Warum Schiedsrichter Aytekin und sein Team beim DFB-Pokalfinale deutlich beliebter sind als Sängerin Helene Fischer

"Starke Persönlichkeit"

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Deniz Aytekin und sein Team bekommen viele lobende Worte für die Leistung im DFB-Pokalfinale.

Berlin. Für Helene Fischer sind ihre fünf Minuten während des DFB-Pokalfinales eine sehr schwer zu leitende Partie. Im Olympiastadion findet die Schlagersängerin, als sie in der Halbzeit kurzzeitig die Spielleitung übernimmt, nicht so richtig den Draht zum unüberhörbar kritischen Publikum.

Deutlich mehr Fans, selbst bei den Anhängern der mit 1:2 unterlegenen Eintracht, hat nach dem Abpfiff ein Quartett, das an diesem Endspiel-Tag eigentlich den deutlich komplizierteren Job innehat. Es ist das Schiedsrichter-Quartett mit Referee Deniz Aytekin, den Assistenten Christian Dietz und Eduard Beitinger sowie dem Vierten Offiziellen Benjamin Brand.

Für sie war es ein schwer zu leitendes Spiel: Schlagersängerin Helene Fischer während ihres Halbzeit-Auftritts.

Deniz Aytekin, seit 2008 in der Bundesliga und seit 2011 auch international im Einsatz, leitet unaufgeregt, präsent und glaubwürdig vom ersten Freistoß-Pfiff nach gerade einmal 30 Sekunden bis zum Abpfiff in der 95. Minute. Der 38-jährige Betriebswirt aus Oberasbach (bei Fürth) genießt aufgrund seines Auftretens eine hohe Akzeptanz bei den Akteuren auf und neben dem Feld, und das ist der Grundstein für die sehr gute Spielleitung. 

Weiterhin wesentlich: Die Entscheidungen des Teams sind richtig, insbesondere die wichtigen. Zum Beispiel der Strafstoß für die Borussia in der 66. Minute: Eintracht-Keeper Lukas Hradecky bringt Dortmunds Christian Pulisic per Beinstellen zu Fall. Gelb für den Torwart ist korrekt, eine Notbremse ist sein Foul nicht, da sich Pulisic die Kugel bereits zu weit nach links rauslegte – keine klare Torchance. 

In dieser Szene beweist Assistent Eduard Beitinger, welche Adleraugen er mitbringt: Im Moment des Zuspiels von Raphael Guerreiro auf Pulisic steht rechts Shinji Kagawa im Abseits, allerdings im passiven. Eduard Beitinger hat die Nerven, abzuwarten, wie sich die Szene entwickelt, und lässt die Fahne unten – eine Top-Szene für den 33-jährigen Café-Betreiber aus Regensburg, der zuvor schon in einer weiteren spielprägenden Situation goldrichtig liegt, und zwar in der 29. Minute, beim 1:1-Ausgleichstreffer für die Eintracht. 

In dieser Szene steht Torschütze Ante Rebic beim Pass des Kollegen Mijat Gacinovic knapp nicht im Abseits. Dafür läuft Mitspieler Haris Seferovic rechts im Abseits mit, nimmt aber ansonsten nicht weiter aktiv an der Szene teil. Abseits ja, aber nicht strafbar, weil Seferovic den Ball nicht spielt und keinen Gegenspieler stört. Solche Situationen gehören mit zu den schwierigsten, die ein Assistent bewältigen muss. Auch der Assistent auf der anderen Seite, der 32-jährige Realschullehrer Christian Dietz aus München, seit 2012 als Unparteiischer in der zweiten Liga aktiv, liegt bei den knappen Abseitsentscheidungen richtig, und das ist wichtig in einer solchen Partie, die (mit allen Zeitlupen) weltweit übertragen wird. 

„Seiner Linie treu geblieben“ 

„Unaufgeregte, dennoch sehr präsente Art der Spielführung“ – DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich (Berlin) im Gespräch mit dem „Pfiff der Woche“ zur Schiedsrichterleistung.

Lobende Worte für die Leistung des Unparteiischen-Teams kommen denn auch von DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich, Vorsitzender der DFB Schiedsrichterkommission Elite. Im Gespräch mit dem „Pfiff der Woche“ sagt der ehemalige langjährige FIFA-Referee aus Berlin, der im Jahr 2003 in seiner Heimatstadt selbst das Pokalfinale zwischen Bayern München und dem 1. FC Kaiserslautern (3:1) leitete: „Die unaufgeregte, dennoch sehr präsente Art der Spielführung kam sehr gut rüber. Deniz war dabei auch den Spielern sehr zugewandt, brachte viel Verständnis ein. So schaffte der Schiedsrichter eine angenehme Arbeitsatmosphäre.“ Lutz Michael Fröhlich, der insgesamt 200 Bundesligapartien pfiff, hebt ebenfalls die „wichtigen Entscheidungen, die passten“ hervor und hat nach der gelungenen Spielleitung einen Tipp für die Unparteiischen aller Klassen: „Was auch noch wichtig ist in diesem Zusammenhang: Ein für den Schiedsrichter besonderes Spiel heißt eben nicht, dass er etwas Besonderes machen muss. Das Beste ist es, wenn man sich und seiner Linie treu bleibt. Ein einfaches Rezept, das am Sonnabend hervorragend funktioniert hat.“

„Hervorragende Abseitsentscheidungen“ – der ehemalige Bundesliga-Unparteiische Manfred Harder (Lüneburg).

Auch der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Harder (Lüneburg) lobt diese Linie: „Deniz Aytekin strahlte Ruhe aus, brachte die Verwarnungen gut rüber, unterbrach die Begegnung nicht mehr, als notwendig, verschaffte aber den Regeln immer Geltung. Was mir außerdem gefallen hat, war das sehr gute Stellungsspiel des Schiedsrichters, ohne im Weg zu stehen, sowie die hervorragenden Abseitsentscheidungen beider Assistenten – so möchte man es immer sehen.“ 

„Starke Persönlichkeit, tolle Teamleistung“ 

Und Peter Gagelmann, ehemaliger langjähriger Erstliga-Referee aus Bremen und derzeitiger SKY-Schiedsrichter-Experte, betont gegenüber dem „Pfiff der Woche“ die „starke Persönlichkeit“ von Deniz Aytekin „bei einer tollen Teamleistung mit sehr guten Einzelentscheidungen, zum Beispiel beim Strafstoß“. 

„Starke Persönlichkeit, tolle Teamleistung“ – Peter Gagelmann (Bremen), Ex-Erstliga-Referee und SKY-Experte.

Die hohe Akzeptanz wird auch nach dem Schlusspfiff deutlich, als das Schiedsrichter-Quartett die Ehrentribüne betritt, um, wie es gute Tradition nach den DFB-Pokalendspielen ist, vom Bundespräsidenten die Glückwünsche entgegen zu nehmen: Deniz Aytekin, Christian Dietz, Eduard Beitinger und Benjamin Brand sind beim Publikum im Berliner Olympiastadion deutlich beliebter als zuvor Helene Fischer bei ihrem Kurzauftritt.

Von Marco Haase

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