BVB - Hoffenheim: Warum es die Schiedsrichter mit gar nicht so klaren Situationen zu tun hatten

Was schiefgehen konnte, ging schief

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Die 13. Minute: FIFA-Referee Dr. Felix Brych (SV Am Hart München) hat auf Strafstoß für Dortmund entschieden. Damit sind die Hoffenheimer Akteure ganz und gar nicht einverstanden, denn der Schiedsrichter ahndete das falsche Handspiel.

Dortmund. Nach dem 2:1-Sieg von Borussia Dortmund gegen die TSG 1899 Hoffenheim im Endspiel um Platz drei stehen Schiedsrichter Felix Brych und seine Assistenten Mark Borsch und Stefan Lupp in der Kritik, denen nach Auswertung der Zeitlupen zweifelsohne einige Fehlwahrnehmungen unterlaufen.

Dem „Pfiff der Woche“ geht es in dieser Kolumne darum, zu ergründen, warum das erfahrene Team, das in dieser Zusammensetzung in dieser Saison bereits viermal in der Champions League unterwegs war, so entschieden hat, wie es entschieden hat. Denn kein Unparteiischer macht absichtsvoll Fehler – und gerade dieses hocherfahrene Trio, das gemeinsam bei Olympia 2012 in London, bei der WM 2014 in Brasilien sowie bei der EM im vergangenen Jahr in Frankreich im Einsatz war, ist dafür bekannt, dass ihm äußerst wenige Mängel unterlaufen. 

War Castro an der Kugel dran? 

Szene Nummer 1, 4. Minute: Dortmunds Raphael Guerreiro passt den Ball weit nach vorn. Im Moment dieser Ballabgabe steht Mitspieler Marco Reus deutlich nicht im Abseits – und das erkennt FIFA-Assistent Stefan Lupp genau. Was der 38-Jährige aus dem brandenburgischen Zossen indes nicht wahrnimmt, ist, dass bevor die Kugel zu Reus gelangt, der BVB-Akteur Gonzalo Castro noch am Leder dran ist. Und in diesem entscheidenden Moment der Ballberührung steht Marco Reus klar im Abseits. Selbst mit Zeitlupe ist dieser Fakt schwerer zu sehen, als es manche Medien nach 50 Slow Motions suggerieren. 

Assistent Lupp kann aus seiner, richtigen, Position nicht erkennen, ob Castro den Ball weiterleitet oder nicht, weil ihm die Sicht durch andere Spieler versperrt ist. Da hätte ihm Felix Brych helfen können, denn der promovierte Jurist aus München, seit mittlerweile einem Jahrzehnt FIFA-Referee, hatte den besseren Blick auf Castro. Und wenn ein Schiedsrichter nach einer möglichen Abseitsposition mit seinem Assistenten an der Seitenlinie spricht, was immer für Stress auf dem Platz sorgt, dann kann es nur um solche wichtigen Feinheiten gehen. Leider konnten Felix Brych und Stefan Lupp ihre Wahrnehmungen nicht zu einer richtigen Entscheidung zusammenbringen. 

Ist es die Brust? Oder der Arm? 

Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang vergibt den Strafstoß zwar – allerdings läuft Hoffenheims Niklas Süle (rechts) viel zu früh in den 16,50-Meter-Raum. Es hätte regeltechnisch die Wiederholung des Strafstoßes geben müssen.

Szene Nummer 2, 13. Minute: Felix Brych pfeift nicht aus Spaß Strafstoß für Dortmund. Der Pfiff ist zwar falsch, aber aus der Frontalperspektive des Referees zu erklären. Nachdem Marco Reus das Leder von links scharf in den Strafraum und gegen den Arm von Hoffenheims Pavel Kaderabek schoss, sieht es aus der ungünstigen Position Brychs tatsächlich so aus, als habe der TSG-Akteur den Arm zu Hilfe genommen. Von der Seite hat man den besten Blick und erkennt, dass Kaderabek vielmehr die Hand noch wegziehen will. Insofern ist das regeltechnisch ein unabsichtliches Handspiel – es gab keine aktive Bewegung des Arms zum Ball. 

Die Hoffenheimer Gemüter erregten sich zudem wegen der Situation unmittelbar zuvor: Reus hat das Leder mitgenommen – aber womit? Mit der Brust? Oder war der Oberarm schon dran. Der „Pfiff der Woche“ bemühte etliche Zeitlupen, um festzustellen: Es war wohl auch der Oberarm. Dies soll den Fehler nicht entschuldigen, aber die Frage nach dem „Warum“ beantworten. Der Schiedsrichter hätte dieses strafbare Handspiel möglicherweise erkennen können, wenn er ein wenig dichter gestanden hätte – wobei Felix Brych gar nicht so weit entfernt war. Insofern ist auch dies keine klare Entscheidung, sondern eine äußerst schwierig zu treffende. 

