Warum die Platzverweise von Köln und Mainz für den Fußballsport verdammt wichtig sind

Notbremse, Strafstoß, Rot – gut so!

Das farbige Ende einer Notbremse im RheinEnergie-Stadion: Schiedsrichter Jochen Drees schickt den Kölner Miso Brecko konsequent vom Platz. Fotos: dpa

Köln/Mainz/Uelzen. Oje, das Aufjaulen nach dem 19. Spieltag ist wieder groß in der Fußball-Bundesliga – und in allen Ligen darunter. „Ja, klar, der Strafstoß war wohl berechtigt. Aber muss Kölns Brecko dann auch noch vom Platz fliegen?“ So klingt es in der 78. Spielminute aus Köln, als Schiedsrichter Dr. Jochen Drees nach dem Foul von Geißbock-Verteidiger Brecko an Schalkes Draxler auf den Punkt deutet und sofort den roten Karton zückt.

„Ja, ja, eine Notbremse war es. Aber dann auch noch Rot für Freiburgs Diagné? Reicht da nicht Gelb?“ So tönt es aus Mainz, wo Schiedsrichter Markus Schmidt nach dem Foul von Diagné in der 4. Minute am Mainzer Szalai nicht nur auf Strafstoß entscheidet, sondern beim 3:1-Heimsieg der Tuchel-Truppe auch noch die rote Karte zeigt.

Haben Drees, der 41-jährige Arzt aus Münster-Sarmsheim, und Schmidt, der 38 Jahre alte Teamleiter aus Stuttgart, richtig gehandelt? Oder waren die Feldverweise überzogen? Auf dem Platz jedenfalls wissen in beiden Stadien alle Akteure und auch die Zuschauer sofort Bescheid. Außer den, sagen wir mal, „normalen Nachfragen“, die einen Schiedsrichter nach jeder Strafstoß-Entscheidung erreichen, gibt es überhaupt keine großartigen Proteste – alle wissen eben, warum es Rot gibt. Die Bundesliga-Routiniers Drees und Schmidt liegen eigentlich schon allein deswegen richtig, weil die Spieler auf dem Platz die Entscheidung akzeptieren.

Außerdem sind die Fakten eindeutig, ein Blick ins Regelwerk reicht: Wer einen Spieler foult und damit eine klare Torchance verhindert, fliegt vom Platz. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Foul ganz fies, nicht so fies oder nur gaaaaaaanz leicht ist. Und es ist ebenfalls völlig egal, ob das Foul im Strafraum passiert oder einen Millimeter davor.

Jochen Drees vom SV Münster-Sarmsheim (seit 2005 Erstliga-Referee) und Markus Schmidt vom SV Sillenbuch (seit 2003 im Fußball-Oberhaus) haben also völlig richtig entschieden. Und die FIFA hat sich bei dieser Notbremsen-Regel auch etwas gedacht. Es geht überhaupt nicht darum, möglichst viele rote Karten zu sehen. Es geht – ganz im Gegenteil und völlig richtig – darum, dass möglichst viele Tore geschossen werden.

Daher meint die FIFA sehr schön praxisbetont: Wenn ein Verteidiger damit rechnen muss, nach einem Foul vom Platz zu fliegen, dann foult er auch weniger. Diese Rechnung ist bislang voll und ganz aufgegangen: Die Verteidiger ziehen einmal öfter zurück, und es fallen mehr Tore. Auch andere Regeländerungen in den vergangenen Jahren haben und hatten nur diesen einen Sinn: Wir wollen ein schnelleres Spiel und dadurch mehr Tore sehen! Zum Beispiel, dass der Torwart nicht mehr jeden Ball mit den Händen aufnehmen darf. Oder die Verwarnung für das unsportliche Ballwegkicken nach einem Freistoßpfiff. All dies und noch viel mehr hat den Fußballsport attraktiver gemacht.

KOMMENTAR

Wo DFB und DFL irren

Von Marco Haase

Es ist bedauerlich, dass sich ausgerechnet der mächtige Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit nachhaltiger Unterstützung (oder auf Druck) der Deutschen Fußball-Liga (DFL) beim Weltverband dafür einsetzt, dass die Notbremsen-Regelung für den Strafraum geändert wird. „Gelb“ würde dort doch ausreichen.
Attraktiver macht das den Fußballsport sicherlich nicht, weil die Verteidiger dann sicherlich einmal mehr foulen, wenn sie nicht damit rechnen müssen, für die unfaire Attacke vom Platz zu fliegen – und dadurch fallen weniger Tore.
Das Argument des ehemaligen Weltklasse-Schiedsrichters Hellmut Krug, dass eine solche Regeländerung in der Praxis weniger Probleme für „uns Unparteiische“ bringe, ist ein hehres Motiv; allerdings gibt es bei jeder Strafstoß-Entscheidung die eine oder andere Diskussion – mit und ohne Gelb oder Rot. Das weiß auch Krug, der in seiner erfolgreichen Karriere als einer der besten Unparteiischen, die wir in Deutschland hatten, genug Strafstöße geben musste. Diskussionen entstanden dabei immer, ob mit oder ohne Karte.
Und bei den beiden Feldverweisen an diesem Bundesliga-Wochenende gab es, wenn man sich die Bilder anschaut, für die beiden sehr gut leitenden Referees Jochen Drees und Markus Schmidt keinerlei Probleme. Insofern sollte die FIFA standhaft bleiben und den DFB-Antrag – im Sinne eines attraktiven Fußballsports – ablehnen. Und die Verteidiger sollten einfach weniger foulen. Dann fallen mehr Tore.

Marco Haase vom SV Holdenstedt ist Schiedsrichter-Referent beim Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV). Nach jedem Spieltag in der Fußball-Bundesliga beleuchtet der 41-jährige ehemalige Spitzen-Schiedsrichter exklusiv in der AZ und schonungslos den „Pfiff der Woche“.  Haase erklärt, ob sich Fußball-Deutschland zu Recht oder Unrecht über die Schiedsrichterentscheidung aufregt.

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