Zum Nordderby am Samstag

„Das hättest du wohl gerne...“: Die Stadionsprecher Arnd Zeigler (Werder) und Christina Rann (HSV) im DeichStube-Interview

Spaß am Mikro und im Doppel-Interview: Arnd Zeigler und Christina Rann legen sich vor dem Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV für ihre Clubs ins Zeug.
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Spaß am Mikro und im Doppel-Interview: Arnd Zeigler und Christina Rann legen sich vor dem Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV für ihre Clubs ins Zeug.

Bremen – Sie sind die Menschen mit der Macht am Mikrofon: Christina Rann (39) ist Stadionsprecherin beim Hamburger SV. Arnd Zeigler (56) macht den gleichen Job bei Werder Bremen.

Beide arbeiten im Hauptberuf als Journalisten und Moderatoren. Mit der DeichStube sprechen sie über das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV und das Fingerspitzengefühl, das man als Stimme des Stadions in solchen Spielen braucht.

Christina Rann, was macht eigentlich eine Stadionsprecherin bei Auswärtsspielen?

Christina Rann: Die sitzt daheim auf dem Sofa und fiebert ordentlich mit – wie sich das gehört.

Und bei Ihnen Arnd Zeigler?

Arnd Zeigler: Da ist es ähnlich, allerdings versuche ich schon, dass eine oder andere Auswärtsspiel zu besuchen. Das ist die einzige Möglichkeit für mich, so ein Spiel mal ganz privat mit Freunden und einem Bier in der Hand zu verfolgen.

Rann: Da hätte ich auch mal Lust drauf. Bei den Geisterspielen war das ja nicht möglich. Nach Kiel würde ich gerne mal mit dem HSV, vielleicht lädt mich Arnd auch mal nach Bremen ein.

Wie bitte, das hat er noch nicht getan für Samstag?

Zeigler: Das hätte ich doch gleich noch gemacht...

Rann: Alles gut, die Familie geht diesmal vor. Außerdem habe ich gerade mitbekommen, wie groß der Kampf um die Tickets ist. Da möchte ich niemandem einen Platz wegnehmen.

Wie wäre es damit, gerade bei Derbys die Stadionsprecher beider Clubs einzusetzen – quasi als Entspannungsmaßnahme bei besonders hitziger Atmosphäre?

Zeigler: Ich bin ja gut mit Lotto King Karl befreundet, dem Vorgänger von Christina. Wir waren tatsächlich mal bei einem Derby in Hamburg gemeinsam im Innenraum, aber nicht zusammen am Mikro. Bei einem Konzert von ihm im Hamburger Stadtpark war ich sogar auf der Bühne, das war dann als Bremer nicht ganz so einfach. Persönlich finde ich die Idee im Stadion gut, aber möglicherweise schafft man damit unnötiges Konfliktpotenzial.

Rann: Meinetwegen können wir das gerne machen. Als Journalisten haben Arnd und ich da vielleicht auch einen etwas entspannteren Blick als andere Kollegen, weil bei uns die Liebe zum Fußball über der Rivalität zu einem anderen Club steht.

Zeigler: Obwohl ich mich schon mehr über einen Sieg gegen den HSV freuen würde als gegen Jahn Regensburg (lacht). Aber du hast schon Recht: Ich trage keine Antipathie und schon gar keine Feindseligkeit gegenüber dem HSV in mir. Ich freue mich einfach auf das Spiel, fiebere dem regelrecht entgegen, weil das ein richtungsweisendes Spiel sein kann.

Rann: Die Historie macht dieses Spiel doch auch so besonders. Es gibt so viele Geschichten rund um das Derby – und auf neue mussten wir dreieinhalb Jahre lang warten. Jetzt werden wieder viele ehemalige Profis befragt, die ganze Woche über baut sich ein Spannungsbogen auf. Deswegen ist es für den Moment auch zweitrangig, in welcher Liga das Spiel stattfindet, ich habe einfach ganz große Lust darauf. Die Rivalität gehört dabei auf den Platz. Ich hoffe auf ein friedliches Derby.

