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Taktik-Analyse: Cool wie Eis im Feuer des Aufstiegs - So hat Werder Regensburg geknackt

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Von: Tobias Escher

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Hatte im Aufstiegsfinale des SV Werder Bremen gegen Jahn Regensburg alle Hände voll zu tun: Trainer Ole Werner.
Hatte im Aufstiegsfinale des SV Werder Bremen gegen Jahn Regensburg alle Hände voll zu tun: Trainer Ole Werner. © gumzmedia / nordphoto

Gegen Jahn Regensburg ging es für Werder Bremen um den ersehnten Aufstieg. Anstatt im entscheidenden Spiel alles nach vorne zu werfen, ging Werder die Partie kontrolliert an. Genau der richtige Weg, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Ein ausverkauftes Stadion. Der direkte Wiederaufstieg vor Augen. Ein Gegner, der das drittschwächste Team der Rückrunde stellt. Es war alles angerichtet für Bremer Festspiele. Doch wer nun erwartet hatte, dass Werder Bremen sich mit dem Feuer der Leidenschaft in das finale Zweitliga-Spiel stürzen würde, wurde schnell eines Besseren belehrt: „Cool bleiben“ lautete die Marschroute der Bremer Mannschaft. Eine Taktik, die voll aufging.

Werder Bremen-Aufstiegsfinale gegen Jahn Regensburg in der Taktik-Analyse: 5-3-2 mit besonderem Fokus auf das Zentrum

Ole Werner wagte im entscheidenden Spiel keine taktischen oder personellen Experimente. Er schickte seine beste Elf im erprobten 5-3-2-System auf den Rasen. Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch bildeten den Doppelsturm. Ömer Toprak lief als Chef der Dreierkette auf. Auch auf den Außen agierte Werder Bremen wie gewohnt: Rechtsverteidiger Mitchell Weiser schob weit nach vorne, während sein Konterpart Anthony Jung sich eher zurückhielt.

So gewohnt Werders Aufstellung auf dem Papier daherkam, so ungewohnt war ihre Herangehensweise. Vom überfallartigen Pressing, das Werder Bremen unter Werner bereits gezeigt hatte, war nichts zu sehen. Werder lief Jahn Regensburgs Innenverteidiger kaum an. Zugriff suchten die Bremer erst im Mittelfeld. Aus einer kompakten 5-3-2-Ordnung waren sie darauf bedacht, dem Gegner keine Räume zu öffnen.

Werder legte dabei vor allem einen hohen Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. Leonardo Bittencourt und Romano Schmid rückten deutlich seltener auf die Flügel als in den vergangenen Spielen. Stattdessen halfen sie im Zentrum, durchgehend eine Überzahl herzustellen. Werder wollte diese wichtige Zone um keinen Fall preisgeben.

Die Grafik zeigt Regensburgs Aufbau über die rechte Seite. Saller wagte sich weit nach vorne, was aber gar nicht so recht zu Werder Bremens System passen wollte. Jung hielt sich hier eh zurück, während Weiser auf der anderen Seite nach vorne ging.
Die Grafik zeigt Regensburgs Aufbau über die rechte Seite. Saller wagte sich weit nach vorne, was aber gar nicht so recht zu Werder Bremens System passen wollte. Jung hielt sich hier eh zurück, während Weiser auf der anderen Seite nach vorne ging. © DeichStube

Werder Bremen geht im Aufstiegs-Finale gegen Jahn Regensburg wenig Risiken ein

Auch im Aufbauspiel ging Werder Bremen wenig Risiken ein. Sobald die Regensburger im 4-2-3-1-System vorschoben, wählten Bremens Innenverteidiger den langen Ball. Werder wollte keine Ballverluste in der eigenen Hälfte riskieren. Die langen Bälle hatten System. Bremen wollte vor allem die zweiten Bälle gewinnen, die nach Ablagen von Ducksch und Füllkrug entstanden. Auch aus diesem Grund rückten Bittencourt und Schmid nur selten nach Außen. Situativ stießen sogar die Innenverteidiger nach vorne, um den Druck auf Regensburg hochzuhalten.

