CL-Finale Juve - Real: Warum Dr. Felix Brych und sein Team am Ende genau das erreichen, was sich ein Schiedsrichter nur wünschen kann

Irgendwann geht dann auch mal einer

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Die 84. Minute in einem Spiel voller Nickeligkeiten und Fouls: Juves Juan Cuadrado erhält nach seiner Unsportlichkeit von Dr. Felix Brych völlig zu Recht Gelb/Rot.

Cardiff. Als promovierter Jurist hat Felix Brych Tag für Tag Sachverhalte zu beurteilen, bei denen zu prüfen ist, ob sie legal oder illegal sind. In den fast 100 Minuten des Finales der Champions League zwischen Juventus Turin und Real Madrid, mit mehr als 40 Foulspielen und Vergehen, kommen illegale Sachverhalte im Minutentakt auf den 41-jährigen FIFA-Referee aus München zu.

Felix Brych, die Assistenten Mark Borsch und Stefan Lupp an den Seitenlinien, die FIFA-Schiedsrichter Marco Fritz und Bastian Dankert an den Toren, haben es mit einer ziemlich schwierigen Partie zu tun, bei denen die technisch eigentlich hochklassigen europäischen Top-Teams häufig eher den rustikalen Weg wählen.

Es gibt zahlreiche Duelle am Rande des Erlaubten, Fouls, Nickeligkeiten zwischen den Akteuren, verbale Scharmützel, Schauspieleinlagen. Felix Brych, seit 2004 in der Bundesliga und seit 2007 international im Einsatz, muss all seine Erfahrung und Qualitäten aufbringen, damit die Partie nicht aus dem Ruder läuft: Energische und zahlreiche Freistoß-Pfiffe, deutliche Kommunikation, bereits drei Gelbe Karten in der ersten Halbzeit – fünf weitere in Durchgang zwei, dazu ein berechtigter Feldverweis.

Auch wenn man vielleicht ein, zwei direkte Freistöße hätte mehr geben und ein, zwei Karten anders hätte verteilen können – im Fazit ist das große Ganze zu sehen, nicht die erbsenzählerische Analyse irrelevanter Einzelszenen: Das deutsche Referee-Quintett, unterstützt vom Vierten Offiziellen, dem erfahrenen FIFA-Elite-Referee Milorad Maic (44), Doktor der Wirtschaft aus Serbien, bringt ein schwer zu leitendes Spiel insgesamt gut über die Bühne, mithin das wichtigste Spiel Europas in dieser Saison. Das Schiedsrichter-Team erreicht, wie bereits die Kolleginnen zuvor im Frauen-Finale (s. Pfiff der Woche vom 2. Juni 2017), das größte Kompliment, das Schiedsrichter sich vorstellen können: Es ist während des Spiels und insbesondere danach kein Thema.

Intensiver debattiert wird Gelb/Rot für Juves Juan Cuadrado in der 84. Minute nach seiner Unsportlichkeit direkt vor Assistent Stefan Lupp (Zossen) – wobei Torrichter Marco Fritz (Korb) von allen den besten Blick auf die Szene hat. Gute Teamarbeit. Cuadrado tritt Reals Sergio Ramos nach einem Zweikampf auf den Fuß – es spielt keine Rolle, dass Ramos selbst kein Kind von Traurigkeit ist und etwas zu sehr (und wenig vorbildlich) den sterbenden Schwan markiert. Der bereits verwarnte Juve-Akteur begeht eine zweite Unsportlichkeit (glatt Rot ist sein Einsatz noch nicht) und muss daher mit Recht mit Gelb/Rot des Feldes verwiesen werden. Nebenbei: Zuvor hat Felix Brych bereits sieben gelbe Kartons gezückt – irgendwann geht dann auch mal einer.

Nach insgesamt fast 100 Minuten erfolgt der Abpfiff in Cardiff – und der „Pfiff der Woche“ holte unmittelbar nach Spielschluss einige Einschätzungen ehemaliger FIFA-Schiedsrichter und Spitzenfunktionäre ein, wie sie die Leistung von Felix Brych, Bibiana Steinhaus und ihren Teams bewerten, unter anderem von Deutschlands Schiedsrichter-Chefs Herbert Fandel und Lutz Michael Fröhlich.