Pierre-Emerick Aubameyang versiebt den Strafstoß zwar, aber es hätte eine Wiederholung geben müssen. Bevor der Ball im Spiel ist, laufen die Hoffenheimer Benjamin Hübner und vor allem Niklas Süle deutlich zu früh in den 16,50-Meter-Raum. 

Gelbwürdiger Trikottest 

Szene Nummer 3, 41. Minute: Diesen Trikottest im Dortmunder Strafraum hätten Schiedsrichter Brych oder auch Assistent Mark Borsch (Mönchengladbach) durchaus erkennen können. Der Dortmunder Sokratis reißt seinem TSG-Gegenspieler Sandro Wagner das Hemd fast vom Leib. Dies hätte Strafstoß für Hoffenheim und die Gelbe Karte für Sokratis nach sich ziehen müssen. 

Edward A. Murphys Lebensweisheit 

Szene Nummer 4, 45. Minute: Der US-amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy jr. hatte vor sieben Jahrzehnten bereits festgestellt: „Anything that can go wrong will go wrong.“ (Zu Deutsch: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“) Captain Murphy bezog sich zwar damals auf Forschungen der US Air Force, aber seine Weisheit lässt sich durchaus auf etliche andere Lebensbereiche übertragen. Eben auf die 45. Minute, in welcher Assistent Mark Borsch den durchgestarteten Hoffenheimer Andrej Kramaric hauchdünn strafbar im Abseits wähnt und die Fahne hebt. 

In etlichen anderen Spielen wäre diese knappe Fehlentscheidung womöglich gar nicht aufgefallen, weil zuvor alles glatt und unstrittig verlief. In Dortmund ziehen natürlich alle Fernsehsender nach etlichen Zeitlupen die ominöse Linie und machen ein Thema daraus – weil zuvor bereits eine Menge geschah. Zu diesem Zeitpunkt ist die Partie für das Schiedsrichter-Team allerdings gelaufen, auch die Akzeptanz selbst eindeutig korrekter Entscheidungen ist nicht mehr voll und ganz vorhanden. 

Da tobt ein Trainer Thomas Tuchel, im Übrigen nicht zum ersten Mal, an der Seitenlinie mehrfach wie ein Berserker herum und darf trotzdem am Spielfeldrand bleiben – Ähnliches gilt für den Kollegen Julian Nagelsmann. Da reklamiert Sokratis bei etlichen richtigen Entscheidungen gegen Schiedsrichter Felix Brych und kassiert nicht den längst fälligen gelben Karton ob seiner Unsportlichkeiten. Da wirft BVB-Keeper Roman Bürki nach der korrekten Strafstoß-Entscheidung in der 85. Minute einen zweiten Ball in Richtung TSG-Schützen Andrej Kramaric, um ihn auf unsportliche Art und Weise zu irritieren – und kommt auch um die Verwarnung herum. 

Analysieren, abhaken, nach vorne gucken 

Für das Team und den Vierten Offiziellen gibt es eine Menge zu analysieren, aber auch ganz rasch abzuhaken, denn es ist selten, dass es in einem Spiel eine Fülle derart schwierigster Entscheidungen gibt, die dann auch noch falsch gelöst werden. Da kommt dann auch noch viel Pech dazu. Und das, aus Brychs Sicht, ausgerechnet wieder mit Beteiligung der TSG. Alle Fußballinteressierten erinnern sich an das sogenannte „Phantomtor“. Referee damals: Felix Brych („Pfiff der Woche“ vom 20. Oktober 2013)

Fußball kann manchmal grausam sein. Bei vielen Situationen sind wir erst nach mehrfacher Wiederholung schlauer, insofern bleibt Skepsis angebracht, ob sich die hier geschilderten Szenen wirklich allesamt für den Video-Assistenten eignen würden. Die Partie wäre viel zu lange unterbrochen, und das würde den Fußball höchst unattraktiv machen. 

Zeitlupen verbieten? 

Das Bundesliga-Spitzenspiel von Dortmund ist ein gutes Beispiel dafür, welchen Medien- und Slow-Motion-Druck die Unparteiischen Woche für Woche aushalten, und dabei grundsätzlich in ihren Partien sehr viel richtig machen. Der Königsweg wäre sicherlich ein totales Verbot jeglicher Zeitlupe – die meisten Debatten um strittige Entscheidungen würde es sofort nicht mehr geben, denn sie entstehen erst nach der achten Slow Motion mit 16 Kameras. Auch diese Kolumne wäre dann nicht entstanden. Der „Pfiff der Woche“ weiß natürlich, dass dies in einer Mediengesellschaft wie der unsrigen nicht kommen wird. Insofern ist die behutsame technische Unterstützung, wie sie bei Torerzielungen bereits erfolgreich angewandt wird, ohne dass es zu Spielverzögerungen kommt, der richtige, weil moderne Weg.

Von Marco Haase

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