Vor 1. Zweitliga-Nordderby

Ailton-Fehlschuss, Papierkugel und Werder-Trikot-Schmach: Das Nordderby von A bis Z - Teil 2

Ailtons Fehlschuss, die legendäre Papierkugel und Frank Baumanns anschließender Treffer - das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV lieferte eine Menge einzigartiger Geschichten.
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Ailtons Fehlschuss, die legendäre Papierkugel und Frank Baumanns anschließender Treffer - das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV lieferte eine Menge einzigartiger Geschichten.

Das 137. Nordderby der Geschichte zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV ist das erste Duell überhaupt in der 2. Liga. Und auch wenn das Spiel am kommenden Samstag (20.30 Uhr) im Wohninvest Weserstadion nicht mehr erstklassig sein wird, so zieht es doch ganz Fußball-Deutschland in seinen Bann. Denn: Das Aufeinandertreffen der Erzrivalen verspricht auch dieses Mal Brisanz, aufschäumende Emotionen und kuriose Geschichten. Im „Nordderby-A-bis-Z“ hat die DeichStube sowohl die Historie des prestigeträchtigen Duells als auch die Gegenwart in Augenschein genommen. 

N wie Neubarth: Kein ehemaliger Werder-Profi hätte den Namen „Mister Nordderby“ mehr verdient als Frank Neubarth. Denn so oft wie der heute 59-Jährige hat kein anderer Ex-Bremer gegen den HSV gewonnen: Zwölf Siege hat der Torjäger in Nordderbys eingefahren – und das als gebürtiger Hamburger gegen die Hamburger.

O wie Oberliga Nord: Das Traditionsduell zwischen Werder und dem HSV gab es schon vor Gründung der Bundesliga im Jahr 1963. Zehn Mal trafen die Nordclubs in der Oberliga Nord aufeinander – und anders als in der Bundesliga ist hier die Bilanz für die Rothosen positiv: Vier Siege, drei Remis und drei Niederlagen (Torverhältnis 24:13).

P wie Papierkugel: 7. Mai 2009. Werder muss die 0:1-Hinspiel-Niederlage im Halbfinale des UEFA-Pokals im Volksparkstadion drehen, gerät aber früh durch Ivica Olic in Rückstand (12.). Doch Diego (29.) und Claudio Pizarro (66.) drehen die Partie gegen den HSV. In der 83. Minute dann DAS Ereignis des Spiels: HSV-Verteidiger Michael Gravgaard will auf Torhüter Frank Rost zurückspielen, doch ihm verspringt der Ball, weil der zuvor über eine faustgroße Papierkugel rollt. Es gibt Ecke für Werder, Frank Baumann köpft das 3:1. Olic‘ zweiter Treffer drei Minuten vor dem Ende reicht dem HSV nicht mehr. Wie schon im DFB-Pokal scheitern die Hamburger im Halbfinale am Erzrivalen. Das Papierknäuel ist heute im Wuseum ausgestellt.

Nordderby: Diese Spieler spielten für Werder Bremen und den Hamburger SV

Q wie Querverbindungen: Was in den frühen Bundesliga-Jahren fast undenkbar war, wurde später salonfähig: Spieler, die im Laufe ihrer Karriere sowohl für den HSV als auch für Werder spielten. Rodolfo Cardoso, Ailton, Bruno Labbadia, Fabian Ernst, Eljero Elia, Andreas Reinke und Benno Möhlmann sowie zuletzt noch Aaron Hunt seien als einige von vielen Beispielen genannt. Als (Bundesliga-)Trainer war nur Felix Magath für beide Nordrivalen aktiv. In den aktuellen Kadern hat nur noch Werders Allzweckwaffe Christian Groß eine HSV-Vergangenheit. Der 32-jährige gebürtige Bremer war zwischen 2008 und 2011 für die U19 und U23 der Rothosen aktiv. Werder-Trainer Markus Anfang und HSV-Sportvorstand Jonas Boldt kennen sich zudem aus gemeinsamen Leverkusener Tagen. 

