Beim 2:1-Sieg von Hannover 96 muss Assistent Georg Schalk eine höchstschwierige Szene beurteilen

99 Prozent im Aus reicht nicht

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Sein Tor zum zwischenzeitlichen 2:0 gegen den VfL Wolfsburg zählte: Hannovers senegalesischer Nationalstürmer Mame Biram Diouf wurde nicht zurückgepfiffen, obwohl ihm der Ball zuvor vom Pfosten an den Oberarm prallte – eine richtige Entscheidung.

Hannover/Wolfsburg. Fast könnte man meinen, die 96er und die „Wölfe“ spielen in der ersten Halbzeit des hochspannenden Niedersachsen-Derbys nur für den „Pfiff der Woche“.

Gleich drei Szenen für Fußball-Regelfüchse sind dabei, und bereits in der 3. Minute kommt es entscheidend auf den Mann an der Linie an: Auf Georg Schalk vom SV Ottmarshausen bei Augsburg, der seit mehr als einem Jahrzehnt als Schiedsrichter-Assistent und Unparteiischer in der ersten und zweiten Liga unterwegs ist.

Diese 3. Minute ist auch ein Beispiel dafür, dass man als Verteidiger nicht pokern, glauben und meinen sollte, sondern die Kugel in bestimmten Situationen besser einfach mal ins Aus kickt. Wolfsburgs Simon Kjaer denkt und hofft nämlich, dass der Ball, der dort direkt an der Seitenlinie vor den Augen von Assistent Schalk entlang rollt, zum Einwurf geht. Sehr zum Schrecken des dänischen Abwehrspielers lässt Georg Schalk jedoch seine Fahne unten, Hannovers Mohammed Abdellaoue erläuft sich das Spielgerät und erzielt das 1:0 für 96.

Auch wenn es Kjaer und Co. zunächst nicht wahrhaben wollen: Der Treffer ist völlig regulär, denn der Ball war zuvor nicht vollständig, das heißt mit seinem vollen Durchmesser, über die Seitenlinie ins Aus gerollt. Es reicht nicht, wenn das Leder zum überwiegenden Teil oder gar zu 99 Prozent im Aus ist – es müssen 100 Prozent sein.

Für Schiedsrichter-Assistenten gehören solche Szenen, direkt vor ihrer Nase, zu den schwierigsten. Sie müssen nicht nur aufpassen, ob der Ball im Aus ist oder nicht, sie müssen gleichzeitig auf mögliche versteckte Foulspiele und auf Abseitspositionen achten – drei Dinge auf einmal im laufenden Spiel bei eher ungünstiger Perspektive innerhalb kürzester Zeit: Wer das schon einmal gemacht hat, weiß, wovon hier geschrieben wird. Zudem muss man als Assistent cool bleiben, denn gerade in höchstkomplexen Situationen wie jene in der 3. Minute von Hannover, die maximale Konzentration erfordern, bekommt man auch noch aus Tausenden von Kehlen falsch vorgesagt: „Aus!“ – „Abseits“ – „Foul!“

Georg Schalk, der 46-jährige gelernte Journalist und stellvertretende Redaktionsleiter der Günzburger Zeitung, bleibt zum Glück cool und trifft mit seiner ganzen Erfahrung in dieser Drucksituation die richtige Entscheidung.

„Der Ball ist aus dem Spiel, wenn er auf dem Boden oder in der Luft eine der Tor- oder Seitenlinien vollständig überschreitet.“ Aus der Fußball-Regel Nummer 9 – Ball in und aus dem Spiel

Kurz zu zwei weiteren interessanten Szenen der ersten Halbzeit des Niedersachsen-Derbys. In der 34. Minute endet der erste Bundesliga-Einsatz des belgischen Abwehrspielers Sebastien Pocognoli genauso abrupt wie korrekt. Mit ausgestrecktem linken Bein und ohne Rücksicht auf Verluste springt der Neu-Hannoveraner in den Zweikampf und trifft Wolfsburgs Fagner mit der Sohle hart am Körper.

Schiedsrichter Günter Perl (Pullach) zögert keine Sekunde und zeigt Pocognoli den roten Karton. Für ein solch brutales, gesundheitsgefährdendes Einsteigen kann es nur den sofortigen Feldverweis geben – egal in welcher Spielklasse, egal in welcher Minute.

Sehr gut ist auch die Art und Weise, wie Günter Perl die rote Karte präsentiert: Konsequent, sicher und rasch. Dadurch beruhigt er die Situation sehr schnell und beugt möglichen Rudelbildungen zwischen aufgebrachten Wolfsburgern und Hannoveranern vor. Und auch in der 38. Minute, der dritten kniffligen Szene der ersten Halbzeit, liegt der 43-jährige Groß- und Außenhandelskaufmann von der Münchener Sportgemeinschaft von 1906 richtig:

Hannovers senegalesischer Nationalstürmer Mame Biram Diouf köpft den Ball zunächst an den Pfosten. Das Leder prallt zurück an Dioufs Oberarm, und von dort ins Netz. „Hand!!!“ schallt es durch die Arena.

Richtig, Hand war’s – aber eben kein strafbares Handspiel, sondern ein unabsichtliches. Bei der Bewertung, ob ein Handspiel absichtlich und damit zu pfeifen oder unabsichtlich ist, kommt es überhaupt nicht darauf an, ob der Ball die Richtung verändert oder ein Spieler, wie Diouf, durch ein unabsichtliches Handspiel einen Vorteil wie in der 38. Minute erhält.

Es geht schlichtweg darum, ob der Spieler aktiv mit dem Arm zum Ball geht oder die Arme und Hände unnatürlich hält, zum Beispiel ausgebreitet rechts und links vom Körper, um die Räume eng zu machen. Daher, ganz klar: Auch das 2:0 von 96 ist regulär und voll im Einklang mit dem Fußballregelwerk.

Die Sportschau und der Umfang des Balles

Übrigens, noch mal zur 3. Minute von Hannover und den Adleraugen von Assistent Georg Schalk: In der ARD-Sportschau ist tatsächlich davon die Rede, dass der Ball, Zitat, „vollumfänglich“ über die Linie gehen muss, um im Aus zu sein. Also, wie war das damals noch mal in Mathe mit Umfang, Durchmesser und Radius? Wer hat aufgepasst? Der Umfang eines Fußballes beträgt rund 70 Zentimeter. Das heißt, nach Meinung der Sportschau müsste sich der Ball 70 Zentimeter neben der Linie im Aus befinden, damit der Assistent die Fahne hebt. Das ist natürlich Quatsch. Der Radius ist der Halbmesser – das wäre zu wenig, da die Kugel, wie gelernt, vollständig über der Linie sein muss. Und daher ist der Durchmesser entscheidend. Alles klar?

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