Die Taktik ging auf: Die Bayern hatten große Probleme, die zweiten Bälle im Zentrum zu gewinnen. Ihre Doppelsechs stand bei langen Bällen oft sehr tief. Dadurch entstand eine große Lücke vor der Abwehr. Werder stieß in die Lücke, eroberte die Bälle und suchte direkt den Weg über die Flügel in den Strafraum. So fiel auch die Bremer Führung nach einer Balleroberung im Gegenpressing (10.).

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Taktik-Analyse: Werder Bremen überlässt Jahn Regensburg das Spiel - die Gäste versteifen sich auf die rechte Seite

Mit der Führung im Rücken zog sich Werder Bremen ein kleines Stück weiter zurück. Sie überließen nun Jahn Regensburg das Spiel. Die Gäste hatten in der ersten Halbzeit knapp 55 Prozent Ballbesitz. Es dauerte eine Weile, ehe die Regensburger mit dem Ballbesitz auch etwas anzufangen wussten. Ihr Matchplan sah vor, hauptsächlich über die rechte Seite anzugreifen. Rechtsverteidiger Benedikt Saller rückte hier weit nach vorne, während sich sein Gegenüber Erik Wekesser stark zurückhielt. Regensburgs Taktik ging sogar recht gut auf: Saller leitete mit seinen Flanken vier Torschüsse ein.

Allerdings passte Jahn Regensburgs Taktik nicht so recht zum Bremer System. Jung hielt sich als Gegenspieler von Saller ohnehin zurück. Selbst wenn dieser zu Flanken kam, stand Werder gut sortiert im eigenen Strafraum. Weiser konnte auf der anderen Seite wiederum offensiv agieren, ohne Gefahr zu laufen, hinten zu fehlen. Über dessen Seite griff Regensburg in der ersten Halbzeit fast gar nicht an. Insofern kam Regensburg zwar häufiger in Strafraumnähe als Werder Bremen; Torchancen hatten sie jedoch kaum.

Werder Bremens Treffer zum 2:0 gegen Jahn Regensburg ging ein Einwurf voraus

Nachdem Werders Angreifer in der Schlussviertelstunde der ersten Halbzeit einzuschlafen drohten, wagte Werder nach der Pause mehr Offensive. Ihnen half, dass nun auch Jahn Regensburg offensiver auftrat. Die Oberpfälzer versteiften sich bei ihren Angriffen nicht mehr auf die rechte Seite, sondern kamen zunehmen über die linke. Allerdings stellten sie sich dabei nicht clever an. Werders Treffer zum 2:0 (51.) ging ein Fehlpass auf ebendiesem Flügel voraus, der zu einem Einwurf führte.

Mit dem 2:0 im Rücken versuchte Werder Bremen, über Konter weitere Tore zu erzielen. Ducksch und Füllkrug lauerten nun auf den Flügeln auf Gegenstöße. Regensburg agierte hier besonders offensiv. Doch Werder konnte die durchaus vorhanden Umschaltsituationen nicht in Tore ummünzen.

Aufstieg perfekt: Werder Bremen-Trainer Ole Werner hat das 5-3-2-System seiner Vorgänger perfektioniert

In der Schlussphase verteidigte Werder Bremen tiefer in der eigenen Hälfte. Regensburg kam zu längeren Ballbesitzphase. Erneut versuchten sie, über die rechte Seite anzugreifen – mit einigermaßen gutem Ertrag. Doch Jiri Pavlenka verhinderte das Gegentor, das sich die Regensburger mit engagiertem Flügelspiel eigentlich verdient hätten. Dass Werder in der Schlussphase die Kontrolle über die Partie verlor, dürfte den meisten Fans egal sein. Sie warteten ohnehin nur noch auf den Abpfiff. Erst nach dem Schlusspfiff taute die bis dahin cool agierende Bremer Mannschaft auf. Das Feuer und die Leidenschaft hoben sie sich auf für ihre Aufstiegsfeier.

Ein Erfolg, der nicht zuletzt Trainer Ole Werner zu verdanken ist: Er hat das 5-3-2-System seiner Vorgänger weiterentwickelt und perfektioniert. Eine derart routinierte Leistung wie gegen Jahn Regensburg wäre in der ersten Saisonhälfte undenkbar gewesen. Am finalen Spieltag lebte die Mannschaft die Coolness, die ihr Trainer über die gesamte Saison ausstrahlte.

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