R wie Rekord-Torjäger: „Pico“ Schütz, Horst Hrubesch und Franz-Josef Hönig sind die Rekordtorschützen in Bundesliga-Nordderbys. Werder-Legende Schütz trifft gegen den Erzrivalen sieben Mal ins Schwarze. Gleich im ersten Nordderby überhaupt am 10. Oktober 1963 schreibt Werder-Kapitän Schütz Geschichte als er beim 4:2-Sieg drei Tore schießt. Ebenfalls gern gegen den HSV treffen Rudi Völler und Claudio Pizarro, beide kommen auf sechs Nordderby-Treffer.

S wie Schützenfest: Das bis heute torreichste Bundesliga-Derby zwischen den Traditionsclubs steigt am 22. Januar 1977. Der HSV gewinnt im Volksparkstadion mit 5:3. Der höchste HSV-Sieg gegen Werder war zwei Mal ein 5:0. Zuletzt gelang dies am 15. Mai 1982 unter Ernst Happel durch drei Tore von Horst Hrubesch und je eines von Felix Magath und Lars Bastrup. Den höchsten Werder-Sieg gegen den HSV gibt es in der Double-Saison 2004: Mit 6:0 fertigt Werder den Erzrivalen im Weserstadion ab (Eigentor Sergej Barbarez, Valerien Ismael, Ivan Klasnic, Ailton, Nelson Valdez und Viktor Skripnik).

T wie Trikot-Schmach: Für Aufsehen sorgen im November 1971 die Trikots der Werder-Spieler. Weil sich die Spielkleidungen der Nordrivalen zu sehr ähneln, müssen die Bremer in der Halbzeitpause ihre Trikots wechseln. Ersatz haben sie nicht dabei, sodass sie die blauen Trikots des Erzrivalen überziehen müssen. Eine Schmach. Auch die Punkte bleiben in Hamburg: Der HSV gewinnt mit 2:1.

Fehlschuss im Nordderby: Werder Bremen zieht dank HSV-Stürmer Ailton in die Champions League ein

T wie Trainer: Werder gegen den HSV wird am Samstag auch das Duell der beiden Trainer Markus Anfang und Tim Walter. Beide haben eine gemeinsame Vergangenheit – sowohl Anfang als auch Walter arbeiteten als Chefcoach beim Zweitligisten Holstein Kiel. Nachdem Anfang mit Kiel im Mai 2018 erst in der Relegation gegen den VfL Wolfsburg den Bundesliga-Aufstieg knapp verpasste, zog es ihn zum Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln. Sein Nachfolger in Kiel wurde: Tim Walter. Anfang: „Wir kennen uns nicht besonders gut, haben uns damals im Kieler Büro bei der Übergabe getroffen und uns gegenseitig viel Glück gewünscht.“

U wie Uwe Seeler: Werder-Legende Pico Schütz, wurde 2014 mal in einem 11Freunde-Interview gefragt, an was er denke, wenn er an den HSV denkt. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Den ​‚Dicken‘, an Uwe Seeler. Weil er jahrelang mein Gegenspieler war. Ob in der Oberliga oder in der Bundesliga“. Für Schütz waren das immer herrliche Duelle. Der Grund? „Keiner spielte gleichzeitig so fair und so einsatzfreudig wie der Dicke. Wenn der sich in die Zweikämpfe warf, knallte es jedes Mal.“ Allerdings habe er auch gewusst: „Wenn ich ihn umspiele oder ihm den Ball abnehme, wird er mir ganz sicher nicht von hinten in die Beine treten – und das war damals nicht unbedingt unüblich“. Werder-Legende Max Lorenz erzählt über seinen Freund Seeler bis heute gerne die Geschichte, dass dieser Nordderbys in Bremen am liebsten von oben auf der Tribüne sah – aus Furcht vor Werders beinharten Verteidigern Horst-Dieter Höttges und Sepp Piontek.

