Und warum Schiedsrichter Felix Zwayer in der Nachspielzeit nicht auf den Punkt zeigt

Warum ein Handspiel die Gemüter im Revier erregt

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Marc Bartra: Wollte er es? Oder wollte er es nicht? Das ist die regeltechnisch entscheidende Frage, wenn es um die Bewertung des Handspiels geht. 

Gelsenkirchen. Wenn Schiedsrichter Felix Zwayer das 171. Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund nach 92 Minuten abgepfiffen hätte, dann wäre alles gut gewesen:

Die Fußballfachwelt hätte die souveräne Leistung des erfahrenen Berliner FIFA-Referees in einem traditionell brisanten Spiel anerkannt, in welchem der Unparteiische lediglich zwei Gelbe Karten benötigt.

Da hat es in den Duellen zwischen „Herne-West“ und „Lüdenscheid-Nord“ schon ganz andere Partien gegeben. Dann aber passiert es, und zwar in der 93. Minute. Eine einzige Szene, die die Gemüter erhitzt und all die vielen richtigen Entscheidungen des 35-jährigen Schiedsrichters vom SC Charlottenburg, der seit 2009 in der Bundesliga amtiert, vergessen macht.

Ort des vieldiskutierten Geschehens: Der Dortmunder Strafraum. Hauptdarsteller: Marc Bartra, BVB-Abwehrrecke. Nach einer Flanke springt dem Dortmunder das Leder vom Fuß an die linke Hand. Felix Zwayer lässt weiterspielen, Schalke ist erregt. Und wie es im Fußball so ist: Es gibt etliche Szenen, die sind nicht eindeutig schwarz oder weiß, sondern grau und nicht eindeutig. Das Handspiel von Bartra ist eine davon.

Diskussionen: Referee Felix Zwayer muss erläutern, warum er die Situation in der Nachspielzeit nicht mit Strafstoß geahndet hat.

Schauen wir Schritt für Schritt auf die Situation: Klar ist, dass Bartra das Leder mit der Hand berührt. Ist das schon strafbar? Ein klares Nein. „Das Berühren des Balles an sich ist noch kein Vergehen“, heißt es eindeutig in der einschlägigen Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen). Es kommt auf viele weitere Faktoren an, die der Schiedsrichter in Bruchteilen von Sekunden bewerten muss: Bewegt sich die Hand aktiv zum Ball? Nein, und das spricht in dieser Situation für ein nicht strafbares Handspiel. Hat es Bartra mit einem unerwarteten Ball zu tun? Ja und nein, die Flanke hat der BVB-Akteur erwartet – dass die Kugel dann vom Fuß abprallt, eher nicht.

Ist es eine unnatürliche Handhaltung, so hoch neben und über dem Kopf? Tja, auch hier ist der Sachverhalt nicht völlig klar. Die Spieler können sich im Laufen die Arme schließlich nicht an den Körper kleben. Es ist normal, dass die Arme sich bewegen. Der ziemlich hoch gehaltene linke Arm spricht – nach mehrfacher Zeitlupe – allerdings eher für eine unnatürliche Haltung, und damit für ein strafbares Handspiel. Wer jetzt meint, das sei an dieser Stelle ein ziemliches „Rumgeeiere“, hat Recht. Aber die Szene ist regeltechnisch eben nicht handfest.

Der „Pfiff der Woche“ hätte eher Strafstoß für Schalke gepfiffen – kann aber auch Felix Zwayer verstehen, speziell dann, wenn man sich die ganze Situation ohne Zeitlupe in normaler Geschwindigkeit anschaut. In noch nicht einmal einer Sekunde prallt der Ball gegen den Arm, eine Absicht ist für den Berliner Referee, der seit 2012 auch international amtiert und in dieser Saison bereits drei Champions-League-Einsätze hatte, ohne Slow Motion nicht auszumachen. Dass Felix Zwayer weiterlaufen lässt, ist somit verständlich und erklärbar. Insofern wäre diese Szene mit Sicherheit auch keine für den Video-Assistenten, der zurzeit in der Bundesliga getestet wird, denn: Sowohl für als auch gegen den Strafstoß-Pfiff gibt es gute Gründe. Und je nachdem, welcher Unparteiische die Video-Assistenz übernähme, käme es zu einer anderen Entscheidung.

Manche „Experten“ fordern nun eine Änderung der Regel, die klarer gefasst werden solle. Eine Lösung bieten sie indes nicht – es gibt auch keine. Die Bewertung des Handspiels wird immer schwierig bleiben. „Hand soll immer Hand und strafbar sein“, meinen andere. Um Gottes Willen: Dann wären wir bei Sportarten wie dem Feldhockey, wo systematisch trainiert wird, den Fuß des Gegners zu treffen, um eine entsprechende Spielstrafe zu erreichen. Das würde dem Geist des Fußballs widersprechen.

Der „Pfiff der Woche“ empfiehlt bei allen Handspielen die simple Frage: Wollte der Akteur das – oder wollte er es nicht? Und wer in der Praxis auf dem Platz diese Frage stellt, kommt zu dem Schluss, dass die meisten Handspiele unabsichtlicher Art sind.

Von Marco Haase

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