Zeigler: Das sehe ich genauso. Und ich möchte noch etwas klarstellen: Ich will das Derby nicht gewinnen, um ein Jahr lang einen auf dicke Hose machen zu können. Ich kann auch nicht verstehen, dass sich einige Zuschauer im Weserstadion manchmal mehr über ein auf der Anzeigetafel eingeblendetes Gegentor des HSV freuen als über das Spiel der eigenen Mannschaft. Die Zuneigung zum eigenen Verein muss immer viel größer sein als die Abneigung gegenüber einem Rivalen.

Christina, Sie sind jetzt seit fast genau einem Jahr Stadionsprecherin – zusammen mit Christian Stübinger – und haben fast nur Geisterspiele erlebt. War dieser Siegtreffer am vergangenen Samstag in der Nachspielzeit gegen Sandhausen Ihr erster großer HSV-Moment in der neuen Rolle?

Rann: Da habe ich gespürt, dass ich in dieser Rolle auch sehr emotional sein darf – anders als in meinem Job als Journalistin. Wir saßen neben der Ersatzbank und sind natürlich alle aufgesprungen. Zum Glück haben wir gerade noch rechtzeitig vor dem Rasen gebremst. Das war überragend. Dieser Moment könnte für die gesamte HSV-Saison Auswirkungen haben, gerne schon am Samstag in Bremen.

Wie eingefärbt darf die Vereinsbrille eines Stadionsprechers sein, wie sehr sollte der sich im Spiel mit Durchsagen einmischen?

Rann: Lotto King Karl wurde ja schon angesprochen, er ist in Hamburg eine Legende. Wir werden da unseren eigenen Weg gehen. Aber klar, wenn wir das Gefühl haben, ein Push könnte der Mannschaft guttun, dann machen wir das, indem wir zum Beispiel die Durchsage der Zuschauerzahl oder Nachspielzeit etwas anders gestalten als üblich.

Zeigler: Du steckst halt ständig in diesem Spagat, dass es eine deiner Hauptaufgaben ist, deeskalierend zu wirken. Dabei willst du deiner Mannschaft eigentlich helfen, es werden auch durchaus Impulse von dir erwartet. Aber man darf einfach eine gewisse Grenze nicht überschreiten, also nicht den Gegner entwürdigen oder feindselig sein.

Arnd Zeigler fremdelt ein bisschen mit dem Hervorheben einer Parade des Torwarts on Werder Bremen

Gehören zu diesen Impulsen auch das besondere Hervorheben einer Parade des Torwarts, wie es in Bremen gerne gemacht wird?

Zeigler: Das ist ein gutes Beispiel, weil ich damit ein bisschen fremdle. Denn für mich ist der Torwart ein Teil der Mannschaft. Ein Verteidiger wird von uns ja auch nicht für eine Grätsche abgefeiert. Aber wenn die Stimmung gerade so dahinwabert und ich damit einen sicheren Applaus erreichen kann, um wieder für eine positivere Atmosphäre zu sorgen, dann ist das okay für mich.

Rann: Da hört man deine ganze Erfahrung. Ich musste mich wegen der Pandemie etwas gedulden und bin umso glücklicher, dass die Reise jetzt so richtig losgeht. Es war einfach unglaublich toll, die Fans wieder auf dem Weg ins Stadion zu erleben, wenn sie an ihren Treffpunkten stehen und ihr Bierchen trinken. Und später im Stadion ist es dann natürlich noch beeindruckender.

Zeigler: Ich bin übrigens mein ganzes Leben einem gigantischen Irrtum aufgesessen. Ich dachte immer, mir ginge es hauptsächlich um das Spiel, doch nach den Geisterspielen weiß ich: Das ganze Drumherum macht mindestens 50 Prozent des Erlebnisses aus. Das eint uns jetzt auch so – Spieler, Trainer, Fans, Stadionsprecher. Wir freuen uns alle, dass wir unseren Fußball, wie wir ihn kennen, zurückhaben.

