Relegations-Pfiff: Hinspiel zwischen Wolfsburg und Braunschweig

Zwei Handspiele, aber nur ein Pfiff

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Die 34. Minute von Wolfsburg: Schiedsrichter Sascha Stegemann entscheidet auf Strafstoß für die Wölfe und zückt die Gelbe Karte gegen Eintrachts Gustav Valsvik – sehr zum Entsetzen der Braunschweiger Akteure.

Wolfsburg. In der Relegation um den noch zu vergebenden letzten Bundesliga-Platz zwischen dem VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig passieren in der 34. Minute kurz hintereinander zwei Handspiele. Das eine wird von Schiedsrichter Sascha Stegemann geahndet, das andere nicht.

Und seitdem debattiert ganz Fußball-Deutschland erneut kontrovers, wann im Fußballsport eine Ballberührung mit dem Arm oder der Hand zu bestrafen ist und wann es weitergehen muss.

Bevor wir die Aktionen, an denen Wolfsburgs Mario Gomez und Braunschweigs Gustav Valsvik beteiligt sind, genauer anschauen, zunächst ein wenig Lehrarbeit vorweg. 

Regeltechnisch dürfen nur absichtliche Handspiele mit direktem Freistoß geahndet werden – und wenn eine solche absichtliche Berührung durch einen verteidigenden Spieler im eigenen 16,50-Meter-Raum geschieht, dann gibt es den Strafstoß. Doch  wann liegt Absicht vor, wann nicht? Das ist in der Praxis nicht ganz einfach, weil durchaus Grauzonen existieren. Aber es gibt wichtige Kriterien und Indizien. Die hier und da gebrauchte Formulierung „Vergrößerung der Körperfläche“ ist dabei eher verwirrend. Es gibt viel bessere, praxistauglichere Fragen: Wollte der Spieler den Ball mit der Hand berühren (Absicht), oder wollte er es nicht (unabsichtlich)? Prallt der Ball aus kürzester Distanz gegen den Arm (unabsichtlich) oder aus etlichen Metern (Absicht)? Geht die Hand zum Ball (Absicht), oder geht der Ball zur Hand (unabsichtlich). 

Auch die Armhaltung ist wichtig, Beispiel: Wenn ein Verteidiger mit ausgebreiteten Armen im eigenen Strafraum steht und die Räume eng macht, dann ist das keine natürliche Armhaltung mehr. Wenn das Leder ihm dann an die Hand geschossen wird, liegt Absicht vor. Allerdings kann sich ein Spieler die Arme nicht an den Körper tackern. Das heißt, wenn er hochspringt, dann bewegen sich, ganz natürlich, auch seine Arme. Wenn er dann, unabsichtlich, die Kugel berührt, darf nicht gepfiffen werden. Es spielt bei der Frage, ob Absicht oder nicht, übrigens keine Rolle, ob der Ball die Richtung verändert oder sich der handspielende Akteur durch seine Aktion einen Vorteil verschafft. Auch hierzu ein Beispiel: Einem Verteidiger, der im 5,50-Meter-Raum kurz vor der eigenen Torlinie steht, wird die Kugel aus kurzer Distanz gegen den normal gehaltenen Arm geschossen. Dadurch verändert das Leder die Richtung, geht nicht in die Maschen – vielmehr kann der Abwehrspieler die Situation auch noch klären. Entscheidung: weiterspielen. So etwas darf nie und nimmer gepfiffen werden. 

Apropos nie und nimmer: Kommen wir nun zur für den Referee unglücklichen Szenenfolge in der 34. Minute des Relegationshinspiels: Wolfsburgs Yunus Malli donnert Braunschweigs Gustav Valsvik das Leder aus noch nicht einmal zwei Metern gegen den linken Arm. Valsvik dreht sich weg, blickt gar nicht zum Ball. Zudem hält er die Arme noch am Körper, geht nicht aktiv in die Schussbahn, hält den linken Arm auch nicht starr und fest, quasi als Mauer. Der Eintracht-Verteidiger will den Ball nicht mit der Hand spielen. Eine solche Situation ist nach dem Sinn und Geist des Fußballregelwerks ein klassisches unabsichtliches Handspiel. 

ARD-Moderator Gerd Gottlob legt sich erst nach einigen Zeitlupen fest – ein Beispiel dafür, wie schwer es Schiedsrichter Sascha Stegemann hat. Womöglich hat er, ohne mehrfache Slow Motion, eine Armbewegung von Valsvik ausgemacht und als absichtlich bewertet. Anders ist seine Entscheidung nicht zu erklären. Dabei entscheidet der Unparteiische konsequent: Wenn er das Handspiel als absichtlich bewertet, muss der norwegische Abwehrspieler in Diensten des Zweitligisten, wie geschehen, auch den gelben Karton erhalten, weil er einen Torschuss blockiert. Zudem erkennen Sascha Stegemann, der seit 2014 in der Bundesliga amtiert, und sein Assistent Christian Fischer (Hemer), dass sich die Aktion genau auf der Linie, und das heißt innerhalb des Braunschweiger Strafraumes, ereignet. Das muss man erstmal so sehen. Aber leider bei einer im Endeffekt falschen Entscheidung. 

Ob ARD-Experte Stefan Effenberg das Handspiel von Mario Gomez unmittelbar vor dem Strafstoß-Pfiff wirklich sofort erkennt, wie der Ex-Wolfsburger in der Halbzeit behauptet, darf bezweifelt werden, denn so klar war die Szene nicht. Indes, die Zeitlupe bestätigt Effes Ahnung: Gomez Handspiel ist ein absichtliches, denn der VfL-Stürmer springt mit ausgestrecktem rechten Arm in die Flugbahn des Balles, leitet die Kugel gar Richtung Mitspieler Malli um. Das ist keine natürliche Handhaltung, hier will der Spieler das Leder mit der Hand berühren, der Arm geht Richtung Ball, die Blickrichtung geht gen Kugel – all dies Kriterien für die Absicht. Und hätten Schiedsrichter oder Assistent dieses Vergehen erkannt, wäre die zweite Situation nicht weiter relevant gewesen, denn Eintracht Braunschweig hätte den fälligen direkten Freistoß erhalten. Aus Schiedsrichter-Sicht ganz großes Pech, denn nun passiert das, was kein Unparteiischer der Welt möchte: Er steht im Mittelpunkt der Diskussionen.

Von Marco Haase

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