„Mitten in den Fanlagern – kein Funken von Kritik“

Wie DFB-Spitzenfunktionäre die Leistung von Bibiana Steinhaus und Felix Brych erlebten

mh Cardiff. Die Chefs des deutschen Schiedsrichterwesens und ehemaligen FIFA-Referees, Herbert Fandel und Lutz-Michael Fröhlich, erreicht der „Pfiff der Woche“ vor Ort in Cardiff – ihre Reaktionen auf die Spielleitungen von Bibiana Steinhaus und Dr. Felix Brych sind einhellig. Der „Pfiff der Woche“ sprach auch mit weiteren ehemaligen Spitzen-Schiedsrichtern, wie sie die Leistung der deutschen Unparteiischen-Teams einordnen. Tenor: Keine einfachen Partien, aber die Schiedsrichter sind nach dem Schlusspfiff kein Thema – und so soll es aus Unparteiischen-Sicht nach jeder Begegnung sein.

„Immer auf Augenhöhe mit den Spielern“ – Herbert Fandel.

Herbert Fandel (Kyllburg, 53), Mitglied der UEFA-Schiedsrichterkommission und Vorsitzender des DFB-Schiedsrichterausschusses. Herbert Fandel leitete am 23. Mai 2007 das CL-Finale zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool (2:1) – an den Linien assistierten damals Carsten Kadach (Bienenbüttel) und Volker Wezel (Tübingen):  „Es war ein tolles Spiel mit einem Schiedsrichter, der dieses intensive Finale mit einem klaren und klugen Konzept geleitet hat. Ohne Nervosität war Felix Brych immer auf Augenhöhe mit den Spielern und wurde von diesen erstklassig akzeptiert. Die sehr gute Leistung von Felix steht für das ganze deutsche Schiedsrichterwesen.“

Lutz Michael Fröhlich (Berlin, 59),Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission Elite:  „Real Madrid gegen Juventus Turin war DAS Finale in den europäischen Klubwettbewerben der Saison. Es war nickelig, teilweise mit Haken und Ösen, und forderte enorm viel vom Referee-Team ab. Es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn man in Cardiff inmitten der Fußballfans beider Lager sitzt und am Ende niemand, aber auch wirklich niemand, auch nur einen Funken Kritik am Schiedsrichterteam äußert. Felix, aber auch Bibiana im Finale der Frauen, haben mit ihren Teams prima Leistungen gezeigt – eine tolle Visitenkarte für das deutsche Schiedsrichterwesen. Mein Dank gilt der UEFA-Schiedsrichterkommission, die durch ihre Ansetzungen eine hohe Wertschätzung für die Qualität unserer Unparteiischen zum Ausdruck brachte.“

Lutz Wagner (Hofheim, 54), DFB-Schiedsrichter-Lehrwart, leitete mehr als 330 Partien im Profibereich, davon rund 200 in der Bundesliga: „Nach solch einem Endspiel gilt es einfach nur, ein großes Lob auszusprechen und anzuerkennen, was Felix und sein Team auch für die deutschen Schiedsrichter geleistet haben. In einem derart hochintensiven Match ist ein Sezieren von für den Spielablauf unbedeutenden Einzelentscheidungen vorrangig nicht angebracht. Vielmehr gilt es, die äußerst souveräne Gesamtleistung zu würdigen. Die gilt genauso für Bibiana und ihr Team. Glückwunsch und großes Kompliment unseren zwei Top-Unparteiischen und ihren Teams.“

Karl-Heinz Gläser (Breitungen, 68), langjähriger DDR-Oberliga-Schiedsrichter und aufgrund seiner Qualität einer von fünf DDR-Unparteiischen, die nach der Wende auch Bundesliga pfiffen:  „Das wichtigste UEFA-Spiel des Jahres verlangt aus meiner Sicht zuerst eine Schiedsrichter-Leistung, die keinen negativen Einfluss auf den Spielausgang hat. Und das war zweifellos der Fall. Ganz stark waren Felix Brychs erste 30 Minuten, sicheres und souveränes Auftreten. Seine Zweikampfbewertung war etwas großzügig, aber dem Anlass angemessen. Es wird Zeit, dass endlich einmal gegen das Treten auf den Fuß angegangen wird, das nimmt auch in den unteren Spielkassen überhand. Was Ramos nach dem Foul abgezogen hat: ekelhaft – und das von einem, der selbst immer an die Grenzen des Vertretbaren und darüber hinaus geht, zum Beispiel vor Kurzem gegen Messi. Und so einer schmeißt sich hin…“

