Warum sich HSV-Spieler Lasogga nach seiner brutalen Attacke gegen Wolfsburgs Dante selbst ins Abseits stellt

Vier Wochen Schach wären lehrreich

Die brutale Grätsche am Wolfsburger Dante: Doch Wolfgang Stark (kleines Foto), 15 Jahre lang auch als FIFA-Referee international im Einsatz, belegt Hamburgs Pierre-Michel Lasogga lediglich (und zu großzügig) mit dem gelben Karton. Foto: imago
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Die brutale Grätsche am Wolfsburger Dante: Hamburgs Pierre-Michel Lasogga hatte großes Glück, dass er für sein gesundheitsgefährdendes Einsteigen lediglich mit dem gelben Karton belegt wurde.

Wolfsburg. Dass die brutale, gesundheitsgefährdende Grätsche von Hamburgs Pierre-Michel Lasogga gegen Wolfsburgs Dante in der 16. Minute beim 1:1 im Nordderby eigentlich eine klare Rote Karte ist, das wissen Schiedsrichter Wolfgang Stark (Ergolding in Bayern), Assistent Mike Pickel (Mendig in Rheinland-Pfalz) und der Vierte Offizielle, Sören Storks (Ramsdorf in Nordrhein-Westfalen) nach der professionellen Spielanalyse, die nach dem Schlusspfiff erfolgt, mittlerweile auch.

Die drei Unparteiischen aus dem Quartett hatten den besten Blick auf die Situation, Assistent Markus Häcker (Waren/Müritz in Mecklenburg-Vorpommern) steht auf der anderen Seite zu weit entfernt für eine gute Perspektive.

Die Frage bleibt, warum ein so erfahrenes Team mit langjähriger Bundesliga-, FIFA-, ja EM- und WM-Erfahrung die rotwürdige Attacke des HSV-Stürmers lediglich mit dem gelben Karton ahndet. Denn das Foulspiel an sich erkennen die Top-Referees sofort. Lasogga grätscht ohne Rücksicht auf Verluste und die Gesundheit des Gegners mit dem linken Bein in den Zweikampf und trifft Dantes rechten Knöchel mit ausgefahrener Stollen-Sohle. Mehr Rot geht kaum.

Der relativ frühe Zeitpunkt dieses Vergehens, welches regeltechnisch als unverhältnismäßiges, übermäßig hartes Foul zu werten ist, spielt bei der Beurteilung ebenso wenig eine Rolle, wie der Ort (an der Seitenlinie im Mittelfeld – und nicht etwa direkt vor dem Tor) oder die Folgen der brutalen Attacke (Dante muss nicht schwer verletzt werden – es reicht, wenn bei einem Foul die Gesundheit gefährdet wird, sie muss für Rot nicht erst ruiniert werden).

Bei einer Polizeikontrolle ist es schließlich auch nicht ausschlaggebend, ob der mit Stoff zugekiffte Fahrer kurz nach Schichtbeginn oder unmittelbar vor Schichtende der Beamten aufgegriffen wird, ob er drei Meter oder 300 Kilometer zurückgelegt hat oder ob er bereits jemanden über den Haufen gefahren hat oder nicht – seinen Lappen ist er dennoch los. Rote Karte auch hier.

Wolfgang Stark, 15 Jahre lang auch als FIFA-Referee international im Einsatz, zog lediglich Gelb gegen Lasogga.

Die Ursache für die falsche Farbe liegt im suboptimalen Stellungsspiel: Wolfgang Stark hat im Moment des überharten Einsatzes von Lasogga lediglich die ungünstige Perspektive von weit hinten und meint, dass der Ball womöglich noch irgendwo in Spielnähe sein könnte. Den brutalen Tritt Lasoggas auf Dantes rechten Fuß kann Stark, seit zwei Jahrzehnten in zweiter und erster Liga im Einsatz, aus seiner ungünstigen Positionierung nicht ausmachen. Leichter gesagt als getan in schnellen Spielen, aber immer hilfreich: der seitliche Blick auf das Spielgeschehen.

Wolfgang Stark (Mitte) und Mike Pickel (links), hier bei der WM 2010 in der Aufwärmphase vor der Partie Argentinien gegen Nigeria…

Mike Pickel, vor dessen Füßen das grobe Foulspiel passiert, steht mutmaßlich zu dicht am Geschehen. „Du fährst mit Abstand am besten“ steht – sinnvollerweise – auf Schildern an den Autobahnen. Dies gilt auch für Schiedsrichter und Assistenten – dicht dran, aber nicht zu dicht. Und der Vierte Offizielle, Sören Storks, hat ohnehin sehr viel zu tun an der Seitenlinie, so ist es auch hier zu erklären (nicht zu entschuldigen), dass er genau in der Sekunde des Fouls nicht die optimale Perspektive hat. Pech.

Schach – ein strategisches Brettspiel, das auf eine mindestens 1500 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann. Es kommt ohne brutale Grätschen aus und setzt eine gewisse Intelligenz bei den Spielern voraus.

Der Fußballspieler Lasogga indes disqualifiziert sich nach dem Schlusspfiff selbst mit Interview-O-Tönen wie „Wir spielen kein Schach“ oder „Ein bisschen Körperkontakt gehört dazu“. Dafür sollten ihm Spielausschuss und Sportgericht das nächste Mal vier Wochen als Top-Zuschlag zum Zugucken, oder dem Erlernen des recht komplexen Schach, bescheren – das verordnete Zuschauen nach Roten Karten (wenn sie denn gegeben werden) wirkt erfahrungsgemäß äußerst disziplinierend und präventiv.

Aus der Fußball-Regel Nummer 12: Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen

Grobe Fouls

Ein Spieler begeht ein grobes Foul, wenn er bei laufendem Spiel im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal in einen Zweikampf einsteigt. Gefährdet ein Spieler in einem Zweikampf die Gesundheit seines Gegners, ist dies als grobes Foul zu ahnden. Ein Spieler, der im Kampf um den Ball von vorne, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen in einen Gegenspieler hineinspringt und durch brutales Spiel die Gesundheit des Gegners gefährdet, begeht ein grobes Foul. […] Grobe Fouls werden mit einem Feldverweis geahndet.

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