Unvoreingenommen, aber nicht überrascht: Warum die professionelle Vorbereitung zur Aufgabe eines Referees gehört

Schwaben – Baden: Kein normaler Kick

66. Minute, und wieder Hlousek (rechts) – der VfB-Akteur begeht innerhalb von noch nicht einmal zehn Minuten zweimal fast das gleiche Foul. Gelb-Rot ist die notwendige Konsequenz.
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66. Minute, und wieder Hlousek (rechts) – der VfB-Akteur begeht innerhalb von noch nicht einmal zehn Minuten zweimal fast das gleiche Foul. Gelb-Rot ist die notwendige Konsequenz.

Stuttgart/Freiburg. Vor allem zwei Faktoren machen die Begegnung zwischen dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg (2:2) für den Schiedsrichter Wolfgang Stark von vornherein zu einer brisanten Partie.

Erstens: Es ist ein Abstiegsduell dieses 30. Spieltages. Beide Teams brauchen für den Klassenerhalt jeden Punkt, eigentlich einen Sieg, und werden womöglich mit allem – auch verbotenem – Einsatz zu Werke gehen.

Zweitens: Es ist ein Derby, das Baden-Württemberg-Derby, und auch noch ein landsmannschaftliches: Die „Schwaben“ aus Stuttgart gegen die „Baden“ aus Freiburg. Auch dieser Umstand kann sich auf die Atmosphäre auf dem Platz, an den Trainerbänken und in den Zuschauerreihen auswirken.

Das heißt nicht, dass ein Spiel dann immer umkämpft und schwer zu leiten ist – dass der Referee auf jeden Fall eine knallharte und kleinliche Linie fahren muss. So unflexibel darf der Unparteiische natürlich nicht in die Leitung gehen. Er muss nach dem Anpfiff in den ersten Minuten spüren, ob die Attacken dem Ball oder eher den Beinen gelten. Zu einer professionellen Spielvorbereitung eines jeden Schiedsrichters in jeder Spielklasse gehört es allerdings, sich behutsam durch alle zur Verfügung stehenden Quellen zu informieren, welche Brisanz den Verlauf einer Partie beeinflussen könnte, um nicht überrascht zu werden. Eine solche sensible Vorarbeit ist die Basis dafür, zwar unvoreingenommen in die Begegnung zu gehen, aber nicht verblüfft und perplex ob bestimmter Umstände zu reagieren.

Ansetzung mit Bedacht: Herbert Fandel, ehemaliger FIFA-Referee und Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission.

Für Referee Wolfgang Stark, bereits seit 1997 ist der 45-jährige Bankkaufmann aus Ergolding im Fußball-Oberhaus dabei, wird es ein schwer zu leitendes Spiel. Viel Arbeit auch für sein Team: FIFA-Assistent Guido Kleve (38, Rechtsanwalt aus Nordhorn, seit 2011 internationaler Assistent), Assistent Harm Osmers (30, Investitionscontroller aus Hannover, seit 2011 als Unparteiischer in der zweiten Liga aktiv), Vierter Offizieller FIFA-Referee Christian Dingert (34, Diplom-Verwaltungswirt aus Lebecksmühle, Bundesliga-Schiedsrichter und seit 2013 international im Einsatz). Schon allein diese Ansetzung mit vier gestandenen Unparteiischen und Assistenten, von denen jeder alleine in der Lage wäre, diese Bundesliga-Partie zu leiten, zeigt, welche Brisanz auch die DFB-Schiedsrichterkommission um ihren Vorsitzenden Herbert Fandel (Kyllburg) dem schwäbisch-badischen Duell beimisst – mit Recht.

Neben den genannten schwierigen Umständen und Voraussetzungen liegt die Schwierigkeit speziell an der Art und Weise, wie die Akteure ihre Zweikämpfe führen. Auch Freiburgs Trainer Christian Streich macht es den Unparteiischen-Teams von der Seitenlinie aus häufig nicht einfach (siehe Pfiff der Woche vom 9. April 2015). Der rücksichtslose Einsatz zwingt Wolfgang Stark, der von 1999 bis 2014 bis zum Erreichen der Altersgrenze (45) auf der FIFA-Liste stand, sehr früh zum gelben Karton. In der 6. Minute grätscht Stuttgarts Timo Baumgartl zwar irgendwie auch noch Richtung Ball, trifft allerdings Freiburgs Felix Klaus rücksichtslos – dieser Einsatz ist eine so genannte „Pflichtverwarnung“ im Sinne der Fußball-Regel Nummer 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen).

Zur professionellen Nachbereitung einer Spielleitung gehört die intensive Analyse per DVD, die das Team mittlerweile gemeinsam mit einem Coach, ein ehemaliger Top-Referee, absolviert hat.

Während dieser Analyse wird den erfahrenen Unparteiischen der harte Zweikampf nur eine Minute zuvor noch einmal gesondert auffallen. Natürlich haben die Referees das Duell in der 5. Minute zwischen Freiburgs Julian Schuster und Stuttgarts Martin Harnik bereits im Spiel gesehen und beurteilt – sonst hätte Wolfgang Stark (WM 2010, EM 2012) nicht auf den fälligen direkten Freistoß für den VfB entschieden. Indes wäre auch Schusters rücksichtslose Attacke eine Verwarnung wert gewesen. Na ja, 60 Sekunden später kommt die Gelbe Karte.

Exzellente Teamarbeit gibt es in der 57. Minute, dafür braucht es Konzentration: Adam Hlousek (VfB) hält Jonathan Schmid (SC) im Strafraum und stellt ihm gleichzeitig ein Bein. Assistent Guido Kleve hat den besten Blick auf die Szene. Die Folge: Ein, zwei Sekunden Kommunikation, ein Hoch auf das Headset – und die richtigen Entscheidungen stehen: Strafstoß für Freiburg sowie die Gelbe Karte für Hlousek – eine Notbremse ist sein Vergehen nicht, aber mit seinem taktischen Foul stoppt er den Stuttgarter Angriff.

Nur neun Minuten später das Déjà-Vu: Wieder Hlousek, wieder Schmid, wieder das gleiche Vergehen: Halten, Beinstellen, Angriff genauso illegal wie taktisch. Diesmal nicht im Strafraum, sondern im defensiven Mittelfeld. Spielstrafe also der direkte Freistoß. Und die persönliche Strafe ist klar: Gelbe Karte nach dem taktischen Foul, macht summa summarum den gelb-rote Karton für den Stuttgarter.

Gehen wir zum Schluss noch mal an den Anfang zurück, zum schwäbisch-badischen Gegensatz. Wer da mal tiefer in die Geschichte eintaucht, findet die Auseinandersetzungen um die Gründung Baden-Württembergs in der noch jungen Bundesrepublik im Jahre 1952. „Baden“ war zuvor kurzzeitig ein eigenständiges Land mit der Hauptstadt Freiburg und einem eigenen Präsidenten. Und viele Badener hatten entschieden etwas dagegen, mit den Ländern „Württemberg-Hohenzollern“ (Hauptstadt Tübingen) und vor allem „Württemberg-Baden“ (um die schwäbische Hauptstadt Stuttgart) zusammengelegt zu werden. Und dann auch noch unter Stuttgarts Führung… – nun ja, lange her, aber immer noch präsent, indirekt auch auf dem Rasen. Auch wenn das die meisten Aktiven nicht mehr so genau wissen: Sie spüren dennoch, dass in diesem Duell immer mehr stecken wird, als die Brisanz eines reines Ortsderbys.

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