Eintracht Braunschweig - VfL Wolfsburg: Mit welchen Mitteln Referee Stieler ein sehr schwer zu leitendes Spiel im Griff behält

Motto: Vorteil – eher nein

+
Die umkämpfte Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig bedeutete für das Schiedsrichtergespann Schwerstarbeit.

Ein derzeit im DFB-Bereich aktiver Spitzen-Schiedsrichter, der die Relegation auf dem heimischen Sofa verfolgt, bringt es spontan via WhatsApp-Nachricht an den „Pfiff der Woche“ auf den Punkt: „Ein Wahnsinns-Spiel“.

Braunschweig. Bei der Beurteilung der Schiedsrichter-Leistung spielt der Schwierigkeitsgrad des Spiels eine Rolle. Und wenn es in dieser Saison eine extrem schwierig zu leitende Partie gibt, dann ist es das Relegations-Rückspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg (0:1). 

Das Team mit FIFA-Referee Tobias Stieler (Hamburg), den Assistenten Sascha Thielert (Buchholz in der Nordheide) und Dr. Matthias Jöllenbeck (Müllheim im Hochschwarzwald) sowie dem Vierten Offiziellen, dem Bundesliga-Unparteiischen Patrick Ittrich aus Hamburg, muss im Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße alle Qualitäten abrufen, um dieses knifflige Duell im Griff zu behalten. Insbesondere nach der falschen Beurteilung zweier Handspiele im Hinspiel richten sich alle Augen auf jeden noch so klitzekleinen Pfiff des Schiedsrichters – allein dieser Umstand macht es für einen Unparteiischen sehr schwer, mehr Druck geht nicht. Und wenn dies nicht genügte – der „Pfiff der Woche“ hat für diese Partie insgesamt zwölf Faktoren herausgearbeitet, die dieses Spiel zu einer Herausforderung ersten Grades machen (siehe unten). 

Tobias Stieler fährt eine klare, erkennbare und berechenbare Linie.

Der Grundstein für die ausgezeichnete Spielleitung, die von allen Beteiligten akzeptiert wird, liegt in Tobias Stielers Linie – Motto: „Vorteil eher nein“. Der Unparteiische leitet enger, kleinlicher, weil er sofort erkennt, dass es beiden Teams nicht immer um den Ball, sondern auch um die Beine des Gegners geht. Weniger ballorientierter, mehr gegnerorientierter Einsatz, wie es im Fachjargon heißt. Und wenn man dann als Referee zu großzügig agiert, verliert man rasch die Spielkontrolle. 

Mit entscheidend: Die wichtigen Entscheidungen sitzen. Stürmerfouls, Foul und Abseits vor vermeintlichen Treffern, Gelbe Karten zum richtigen Moment, ein völlig korrekter Feldverweis mit Gelb/Rot. Tobias Stieler tritt dabei souverän und mit einer glaubwürdigen, sicheren Körpersprache auf – entschärft mit dieser seiner Persönlichkeit auch schnell die beiden größeren Rudel, die sich auf dem Platz bilden. Es ist Schwerstarbeit für den 35-jährigen Juristen von der SG Rosenhöhe (im hessischen Offenbach am Main), den es beruflich nach Hamburg verschlagen hat, der seit 2012 in der Bundesliga und seit 2014 auch international amtiert. 

Der erfahrene Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich war präsent an der Seitenlinie.

Schwerstarbeit auch für die Assistenten, die Adleraugen Sascha Thielert und Dr. Matthias Jöllenbeck an den Linien, insbesondere für den Vierten Offiziellen: Nicht von ungefähr hat der DFB mit Patrick Ittrich einen Bundesliga-Referee an die Bänke gestellt, der insbesondere mit dem fairnessmäßig nicht immer einfachen Braunschweiger Trainer Torsten Lieberknecht den einen oder anderen intensiven Dialog pflegt. Der 38-jährige Polizeibeamte vom Mümmelsmannsberger SV agiert erkennbar präsent an der Seitenlinie, beobachtet das Geschehen auch bei Strafraumszenen genau und trägt dadurch mit dazu bei, dass diese Partie nicht aus dem Ruder läuft. Dieses Niedersachsen-Duell ist ein weiterer Beleg dafür, warum die Erfindung des Vierten Offiziellen eine ziemlich gute Idee gewesen ist. 

Von Marco Haase

-----

Warum das Niedersachsen-Derby so schwer zu leiten ist:

1. Der normale mediale Wahnsinn bei den Spielen im Profibereich: Kein Millimeter ohne Kamera und Zeitlupe.

2. Die Relegation an sich – es geht um den letzten Bundesliga-Platz.

3. Die Ausgangslage: Es ist das Entscheidungsspiel, und nach dem knappen Hinspiel-Resultat ist für beide Mannschaften alles drin.

4. Der Spielort: Braunschweig. Das Team hat das Hinspiel mit 0:1 verloren und wird im Rückspiel zu Hause alles versuchen, über die Grenzen des Erlaubten hinaus.

5. Das Niedersachsen-Derby: Wenn man die schnellste Route mit dem Auto über die A2 und A39 wählt, sind Eintracht-Stadion und VW-Arena nur 40,9 Kilometer entfernt.

6. Das Risiko-Spiel: Die Fan-Lager mögen sich nicht unbedingt – Hochspannung auch für die niedersächsische Polizei, zumal es im Hinspiel gewalttätige Auseinandersetzungen gab.

7. Natürlich die umstrittene Strafstoß-Entscheidung im Hinspiel. Alle Augen, alle Kameras blicken nun auf Tobias Stieler und sein Team, auf jede einzelne kleine Entscheidung – mehr Druck geht nicht.

8. Die extrem kampfbetonte Spielweise beider Mannschaften: Der Referee verhängt 24 direkte Freistöße allein in der ersten Halbzeit. Die Zahl reicht bei einem normal zu leitenden Spiel für ein bis anderthalb Begegnungen insgesamt. Hinzu kommen weitere 20 Freistöße im zweiten Durchgang.

9. Der Braunschweiger Trainer Torsten Lieberknecht, der generell sehr emotional an der Seitenlinie agiert und diese Emotionen auch auf den Platz überträgt.

10. Einige für den Unparteiischen schwierig zu beurteilende Einzelszenen, vor allem versteckte Stürmerfouls im Strafraum (kein Tor für den VfL in der 39. Minute), auch die Rudelbildung in der 75. Minute, das Abseits in der 83. (kein Tor für den VfL, gut gesehen von Dr. Matthias Jöllenbeck an der Linie).

11. Notwendige unpopuläre Entscheidungen gegen den Heimverein, etwa der Feldverweis mit Gelb/Rot wegen wiederholten Fouls in der 82. Minute.

12. Einige Chaoten im Publikum (Fußball-Fans wollen wir sie nicht nennen), welche die Atmosphäre mit verbotenen Böllern weiter anheizen (und sich auch nach dem Schlusspfiff daneben benehmen).

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare