Zehnmal Gelb und einmal Rot in Mainz

Ein Spiel für Holzfäller

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Hatte nicht immer einen leichten Stand: Schiedsrichter Tobias Stieler, dessen Entscheidungen insbesondere im zweiten Durchgang von den Akteuren nicht immer akzeptiert wurden. Im Regelwerk heißt es: „Jeder Spieler, der gegen eine Schiedsrichterentscheidung protestiert, wird verwarnt.“

Mainz. Bei der Bewertung von Schiedsrichter-Leistungen wird auch der Schwierigkeitsgrad des Spiels berücksichtigt. Drei gibt es: Normal zu leiten, schwer zu leiten, sehr schwer zu leiten. 

Beim 3:2-Auswärtssieg von RB Leipzig beim FSV Mainz 05 am Mittwochabend in der Fußball-Bundesliga verteilt Schiedsrichter Tobias Stieler elf „Persönliche Strafen“: Zehn Gelbe Karten, außerdem einen glatt roten Karton.

Es gibt zahlreiche Foulspiele, auf dem Platz herrscht phasenweise eine giftige Atmosphäre mit Spielertrauben und Rudeln. Zudem werden etliche Entscheidungen des Unparteiischen, auch klar richtige, von den Akteuren nicht hingenommen, sondern diskutiert.
Dies alles sind Faktoren, welche diese Spielleitung für den 35-jährigen FIFA-Referee aus Hamburg zu einer schweren und streckenweise sehr schweren machen.

Eine gravierende Szene passiert in der 89. Minute – da treffen sich die Mittelfeldakteure Jean-Philippe Gbamin aus Mainz und Rani Khedira aus Leipzig. Oder besser: Einer trifft den anderen und fällt ihn. Gbamin grätscht von der Seite mit beiden Beinen gegen Khedira. Dabei hat der 05er keine Chance, den bereits nach vorn gespielten Ball zu erwischen und trifft mit voller Wucht die Beine von Khedira. Regeltechnisch liegt hier ein brutales Spiel vor, ein übertrieben harter Einsatz, bei dem die Gesundheit des Gegners gefährdet wird. Für dieses grobe Foulspiel muss es die Rote Karte geben.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es das erste Foul des Sünders ist und wann die Aktion geschieht (hier kurz vor Schluss): Ein solches Tackling, gegner-, nicht ballorientiert, muss immer die glatt Rote Karte zur Folge haben. Und wenn es Dunkelrot gäbe, hätte man diese Farbe hier ziehen müssen. Interessant ist zu sehen, wie klug Tobias Stieler, der in dieser Saison bereits einmal in der WM-Qualifikation und dreimal in der Euro League unterwegs war, in dieser Situation agiert: Er zieht den roten Karton schneller als John Wayne in seinen Western und ist sofort am Ort des Geschehens. Durch diese rasche und konsequente Entscheidung mit Signalwirkung für alle Beteiligten beugt der Unparteiische von der SG Rosenhöhe in Offenbach, den es beruflich aus Hessen nach Hamburg gezogen hat, einer weiteren Eskalation der Szene vor.

Dies ist in dieser Partie wichtig, in der es zuvor bereits einige Rudel und hitzige Debatten gegeben hat. Und da sind wir bei einem Punkt, den sicherlich auch Tobias Stieler, Profi durch und durch, bei der Analyse seiner Spielleitung aufarbeiten wird. Denn jeder Unparteiische, egal in welcher Spielklasse, wird sich nach dem Abpfiff fragen: Heute musste ich elf Karten geben, zehn Gelbe und eine Rote – habe ich heute wirklich alles richtig gemacht? Auch wenn jede einzelne Persönliche Strafe, isoliert betrachtet, vielleicht nachvollziehbar ist.

In Mainz ist es so, dass insbesondere in der zweiten Halbzeit auch richtige Entscheidungen des Unparteiischen nicht mehr durchweg akzeptiert werden. Es kommt zu Debatten auf dem Platz, das Klima ist hitzig. Es gibt Rudelbildungen, es gibt eine Gelbe Karte nach der nächsten. Aber Ruhe kehrt nicht ein, die Disziplinarkontrolle gelingt dem Referee nicht vollends, und die Akzeptanz seiner Rolle ist nicht bei allen Akteuren durchweg gegeben.

Die Entwicklung dahin erfolgt häufig schleichend: Ein Vorteil zuviel in der ersten Halbzeit in einem Zweikampf, den der Schiedsrichter wegen Fouls besser unterbrochen hätte. Eine Kommunikation, eine Ermahnung in einer passenden Situation zuwenig, etwas zuviel Toleranz bei aufmüpfigen Spielern. Dies alles bei einer so umkämpften Begegnung wie in Mainz, in welcher man eher einen Zweikampf mehr abpfeifen sollte.

Unterm Strich hat Stieler natürlich keine schlechte Leistung abgeliefert, im Gegenteil. Ein solch schwieriges Spiel muss man erstmal hinkriegen. Aber gewiss wird der erfahrene Unparteiische mit bisher mehr als 130 Spielleitungen in der ersten und zweiten Liga und zahlreichen internationalen Einsätzen anstreben, eine solche Partie das nächste Mal mit noch mehr Persönlichkeit und weniger Persönlichen Strafen zu lösen.

Von Marco Haase

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