Lyon - Paris: Was eine Torfrau (nicht) darf / Knifflige Szene für Bibiana Steinhaus

Hat sie? Oder hat sie nicht?

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Werbung für die Schiedsrichter-Tätigkeit: Bibiana Steinhaus, hier verwarnt sie die Pariserin Laura Georges, zeigt eine erfreuliche Spielleitung.

Cardiff. Das gab’s in der Fußball-Historie in dieser Form zuvor noch nie, und es ist eine Auszeichnung für die international anerkannte und geschätzte Qualität deutscher Referees: Beide Endspiele der Champions League in einer Saison, sowohl der Frauen als auch der Männer, werden von deutschen Unparteiischen geleitet. Zudem: Beide steigen innerhalb kürzester Zeit im selben Stadion, nämlich in der Hauptstadt von Wales, in Cardiff.

Der nächste deutsche Endspiel-Referee: Dr. Felix Brych (Mitte) leitet heute das CL-Männer-Finale zwischen Juventus Turin und Real Madrid, ebenfalls in Cardiff. Mit dabei, wie hier bei der Euro 2016 im Viertelfinale zwischen Polen und Portugal, sind die Assistenten Mark Borsch (rechts) und Stefan Lupp.

Den Anfang machte am Donnerstagabend Bibiana Steinhaus aus Langenhagen bei Hannover im brisanten französischen Derby zwischen Olympique Lyon und Paris Saint Germain (7:6 n. E. ). Und am Sonnabend, 3. Juni, folgt Dr. Felix Brych aus München mit Juventus Turin gegen Real Madrid. Dabei hat es Bibiana Steinhaus, seit 2007 in der zweiten Liga der Herren im Einsatz und in der kommenden Saison – weltweit einmalig – auch in der höchsten Profiklasse, in der 34. Minute mit einer kniffligen Torfrau-Szene zu tun, die jeden Schiedsrichter-Ausbilder und Lehrwart erfreuen wird: Eine wunderbare Situation für jede Regelkunde. Die Frage: Hat Lyons Keeperin Sarah Bouhaddi den Ball illegalerweise zweimal mit den Händen berührt, und hätte es somit eigentlich den indirekten Freistoß für Paris St. Germain geben müssen? Hat sie? Oder hat sie nicht?

Damit sind wir beim Thema, was eine Torhüterin alles darf, und was nicht. Sarah Bouhaddi hat den Ball aus dem laufenden Spiel nach einem Eckstoß gefangen. Nun darf sie das Leder etwa sechs Sekunden in den Händen halten, bevor sie es wieder loslassen muss. In dieser Zeit darf sie den Ball in die Luft werfen, auf den Boden prellen, so viele Schritte machen, wie sie möchte, oder die Kugel einfach nur festhalten.

Hat die Torfrau den Ball indes gefangen und gibt ihn wieder frei, sprich: lässt ihn los, wirft oder schlägt ihn ab, dann darf sie das Leder erst dann wieder mit den Händen berühren, wenn zuvor eine andere Spielerin dran war – in der Regel eine gegnerische Akteurin. Auch eine Mitspielerin kann das sein – dabei darf es sich allerdings nicht um einen absichtlichen Pass handeln (auch dann gäbe es den indirekten Freistoß), sondern muss eine unabsichtliche Aktion, beispielsweise ein Querschläger, sein. Kompliziert? Nein, ganz einfach: Die Torfrau darf die gefangene Kugel nach der Freigabe einfach nicht zweimal berühren.

Aber was macht Bouhaddi nun in der 34. Minute? Ist es ein erlaubtes Aufprellen auf den Boden, das nicht als Freigabe gewertet wird? Schwer zu erkennen (der „Pfiff der Woche“ brauchte einige Zeitlupen, um sicher zu sein) – insofern kein Vorwurf an das deutsche Schiedsrichterinnen-Team mit Bibiana Steinhaus, den Assistentinnen Christina Biehl (Siesbach) und Katrin Rafalski (Bad Zwesten) sowie der Vierten Offiziellen, Dr. Riem Hussein (Bad Harzburg), das eine gute und sehenswerte Spielleitung zeigt und Werbung für die Tätigkeit der Referees macht.

Torfrau Bouhaddi prellt den Ball nicht auf, sondern gibt ihn frei. Ein Beleg dafür ist ihre Handhaltung, sie lässt das Leder auf den Boden fallen und hätte jetzt nur noch mit dem Fuß agieren können. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr die Kugel entgleitet oder sie gewollt losgelassen wird – es ist regeltechnisch eine Freigabe. Auch die Blickrichtung der Torhüterin signalisiert: Ich habe den Ball freigegeben, möchte ihn jetzt aber wieder ganz schnell aufnehmen, weil der Abwurf die bessere Entscheidung gewesen wäre. Geschickt ist es, wie die Keeperin ihren illegalen Einsatz verkauft und das Leder ganz schnell über den Kopf abwirft, als sei nichts gewesen.

Insgesamt zeigt Bibiana Steinhaus indes, warum sie die derzeit weltbeste Unparteiische ist. So setzt die 38-jährige Polizeibeamtin, die seit 1999 DFB-Schiedsrichterin ist und bis dato 80 Begegnungen in der zweiten Liga leitete, in den ersten zehn Minuten notwendige Zeichen und Grenzen. Hier versuchen beide Teams deutlich mit dem einen oder anderen Foul, auszutesten, wie weit sie gehen können. Nach einigen Freistoß-Pfiffen und deutlichen Ermahnungen, taktisch klug auch vor der Ausführung eines Eckstoßes bei ein wenig Strafraum-Gewühl, haben Lyon und Paris kapiert: Heute halten wir uns besser an die Regeln, sonst bekommen wir mit der aufmerksamen Unparteiischen Stress, die nicht nur wirksam kommuniziert, sondern zudem ein ganz ausgezeichnetes Laufvermögen und Stellungsspiel zeigt. Bei wichtigen Szenen, speziell im Strafraum, ist Bibiana Steinhaus ganz dicht vor Ort; auch deshalb nimmt man ihr jede Entscheidung ab.

Diese gelungene Performance sollte Felix Brych, seinen Assistenten Mark Borsch (Mönchengladbach) und Stefan Lupp (Zossen) sowie dem Vierten Offiziellen, Milorad Maic aus Serbien, die nötige Energie für das Endspiel der Herren geben, dem nicht minder brisanten Klassiker zwischen Juventus und Real.

Von Marco Haase

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