V wie Vizemeister: Letzter Spieltag der Saison 2005/06 - direktes Duell um die Vize-Meisterschaft und die Qualifikation für die Champions League. Dem HSV reicht ein Remis. Doch ausgerechnet Ex-Werder-Star Ailton bringt beim Stand von 1:1 in der 70. Minute das Kunststück fertig, den Ball aus kürzester Distanz am leeren Bremer Tor vorbeizuschieben. Im Gegenzug schießt Miroslav Klose den Siegtreffer und sorgt für ausgelassenen Bremer Jubel im Volksparkstadion. Doch damit nicht genug: Werder- und St.-Pauli-Fans rufen in Internetforen dazu auf, Ailton auf der HSV-Homepage zum Spieler der Saison zu wählen - mit Erfolg.

Werder Bremen-Wahnsinn im Jahr 2009: HSV verliert in vier Nordderbys alles

W wie (Derby-)Wahnsinn: Im Jahr 2009 schreibt Werder Bremen in vier Nordderbys innerhalb von 19 Tagen Geschichte. Dem Triumph im DFB-Pokal-Halbfinale (4:2 nach Elfmeterschießen) beim HSV lassen die Bremer den Einzug ins UEFA-Cup-Finale durch einen 3:2-Erfolg beim HSV (nach 0:1-Hinspielniederlage in Bremen) folgen. Drei Tage später machen die Bremer in der Bundesliga mit dem 2:0-Erfolg am 31. Spieltag auch noch die letzte Meisterschaftschance des HSV zunichte. Werder holt am Ende der Saison den DFB-Pokal, Hamburg verspielt alles.

X wie X-Faktor: Nur drei Spieler im aktuellen Kader des SV Werder verfügen über Nordderby-Erfahrung: Niclas Füllkrug, Jiri Pavlenka und Milos Veljkovic. Werden ausgerechnet sie zum X-Faktor? Die Erlebnisse des Trios mit dem ewigen Rivalen sind nämlich durchweg positiv: Füllkrug schlug den HSV bei seinem bislang einzigen Derby-Kurzeinsatz im September 2012 mit 2:0. Veljkovic spielte zwischen 2016 und 2018 viermal gegen den HSV und verlor davon nicht eine Partie (zwei Siege, zwei Remis). Und Keeper Pavlenka behielt in der Saison 2017/18 zweimal eine weiße Weste (0:0 und 1:0).

Y wie Youngster: Eine Minute durfte Fiete Arp im Hinrunden-Duell der Saison 2017/18 für den HSV gegen Werder Bremen (0:0) auf dem Platz stehen. Der erst 17-jährige Youngster kam kurz vor Abpfiff für Bobby Wood ins Spiel und feierte sein Bundesliga-Debüt. Das machte ihn am 30. September 2017 zum ersten Spieler in Bundesliga-Geschichte aus dem Geburtsjahrgang 2000. Heute geht Arp als Leihgabe des FC Bayern für Zweitliga-Konkurrent Holstein Kiel auf Torejagd.

Z wie Ziele: Nach drei knapp verpassten Aufstiegen traut sich beim HSV niemand mehr, die Rückkehr in die 1. Liga als Ziel auszurufen. Dabei liegt der Gehaltsetat der Profi-Mannschaft bei 22 Millionen Euro und damit noch über dem des SV Werder. In Bremen sind die Gehaltskosten durch die Verkäufe vieler Stars (Eggestein, Sargent, Rashica, Augustinsson) sowie vertraglich festgelegter Gehaltssenkungen um 40 bis 60 Prozent bei Abstieg unter die 20-Millionen-Euro-Marke gedrückt worden. Als offizielles Saisonziel gilt der „Wiederaufbau“, tatsächlich kann es für Werder aber nur um den sofortigen Wiederaufstieg gehen. (mwi)

Hier geht es zu Teil 1: Kung-Fu-Wiese, Maleika-Tod und Werders Zweitliga-Youngster: Das Nordderby von A bis Z. So seht Ihr das Nordderby von Werder Bremen gegen den HSV live im TV!

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