Walter Moritz (Haßfurt, 51), bayerischer Verbandsschiedsrichter-Obmann:  „Bei beiden CL-Finalspielen konnte man wieder die Qualität der  deutschen Schiedsrichter erkennen. Steinhaus und Brych haben mit ihren Leistungen ihre Normierungen mehr als gerechtfertigt. Bei beiden Spielen war letztendlich der Schiedsrichter kein Thema. Aus bayerischer Sicht freut es mich besonders, dass Felix und sein Team einen wirklich sehr guten Job gemacht haben, und dies war nicht immer einfach bei den vielen Showeinlagen der Akteure. Über dieses mangelnde Fairplay sollte man sich in Zukunft Gedanken machen.“

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2007 und 2017 gibt es sogar das bundesdeutsche Referee-Double

1955 startete der Europapokal der Landesmeister (seit 1992: Champions League), erster Sieger ist, wie 2017, Real Madrid. Vorläufer dieses internationalen Kräftemessens der Top-Vereinsmannschaften waren der Challenge-Cup (1897 bis 1911) und der Mitropa-Pokal (1927 bis 1940). Seit 2001 wird der Champions-League-Wettbewerb der UEFA auch bei den Frauen ausgetragen, zunächst noch unter dem Titel „UEFA Women’s Cup“.

Der Weltklasse-Schiedsrichter Albert Dusch (Kaiserslautern) ist nach dem Zweiten Weltkrieg der erste deutsche Referee, dem die Leitung eines solchen Finales übertragen wird (1959). Es folgten 1966 Rudolf Kreitlein (s. Pfiff der Woche vom 30. Juni 2014, https://www.az-online.de/sport/fussball/tapferes-schneiderlein-gelbe-karte-3665067.html) und 1967 Kurt Tschenscher (s. Pfiff der Woche vom 18. April 2016, https://www.az-online.de/sport/fussball/kurt-tschenscher-ersten-karton-praesentiert-6320981.html). Bei den Frauen ist es 2007 Christine Beck (heute: Christine Baitinger) aus Magstadt, welcher diese Ehre zuteil wird. Nicht zu vergessen: Die Unterstützung an den Linien durch die Assistentinnen und Assistenten. Insofern kann man durchaus von kleinen deutschen Nationalteams sprechen, die die heimischen Farben während der Endspiele vertreten. 2007 und 2017 gibt es sogar das Referee-Double: Beide CL-Endspiele, der Frauen und der Männer, werden von deutschen Unparteiischen geleitet: Vor einem Jahrzehnt von Christine Beck und Herbert Fandel, dieses Mal von Bibiana Steinhaus und Dr. Felix Brych.

Frauen:

21. April 2007 in Umeå, Hinspiel: Umeå IK - Arsenal LFC (0:1), SRin: Christine Beck, heute: Baitinger (Magstadt)

1. Juni 2017 in Cardiff: Olympique Lyon - Paris St. Germain (7:6 n.E.), SRin: Bibiana Steinhaus (Langenhagen)

Männer:

3. Juni 1959 in Stuttgart: Real Madrid - Stade Reim (2:0), SR: Albert Dusch (Kaiserslautern)

11. Mai 1966 in Brüssel: Real Madrid - Partizan Belgrad (2:1), SR: Rudolf Kreitlein (Fürth)

25. Mai 1967 in Oeiras: Celtic Glasgow - Inter Mailand (2:1), SR: Kurt Tschenscher (Mannheim)

24. Mai 1989 in Barcelona: AC Mailand - Steaua Bukarest (2:1), SR: Karl-Heinz Tritschler (Freiburg)

20. Mai 1992 in London: FC Barcelona - Sampdoria Genua (1:0 n.V.), SR: Aron Schmidhuber (Ottobrunn)

20. Mai 1998 in Amsterdam: Real Madrid - Juventus Turin (1:0), SR: Hellmut Krug (Gelsenkirchen)

28. Mai 2003 in Manchester: AC Mailand - Juventus Turin (3:2 n.E.), SR: Dr. Markus Merk (Otterbach)

23. Mai 2007 in Athen: AC Mailand - FC Liverpool (2:1), SR: Herbert Fandel (Kyllburg)

3. Juni 2017 in Cardiff: Juventus Turin - Real Madrid (1:4), SR: Dr. Felix Brych (München)

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