Eine Grätsche und die Folgen: Die 57. Minute von Dortmund fordert den Unparteiischen und sein ganzes Team

Sippel einmal ganz hart, einmal zu zart

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Nach dieser groben Attacke gegen Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang kassiert Hoffenheims Sebastian Rudy von Referee Peter Sippel die Rote Karte. Regeltechnisch eine hochinteressante Szene.

Dortmund. Nur eine einzige Karte zeigt Schiedsrichter Peter Sippel vom FC Würzburger Kickers beim spannenden 3:1 der Dortmunder Borussia gegen die TSG 1899 Hoffenheim, aber der Karton hat es in sich: Er ist rotfarben.

Schauen wir uns Schritt für Schritt an, warum die Grätsche von Sebastian Rudy an Pierre-Emerick Aubameyang für den erfahrenen Referee, der im mittlerweile 16. Jahr in der Bundesliga aktiv ist, einen Platzverweis wert ist.

Peter Sippel

Zunächst die Frage: Notbremse? Klare Antwort: Nein. Es wird zwar ein aussichtsreicher Dortmunder Konter unterbunden, aber keine Torchance. Denn: Das Foul geschieht kurz hinter der Mittellinie. Zudem stehen noch zwei Hoffenheimer Verteidiger vor Aubameyang, die eingreifen könnten. Also geht es um den Charakter des Vergehens, und dazu muss der Unparteiische in Bruchteilen von Sekunden einige Fragen beantworten.

Warum die Rote Karte?

Geschieht das Foul lediglich fahrlässig im Kampf um den Ball, bei dem die Gesundheit des Gegners nicht gefährdet wird? Oder steckt mehr drin? Für Peter Sippel, den 46-jährigen Diplom-Betriebswirt, der acht Jahre lang auch international als FIFA-Referee im Einsatz war, unter anderem in der Euro League, steckt in der Grätsche von Rudy deutlich mehr drin. Folgende beiden – und entscheidenden – Fragen, die das Regelwerk vorgibt, beantworten Sippel und seine Teammitglieder mit einem eindeutigen „Ja“:

• Geht Rudy übertrieben hart in den Zweikampf?
• Nimmt er beim in vollem Tempo losziehenden Gegner durch seine Grätsche auch dessen Verletzung in Kauf?

Nur ein einziges „Ja“ genügt der Regel 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen“, um einen Foulspieler mit glatt Rot aus dem Verkehr ziehen zu müssen. Der Schiedsrichter hat hier keinerlei Ermessen.

Nochmal, weil man diesen Aspekt nicht oft genug betonen kann: Rudy muss Aubameyang nicht verletzen – es reicht laut Regelwerk, wenn ihm die Gesundheit seines Gegners bei seiner Attacke egal ist.

Drei weitere Faktoren sprechen für die Rote Karte. Erstens: Aubameyang läuft mit hoher Geschwindigkeit, als er unsanft gelegt wird. Zweitens: Rudys Angriff erfolgt von hinten – sein Gegner kann sich auf das grobe Foul überhaupt nicht einstellen. Und drittens: Rudy hat nicht die geringste Chance, den Ball zu erwischen – es geht ihm einzig und allein um die Beine des Aubameyang, die er auch trifft. Insofern: Peter Sippel zieht die korrekte Farbe.

Wer in Dortmund aufmerksam ist, bemerkt, dass der Schiedsrichter zunächst Richtung Brusttasche greift, um dann nach kurzer Headset-Beratung gen Hosentasche zu wechseln. Wollte er Gelb geben? Das wäre für diese grobe Attacke, die regeltechnisch auch als rohes Spiel bezeichnet wird, zu wenig. Daher ist die Beratung durch die Assistenten Christian Leicher und Guido Kleve sowie den Vierten Offiziellen, Sascha Stegemann, goldrichtig und wichtig. Die Regeln sehen auch aus präventiven Gründen die Rote Karte vor – die Akteure sollen wissen, dass ihnen der Platzverweis droht, und daher solche Fouls am besten ganz lassen.

Und warum Gelb, eigentlich…?

Was ist zu verbessern in der 57. Minute ff. von Dortmund? Peter Sippel reagiert angesichts der recht heftigen Proteste und Reklamationen der Hoffenheimer Akteure nach dem berechtigten Feldverweis zu großzügig, lässt sich sogar ungestraft anfassen. Hier hätte mindestens ein gelber Karton kommen müssen. Es tut dem Fußballsport nicht gut, wenn die Unparteiischen bei Unsportlichkeiten die Konsequenz vermissen lassen. Was dort manchmal auf den Plätzen los ist, das ist bei Sportarten wie Handball, Volleyball, Basketball, ja gar beim Rugby undenkbar. Und das liegt ein bisschen auch an der Art und Weise der Spielleitung.

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