1860 - Regensburg: Warum FIFA-Referee Daniel Siebert das Spiel besser abgebrochen hätte

Skandal-Relegation: Das war zu großzügig

+
Nach Ende einer Saison bleiben leider solche Bilder hängen, die mit dem Geist des Fußballs rein gar nichts zu tun haben: Polizei und Ordner müssen die Aktiven vor militanten Chaoten schützen. Für den Schiedsrichter gehören solche Situationen zu den schwersten, die zu handeln sind. Soll das Spiel weitergehen?

München. Auch wenn es angesichts solcher Bilder schwer fällt, die Emotionen zu unterdrücken und rational zu bleiben: Versuchen wir, uns den letzten zehn Minuten des Skandalspiels zwischen dem TSV 1860 München und dem SSV Jahn Regensburg regeltechnisch zu nähern.

Möglicherweise ist diese sachlich-fachliche Herangehensweise auch die einzig vernünftige, denn jedes Wort zu dem Verhalten dieser Chaoten („Fans“ wollen wir sie nicht nennen) wäre zu viel der Ehre. Insofern: Maßgebend für den Berliner FIFA-Referee Daniel Siebert in einer sehr schwer zu leitenden Partie ist die Fußball-Regel Nummer 5 mit dem Titel „Schiedsrichter“. 

Diese für den Fußballsport wichtige Norm gibt dem Unparteiischen die umfangreiche Kompetenz und Verantwortung für das gesamte Spiel – niemandem sonst. Weder den Vereinen, der übertragenden ARD, der DFL oder sonstwem. Zu diesen Befugnissen gehört, dass der Schiedsrichter eine Begegnung unterbrechen oder abbrechen kann, wenn es solche Ausschreitungen gibt, wie am Montagabend in der Allianz-Arena. Schiedsrichter Daniel Siebert, seit 2012 in der Bundesliga im Einsatz, seit 2014 zudem international auf UEFA- und FIFA-Ebene aktiv, macht rund zehn Minuten vor Schluss genau das Richtige: Der unlängst 33 Jahre jung gewordene Sportwissenschaftler und Lehrer vom FC Nordost Berlin erkennt, dass Gegenstände auf das Feld geworfen werden, die insbesondere Jahn-Keeper Philipp Pentke schaden könnten. Folge: Spielunterbrechung, da die Stadiondurchsagen zuvor nicht fruchten. Der Unparteiische und sein Team, die Assistenten Rafael Foltyn (Wiesbaden) und Thomas Gorniak (Bremen), sowie der Vierte Offizielle, Zweitliga-Referee Alexander Sather (Grimma), agieren unaufgeregt, souverän, deeskalierend – das Quartett vermittelt Kompetenz, Vertrauen, und eine solche Außenwirkung ist in Extremsituationen wie jenen von München sehr wichtig. 

Nach einer guten Viertelstunde versucht Daniel Siebert, die Partie wiederaufzunehmen. Die Gründe dafür sind emotional verständlich: Es sind nur noch zehn Minuten, es liegt eine Mannschaft (der SSV) verdient in Führung, die Fernsehübertragung... Allerdings haben diese Motive mit dem im Regelwerk deutlich notierten „Geist des Fußballs“ rein gar nichts zu tun. Auch nach Fortsetzung des Spiels werden schwere Gegenstände (Stangen, Sitzschalen) auf das Feld geworfen – verfehlen Torwart Pentke nur knapp. 

Ja: Es rennen tatsächlich während der laufenden Partie Ordner auf den Platz, um Gegenstände zu entfernen. Tormann Philipp Pentke selbst entsorgt eine Sitzschale, die ihn zum Glück nicht getroffen hat. Der Keeper steht in den letzten Minuten möglichst weit vor dem eigenen Kasten, um nicht getroffen zu werden, und zeigt sogar Glanzparaden. Ein möglicher weiterer Beleg, dass im Fußballsport Torwarte und Linksaußen, womöglich auch Schiedsrichter… egal an dieser Stelle… Dass Assistent Thomas Gorniak in all diesen Wirren stahlharte Nerven und Adleraugen beweist und eine knifflige Abseitsszene (Olic greift aus Abseitsposition eindeutig ins Spiel ein) vor dem vermeintlichen 60er Anschlusstreffer erkennt – all das spricht für die Qualität des Schiedsrichter-Teams. 

Aber bei allem Verständnis dafür, ein Fußballspiel zu Ende zu bringen: Bei solchen Umständen muss eine Partie entweder länger unterbrochen oder abgebrochen werden. Damit setzt man ein Zeichen und eine Grenze für alle Klassen im Fußballsport. Bei solchen Randalen, wie in München, ist es so, dass für eine halbe, dreiviertel Stunde die Spieler in die Kabinen gebeten werden – und wenn Ordner und Polizei die Lage, aufgrund der militanten Chaoten, nicht beruhigen können, dann ist das Spiel zu Ende. Alle anderen Anliegen haben dahinter zurückzustehen, hinter vermeintlich wichtigen wirtschaftlichen Interessen, hinter Zeitplänen – ganz einfach hinter dem „Geist des Fußballs“, den die Schiedsrichter laut Regelwerk durchsetzen sollen. In der Kreisliga genauso wie in der Champions League.

Von Marco Haase

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare