Wolfsburg - Bayern: Warum Gustavos Beinahe-Handgreiflichkeit gegen Schiedsrichter Zwayer nicht folgenlos bleiben darf

„Der DFB muss ein Zeichen setzen!“

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Die unrühmliche 78. Minute von Wolfsburg: VfL-Kapitän Luiz Gustavo (3.v.l.) möchte Schiedsrichter Felix Zwayer auf die Pelle rücken. Der Unparteiische bleibt cool – und die Spieler beider Mannschaften besorgen den Rest.

Wolfsburg. Beim 0:6 des heimischen VfL Wolfsburg gegen den nun frischgebackenen neuen deutschen Meister FC Bayern München beginnt in der 78. Minute eine Szene, die in kaum einer anderen Sportart denkbar wäre; sie verdeutlicht einmal mehr, welch immensen Nachholbedarf der Fußballsport in puncto Fairplay hat.

Hinein in die Szene: Thomas Müller erobert im Duell mit Maxi Arnold erlaubt hart, aber fair, den Ball; Bayerns Renato Sanches zieht im Mittelfeld auf und davon und ist gerade dabei, einen aussichtsreichen Angriff der Münchener einzuleiten – auf Rechtsaußen wartet Kollege Arjen Robben auf das Zuspiel. Doch bevor es dazu kommt, stellt sich Gustavo in den Weg, und Sanches prallt hart auf den Wolfsburger auf. Regeltechnisch ein klares Foul: kein ball-, sondern ein gegnerorientierter Einsatz. In der zuständigen Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) gilt Gustavos Attacke als Sperren mit Körperkontakt und fahrlässiges Rempeln. Zudem bolzt der ob des Spielverlaufs ziemlich frustrierte Gustavo (es steht zu diesem Zeitpunkt bereits 0:4) das Leder deutlich nach dem Freistoß-Pfiff 20 Meter weg in Richtung Werbebande. 

Drei Vergehen auf einmal 

Fußball-Regelfüchse ahnen es bereits: In dieser Situation steckt mehr drin als nur das Foul. Genau, insgesamt erlaubt sich Gustavo drei Vergehen. Nummer 1: Sanches wird abgeräumt. Direkter Freistoß. Nummer 2: Ein aussichtsreicher Angriff wird durch ein Foul unterbrochen – das gilt regeltechnisch als Unsportlichkeit und muss zwingend mit Gelb geahndet werden. Nummer 3: Gustavo kickt die Kugel nach dem Freistoß-Pfiff auch noch weg. Auch dafür muss zwingend der gelbe Karton kommen. Macht in der Summe Gelb/Rot für Gustavo. Denn: Wenn sich ein Akteur nach einem verwarnungswürdigen Foul (Angriff unterbrochen) unmittelbar danach ein weiteres Vergehen erlaubt (Ballwegschießen), zieht der Referee erst Gelb, dann Gelb/Rot. 

In der 78. Minute von Wolfsburg ist der Feldverweis per Gelb/Rot indes noch klarer, denn Gustavo hatte sich bereits in der 19. Minute eine berechtigte Verwarnung eingefangen, wie die Gelbe Karte im Fachjargon auch genannt wird. Nach einer korrekten Freistoß-Entscheidung redet der Kapitän der Wölfe, warum auch immer, derart intensiv auf Schiedsrichter Zwayer ein, dass er bereits dafür eine persönliche Strafe kassieren müsste. Durch den Freistoß fällt das erste Tor der Bayern durch David Alaba – und Gustavo hört gar nicht auf zu reklamieren, verfolgt den Referee regelrecht. Die Gelbe Karte ist daher zwingend, denn in den Regeln heißt es unauslegbar: „Jeder Spieler, der gegen eine Schiedsrichter-Entscheidung protestiert, wird verwarnt.“ In diesem Satz steckt kein Ermessen. Und möglicherweise wäre es langfristig für die Attraktivität des Fußballs besser, wenn diese Norm konsequent in allen Klassen durchgesetzt würde. 

Aus der Fußball-Regel Nummer 12 (Fouls und unsportliches Betragen): „Jeder Spieler, der gegen eine Schiedsrichter-Entscheidung protestiert, wird verwarnt.“ „Ein Spieler ist wegen unsportlichen Betragens zu verwarnen, wenn er ein Foulspiel oder ein Handspiel begeht, um einen aussichtsreichen Angriff zu verhindern oder diesen zu unterbinden.“ „Der Schiedsrichter verwarnt jeden Spieler, der die Spielfortsetzung verzögert, indem er den Ball wegträgt oder wegschießt […], nach dem der Schiedsrichter das Spiel unterbrochen hat.“ „Feldverweiswürdige Vergehen: Anstößige, beleidigende oder schmähende Äußerungen und/oder Gesten.“

Fazit: Der Feldverweis mit Gelb/Rot in der 78. Minute, der eine Vorgeschichte in der ersten Halbzeit hat, ist absolut zwingend. Was sich Luiz Gustavo danach erlaubt, hat für den gesamten Fußballsport eine ziemlich miese Außenwirkung. Höhnisch-aggressiv applaudierend will der Wolfsburger auf den Unparteiischen losgehen, der übrigens sehr gut reagiert: Felix Zwayer, der 35-jährige Immobilienkaufmann vom SC Charlottenburg mit Champions-League-Erfahrung, bleibt ruhig und gelassen, beobachtet die Situation, dreht sich souverän, nicht flüchtend, von Gustavo weg. Wenn der Wolfsburger nicht bereits vom Feld verwiesen worden wäre, dann hätte er für sein beleidigendes, schmähendes, bedrohendes Verhalten, das regeltechnisch als grobe Unsportlichkeit zu werten ist, die Rote Karte kassieren müssen. So erhält Luiz Gustavo die beiden einzigen Kartons der insgesamt fairen Partie: einmal Gelb, einmal Gelb/Rot. 

„… für eine längere Sperre sorgen“ 

Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Harder aus Lüneburg, der zwischen 1988 und 1994 im Fußball-Oberhaus aktiv war und an diesem Dienstag seinen 70. Geburtstag feiert (Glückwunsch!), nimmt im Gespräch mit dem „Pfiff der Woche“ nach dieser unrühmlichen Szene den Verein und die DFB-Spielinstanz in die Pflicht, damit Gustavos Verhalten als Negativ-Beispiel nicht in die Amateurspielklassen ausstrahlt – nach dem Motto: Wir müssen die Autorität des Unparteiischen nicht anerkennen. Manfred Harder: „Gustavos Verhalten ist unmöglich und muss von seinen Vorgesetzten im VfL Wolfsburg geahndet werden. Auch der DFB hat hier einmal ein Zeichen zu setzen und müsste für eine längere Sperre sorgen.“ Schaun mer mal, ob dieses Signal mit Blick auf Fairplay und Vorbildfunktion nachhaltig gesetzt wird. 

Privilegien für den Käpt’n? 

Aus der Fußball-Regel Nummer 3 (Spieler): „Der Kapitän/Spielführer genießt weder einen Sonderstatus noch Privilegien, trägt aber eine gewisse Verantwortung für das Verhalten seines Teams.“ „Ein Spieler jeder Mannschaft ist der Spielführer (Teamkapitän). Obwohl er für das Benehmen seiner Mannschaft verantwortlich ist, genießt er keine Sonderrechte.“

In Teilen der Fußballszene herrscht die Ansicht, die Mannschaftsführer genössen gegenüber ihren Teamkollegen möglicherweise irgendwelche Privilegien. Mitnichten. Das Fußball-Regelwerk stellt sogar an zwei Stellen klar, dass der Kapitän vielmehr für das sportliche Verhalten seiner Elf verantwortlich ist, aber keinen Freifahrtschein dafür hat, den Schiedsrichter vollzutexten. Möglicherweise hat das Luiz Gustavo bisher falsch verstanden. Sinnvoll ist es, wenn in einem Team möglichst derjenige die Binde trägt, der nicht nur einen guten Einfluss auf seine Mitspieler hat, sondern auch besonnen, ruhig und fair mit dem Unparteiischen kommunizieren kann, gerade in Stress-Situationen. Auf Bayern-Seite ist Philipp Lahm grundsätzlich so ein Typ. Für die Unparteiischen in der Praxis gilt: Wenn es Redebedarf gibt, und der Spielführer ist ein eher schwieriger Charakter, dann suche ich mir einen vernünftigen Akteur, um bestimmte Botschaften zu setzen. Mindestens einen gibt es auf jeder Seite immer.

Dauerthema Fairplay 

Das Thema „Fairplay“ ist aufgrund regelmäßiger unschöner Vorkommnisse immer wieder Thema im „Pfiff der Woche“ – zum Beispiel in den Kolumnen„Diese Anti-Vorbilder müssen geächtet werden“ sowie „Fußball wird leider zur Nebensache“. Kritisch beleuchtet wird auch der Anteil der Fußball-Schiedsrichter an dieser Entwicklung: „Sind die Referees viel zu lasch?“. Dass sich der Fußballsport selbst beim Rugby mindestens eine Scheibe abschneiden kann, wurde nicht nur im „Pfiff der Woche“ schon beleuchtet („Was Andreasen vom Rugby lernen kann“), sondern beschäftigt mittlerweile auch die FIFA. Deren technischer Berater und ehemalige Weltklasse-Stürmer Marco van Basten brachte es Ende 2016 bei der BBC auf den Punkt: „Es gibt mittlerweile viele Spieler, die sich während eines Spiels beschweren. Das Verhalten der Spieler könnte besser sein. Wir denken darüber nach, es wieder in die richtige Richtung zu lenken." Möglicherweise ein Anfang, damit sich der Fußball wieder auf das Wesentliche konzentriert: Das Runde soll ins Eckige.

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