verlassen, um Überzahlen in Ballnähe zu erzeugen. Ein Rechtsverteidiger wird da situativ zum Linksverteidiger. Die Mittelfeldspieler rücken häufig auf und sind fast ständig an der letzten Linie zu finden.

Für den Gegner erfordert dies, stets wachsam zu bleiben. Die Hamburger lassen den Ball lange in den eigenen Reihen laufen, ehe sie über ihre Positionsverschiebungen eine Überzahl in Ballnähe hergestellt haben. Erst dann beschleunigen sie das Spiel und spielen den Ball in die vollbesetzte letzte Linie.

Werder Bremen wollte das HSV-Aufbauspiel mit einer Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1 kontern. Im Spiel gegen den Ball rückte Niklas Schmidt aus dem Mittelfeld nach vorne, um den Druck auf den HSV zu erhöhen. Gerade in der Anfangsphase wagte Werder aber kein hohes Pressing, sondern verdichtete eher das Zentrum. Eine Taktik, die früh fehlschlug: Dem 1:0 (2.) ging ein typischer HSV-Spielzug voraus, bei dem Jan Gyamerah von rechts nach links schob und Mittelfeldspieler Moritz Heyer an die letzte Linie heranrückte. Werder bekam in dieser Situation keinen Zugriff.

Werder Bremen gegen HSV: Moritz Heyer als Schlüsselspieler

Auch in der weiteren Folge kristallisierte sich Heyer als Schlüsselspieler heraus. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Werders Spielaufbau stockte. Wie bereits in den vergangenen Partien hatte Werder Bremen eine Unwucht im Aufbau: Linksverteidiger Anthony Jung bildete mit den beiden Innenverteidigern eine Dreierkette, während Rechtsverteidiger Mitchell Weiser nach vorne rückte. Weiser fand in Heyer jedoch einen kompetenten Gegenspieler. Heyer rückte immer wieder aus dem Mittelfeldzentrum heraus, um Weiser zusammen mit Sonny Kittel zu stellen. Der HSV verschob damit sein 4-3-3 auf Werders rechte Seite, um den Spielaufbau der Bremer zu kontern. Das funktionierte äußerst gut, auch weil Bakary Jatta auf der anderen Seite die Lücke füllte. So wurde aus dem Hamburger 4-3-3 ein 4-4-2, sobald Werder das Spiel auf Weiser verlagerte.

Die Grafik zeigt die Hamburger Bemühungen, Weiser aus dem Spiel zu nehmen. Heyer rückte auf die Seite herüber und neutralisierte zusammen mit Kittel den Rechtsverteidiger von Werder Bremen..

Werder Bremen gelang es nach dem frühen Rückstand zwar nur selten, vor das gegnerische Tor zu gelangen. Immerhin legten sie selbst mit einem hohen Pressing das Aufbauspiel der Hamburger lahm. Die Gelb-Rote Karte gegen Christian Groß (31.) zerstörte dieses Gleichgewicht. Werder musste nun im 4-2-3 tiefer verteidigen, die Hamburger kamen wieder häufiger in die gegnerische Hälfte. Nach einer Spielverlagerung traf Heyer zum 2:0 (46.).

Werder Bremen gegen den HSV mit Vorteilen im Zehn-gegen-Zehn

Kurz nach der Halbzeit kassierte HSV-Verteidiger Sebastian Schonlau ebenfalls die Gelb-Rote Karte (52.). Die Gleichzahl war nun wiederhergestellt. Beide Teams verteidigten nun in einem 4-4-1, Heyer rückte aus dem Mittelfeld in die Abwehrkette. Nun gewannen die Bremer die Überlegenheit über die Partie. Ihre Asymmetrie im Spielaufbau funktionierte nun wesentlich besser: Der HSV konnte Werders Dreierkette nicht mehr stören. Diese konnten das Spiel in Ruhe aufbauen und auf die Flügel verlagern. Weiser sah sich dabei nicht mehr Heyer gegenüber und bekam nun mehr Platz. Auch sonst übte der HSV das eigene 4-4-1 äußerst unsauber aus. Immer wieder ließen die Spieler Lücken zwischen den Ketten, auch auf den Flügeln standen sie offen. Werder Bremen konnte das Spiel immer wieder über die Seiten in den Hamburger Strafraum tragen.

Vor allem aber beharrten die Hamburger auch im Spiel Zehn-gegen-Zehn darauf, flach aus der eigenen Hälfte herauszuspielen. Das funktionierte aber kaum mehr, da ihnen jegliches Mittelfeld fehlte: Die Mittelfeldspieler rückten weiterhin nach vorne, während die Verteidiger in der Viererkette verblieben. Werder konnte nun zahlreiche Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte verbuchen, ihrem aggressiven 4-2-0-3-Pressing sei Dank.

Werder Bremen gegen den HSV: Zu viel Unruhe

Dass die Bremer Feldüberlegenheit nicht zu Toren führte, lag an zwei Faktoren: Zum einen spielten die Bremer ihre Ballgewinne zu hektisch aus. Sie wollten den Ball in die Tiefe erzwingen, selbst wenn dieser kaum möglich oder schwer zu spielen war. Viele Bälle gingen schnell wieder verloren. Zum anderen fehlte den Bremern das Abschlussglück. Nach expected goals – eine Statistik, die die Qualität der Abschlüsse misst – hätte Werder Bremen das Spiel sogar gewinnen müssen. Hätte, würde, könnte sind jedoch nicht die passenden Wörter für eine Taktikanalyse. In diesem hitzigen Spiel mag die Taktik zweitrangig gewesen sein. Doch zumindest kleinere taktische Faktoren trugen einen Teil dazu bei, das Werder dieses Derby verlor.

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