Rann: Dieses ganze Drumherum macht Fußball zur Kultur, es ist ein Ort der Begegnung mit vielen ritualen Abläufen.

Zu dieser Fußball-Kultur gehören aber nur wenige Stadionsprecherinnen, haben Sie einen Überblick, wie die Frauenquote in Deutschland ist?

Rann: Schöne Grüße nach St. Pauli, da gehört die liebe Dagmar Hansen zu einem Dreier-Team. Auch bei Bayer Leverkusen gibt es mit Petra Dahl eine Sprecherin. Mehr sind es nicht. Aber ich mag gar nicht sagen, dass eine Stadionsprecherin etwas Ungewöhnliches ist, denn für mich fühlt es sich extrem natürlich an. Ich bin dem HSV dankbar, dass er mit unserem gemischten Doppel eine Vorreiterrolle einnimmt.

Beim HSV gab es in Katja Kraus auch schon eine Frau im Vorstand. Werder Bremen dagegen hat gerade erst über Umwege eine Frau in den Aufsichtsrat bekommen. Arnd, warum ist zwischen Ihnen und Christian Stoll kein Platz für eine Stadionsprecherin?

Zeigler: Gute Frage. Das Thema Frauen im Fußball beschäftigt mich eigentlich schon sehr lange. Ich kann es nicht mehr ertragen, dass es in sozialen Medien sofort negative Kommentare gibt, wenn zum Beispiel eine Frau ein Spiel kommentiert. Es ist schlimm, dass es diese Begleiterscheinung immer noch gibt.

Rann: Ich glaube sogar, dass wir da gerade eine Renaissance erleben. Wir stoßen wieder an Grenzen. Es müsste viel mehr Frauen in Führungspositionen beim Fußball geben, um Vorbilder zu schaffen. Und über die Diskussionskultur im Internet müssen wir gar nicht groß sprechen. Ich lasse mich sehr gerne kritisieren für inhaltliche Dinge, aber das an meinem Geschlecht festzumachen, ist total daneben.

Welcher Spieler entscheidet das Nordderby?

Rann: Manuel Wintzheimer! Er ist einfach dran, nachdem er sich so viele Chancen erarbeitet hat. Und ich setze auch auf Robert Glatzel.

Zeigler: Es ist zwar nicht besonders originell auf Marvin Ducksch zu setzen, ich mache es aber trotzdem. Andererseits bin ich auch ein großer Fan von Niclas Füllkrug. Irgendwann wird er seine Ladehemmungen ablegen, weil er nicht annähernd so schlecht gespielt hat, wie er gemacht wurde. Ein Derby wäre ein guter Moment dafür.

Steigen beide Clubs auf?

Rann: Arnd, hättest du etwas dagegen?

Zeigler: Nein, ich würde mich sehr freuen. Aber ich habe das Gefühl, dass sich der HSV noch mehr finden muss als Werder. Der HSV ist fragiler.

Rann: Der Druck liegt tatsächlich mehr bei Werder Bremen.

Zeigler: Das hättest du wohl gerne.

Rann: Genau (lacht). Ihr habt doch gegen zwei Aufsteiger gewonnen...

Zeigler: ...und ihr in der letzten Sekunde gegen Sandhausen.

Ein Unentschieden zwischen Werder Bremen und dem HSV hilft keinem weiter

Einigen wir uns auf unentschieden?

Rann: Auf keinen Fall. Unentschieden helfen keinem weiter.

Zeigler: Obwohl ich mir schon vorstellen kann, dass der HSV mit einem Unentschieden bestimmt nicht unzufrieden wäre. Ich würde gerne gewinnen, dann wäre es echt ein guter Saisonstart, und wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht?

Rann: Mir gefällt es, wie ruhig und entspannt der HSV das in dieser Saison angeht. Die Mannschaft ist gut zusammengewachsen. Ich bin wirklich optimistisch. (kni)

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