Warum van der Vaart im Nordderby Glück hat – und warum Wolfgang Stark einmal im Sinne des Fußballs entscheidet

Richtiges Rot, fehlendes Rot

81. Minute, klassisches Textilfoul: Valon Behrami (2. von links, verdeckt) testete Junuzovics Trikot – im Strafraum bedeutet das Strafstoß. Zudem kassiert der Hamburger wegen seiner Notbremse den roten Karton.
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81. Minute, klassisches Textilfoul: Valon Behrami (2. von links, verdeckt) testete Junuzovics Trikot – im Strafraum bedeutet das Strafstoß. Zudem kassiert der Hamburger wegen seiner Notbremse den roten Karton.

Bremen. Es gibt Fouls, für die ist die Rote Karte erfunden worden. Die üble Grätsche von HSV-Kapitän Rafael van der Vaart gegen Bremens Jannik Vestergaard in der 15. Minute gehört dazu.

Mit ausgestrecktem linken Stollen trifft der Holländer hart das rechte Schienbein des Dänen. Mit diesem brutalen Einsteigen gefährdet der HSV-Mittelfeldakteur die Gesundheit des Bremer Abwehrspielers, der sieben Minuten später auch verletzungsbedingt ausgewechselt wird. Der direkte Freistoß, auf den Schiedsrichter Wolfgang Stark entscheidet, ist richtig. Aber es fehlt die persönliche Strafe, also die Karte – und hier gibt es nur eine Farbe: Rot.

Gehen wir in die Analyse: Warum nur hat der WM-Schiedsrichter von 2010 und EM-Referee von 2012 überhaupt keine Karte gezogen? Gibt es im Zweikampf etwas, das dafür sprechen könnte? Die Nähe des Balles beim Tackling spielt bei der Bewertung von Zweikämpfen und Fouls eine wichtige Rolle. Und in dieser 15. Minute ist das Leder in unmittelbarer Nähe. Allerdings wiegt das nicht die schwere, gesundheitsgefährdende Grätsche auf, da Vestergaard voll getroffen wird.

Ein Sky-Reporter ohne Mumm

Wenn man dem Live-Kommentar des Sky-Reporters folgt, dann kommt man der Ursache näher: Kommentator Oliver Seidler (bekannt auch aus der Antenne-Niedersachsen-Sportredaktion) erkennt die Heftigkeit des Fouls im normalen Spiel nicht und parliert ungerührt weiter. Erst nach der zweiten Zeitlupe wird der Sportjournalist sicherer und beurteilt das Vergehen nahezu korrekt („mindestens Gelb“). Auch bei der späteren Notbremse von Behrami braucht Seidler ein wenig länger mit seiner Analyse. Insofern kann man auch dem Unparteiischen, der ohne Rückblende auskommen muss, nur bedingt einen Vorwurf machen. Ärgern wird sich Wolfgang Stark, Profi durch und durch, selbst genug, wenn er sich das Spiel im Nachhinein anschaut.

Für sein gesundheitsgefährdende Tackling in der 15. Minute gegen den Bremer Jannik Vestergaard hätte Hamburgs Rafael van der Vaart vom Platz gehört.

Die Hauptursache für den fehlenden roten Karton liegt im ungünstigen Stellungsspiel: Der 45-jährige Bankkaufmann, dessen Heimatverein die DJK Altdorf ist und der bereits seit 1997 mehr als 300 Bundesliga- und 111 Zweitligapartien leitete, hat im Moment der Van-der-Vaart-Grätsche einen suboptimalen Blick auf die Situation: Nicht ganz seitlich, eher frontal, zudem ein paar Meter zu weit entfernt für die beste Perspektive. Auch die Assistenten, Mike Pickel (Mendig) und Martin Petersen (Stuttgart), sowie der Vierte Offizielle, Thorsten Schriever (Dorum), können aus ihren Positionen nicht unterstützen.

Dies erklärt, warum Wolfgang Stark das Foul in der 15. Minute zwar wahrnimmt, dessen Brutalität aber leider nicht. Auch die Szene in der 81. Minute ist für jeden Referee der Welt sehr schwer zu entscheiden: Geschwindigkeit des Zweikampfes im Strafraum, Position der Abwehrspieler, verstecktes Halten – mit all diesen Finessen hat es Wolfgang Stark, der bis 2014 anderthalb Jahrzehnte zu den Top-Referees der FIFA und UEFA zählte und bis zum Erreichen der Altersgrenze (45) international im Einsatz war, beim Duell zwischen Hamburgs Valon Behrami und Werders Zlatko Junuzovic zu tun.

Eine Rote Karte für den Geist des Fußballs

Behrami hängt mit der linken Hand kurz in Junuzovics Trikot – dieses Textilfoul muss man als Schiedsrichter erst einmal sehen. Da der Bremer zudem mit dem linken Fuß einschussbereit ist und ihm insofern eine große Torchance verwehrt wird, kommt folgerichtig die Rote Karte wegen einer Notbremse. Denn der Geist des Fußballs will Tore sehen – und keine illegalen Torverhinderungen. Daher hält die FIFA bis auf Weiteres an der logischen Regel fest: Wer durch ein Foul eine Torchance verhindert, fliegt vom Platz – egal, ob das Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraumes passiert.

Allen, die über eine so genannte „Dreifachbestrafung“ (Rot, Strafstoß, Sperre) jammern, sei zugerufen: Der Verteidiger kann das Foul ja auch lassen. Dann gibt’s keinen Strafstoß. Dann gibt’s kein Rot. Lass den Angreifer doch ziehen und sein Tor machen. Genau aus diesen präventiven Gründen existiert die Notbremsen-Regelung – auch sie macht den Fußballsport, der von Toren lebt, so attraktiv.

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