HSV - Augsburg: Warum die Winterpause für Alexander Esswein bereits in der 52. Minute hätte beginnen müssen

Der ungeahndete Vogel von Hamburg

+
In der 52. Minute zeigt Alexander Esswein (im Zweikampf gegen Hamburgs Ivo Ilicevic) FIFA-Referee Bastian Dankert den Vogel. Leider kommt der Augsburger ungeschoren davon. Das Regelwerk sieht für solches Verhalten nur eine einzige Farbe vor.

Hamburg. Die Fußball-Bundesliga ist 1960 noch nicht einmal gegründet, da hat das Oberlandesgericht Düsseldorf in einer berühmten und bis heute vielzitierten Entscheidung klargestellt.

Das Tippen an die Stirn ist, bei aller Würdigung des Einzelfalls, in der Regel als persönliche Missachtung und strafrechtlich durchaus als Beleidigung zu werten – als Geste, der andere sei, Zitat, „geistig nicht normal“. Damals geht es um das Missvergnügen zweier Autofahrer über die Fahrweise des jeweils anderen Verkehrsteilnehmers, wobei der eine Kraftfahrer dem zweiten den sogenannten Vogel zeigte, nachdem jener von diesem angehupt worden war.

Heinz Erhardt

Dieser konkrete Lebenssachverhalt, der auch einem berühmten Heinz-Erhardt-Film aus dem Jahre 1959 entstammen könnte (mit Trude Herr und Peter Frankenfeld, Sie wissen schon…), landet in genau diesem Jahr 1959 vor einem Amtsgericht, von dort aus in der Revision beim Oberlandesgericht – Liebhaber des Verkehrsrechts werden dazu eine Menge Interessantes recherchieren können. Nicht ganz ohne sind die Folgen einer solchen Beleidigung, wie es der einschlägige Paragraph 185 des Strafgesetzbuches vorsieht: „Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Hintergrund einer solchen Sanktion ist unter anderem, dass es in einer wertgebundenen, liberalen und streitbaren Demokratie zwar Meinungsfreiheit geben muss, aber alles seine Grenzen hat. Und wenn etwas zu bewerten und bestrafen ist, dann gilt nicht das verbale Faustrecht, sondern dann gibt es dafür Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte. Anders funktioniert eine Gesellschaft nicht.

Die Regeln sehen nur eine Farbe vor

Im Fußball-Regelwerk sind solche zu ahndenden „anstößigen, beleidigenden oder schmähenden Äußerungen oder Gebärden“, die im menschlichen Zusammenleben nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch auf den Sportplätzen dieser Republik geschehen in der passenden Regel 12 notiert („Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen“). Und natürlich sehen die Regeln nur eine Farbe für derartiges Verhalten vor: Rot. Gehen wir nun also in die 52. Minute der 0:1-Niederlage des Hamburger SV gegen den FC Augsburg.

Nach einer korrekten Freistoß-Entscheidung für den HSV wegen Haltens ist Augsburgs Alexander Esswein überhaupt nicht einverstanden, reklamiert und protestiert. Die korrekte Folge: Gelb für den schimpfenden Rohrspatz aus der Fuggerstadt – wer sich derart ins Zeug legt, hat sich die Verwarnung redlich verdient. Die Szene ist interessant, denn Esswein läuft protestierend hinter FIFA-Referee Bastian Dankert her, der seit 2012 in der Bundesliga und seit 2014 auch international im Einsatz ist. Dabei zeigt der FCA-Akteur dem Schiedsrichter auch noch den Vogel in den Rücken (sehr mutig im Übrigen), was der Unparteiische natürlich nicht erkennen kann.

Fehlende Hilfe von außen

Insofern ahndet Bastian Dankert das Reklamieren korrekt mit der Gelben Karte, weil er es hört; aber leider bleibt die abwertende, beleidigende und die Autorität des objektiven Spielleiters schmähende Geste folgenlos.

Bastian Dankert (Rostock) ist seit 2014 auch international im Einsatz.

Hier fehlt bedauerlicherweise die Unterstützung der Assistenten und des Vierten Offiziellen – einer aus dem Team muss das rotwürdige Vergehen sehen, das weiß das Gespann nach der professionellen Spielanalyse mittlerweile. Der Ball liegt nun bei Spielausschuss und Sportgericht, denn es handelt sich um ein nicht bewertetes, rotwürdiges Verhalten.

Jede Toleranz bei einer solchen groben Unsportlichkeit wäre übrigens völlig fehl am Platze, da sie ein völlig falsches Signal setzt – es wäre das Signal, dass man sich gegenüber den Unparteiischen nahezu alles erlauben kann, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Ein solches falsches Zeichen strahlt leider auch in alle übrigen Spielklassen aus, wo sich die Schiedsrichter Woche für Woche mit Unsportlichkeiten und groben Unsportlichkeiten auseinanderzusetzen haben. Die Referees, die in den Fernseh-Klassen leiten, haben eine enorme Vorbildfunktion für den gesamten Fußballsport. Aber auch die zuständigen Spielinstanzen.

Jeder Schiedsrichter möchte natürlich viel lieber ohne persönliche Strafen wegen Unsportlichkeiten oder Beleidigungen auskommen. Der Karton nach einer verwarnungswürdigen Grätsche kommt jedem Referee erheblich leichter aus der Brusttasche als die Karte nach spätpubertärem Reklamieren à la Esswein. Motto: Als Unparteiischer sollte man mehr sehen als hören. Und mit schimpfenden Spielern möchte man sich eigentlich nicht weiter abgeben. Diese Leitlinie bleibt insgesamt richtig, und wir wollen künftig nicht alles auf die Goldwaage legen.

Konsequent gegen Unsportlichkeiten

Allerdings machen sich die Schiedsrichter das Leben bei falsch verstandener Großzügigkeit oft selbst schwer – insbesondere, wenn gefühlt 100 Kameras ein folgenloses Referee-Bashing einfangen. Zudem haben reklamierende und protestierende Akteure einen negativen Einfluss auf den Spielverlauf. Das ist genau der Grund dafür, warum das Regelwerk in diesen Fällen eindeutige Vorgaben macht. Und wenn diese Vorgaben von allen Unparteiischen, egal in welcher Klasse, konsequent eingehalten würden, dann gäbe es mittel- und langfristig ganz gewiss weniger Stress bei den Spielen. Die eigene Verantwortung für manch Hektik, mangelnde Akzeptanz und suboptimale Außenwirkung auf dem Platz ist nach den Erfahrungen der Hinrunde mit insgesamt vielen starken Spielleitungen ein wichtiges Arbeitspaket, das die Unparteiischen der Profiligen mit in die Winterpause nehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare