Bayern - Wolfsburg: Warum in der 25. Minute allein aus fußballpädagogischen Gründen Rot angebracht gewesen wäre

Von leichten Schlägen auf den Hinterkopf

Wolfsburgs Diego (r., hier gegen Bayerns Franck Ribéry) musste in der 25. Minute einen leichten Schlag gegen den Hinterkopf einstecken – und war in der Situation nicht völlig unschuldig.
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Wolfsburgs Diego (r., hier gegen Bayerns Franck Ribéry) musste in der 25. Minute einen leichten Schlag gegen den Hinterkopf einstecken – und war in der Situation nicht völlig unschuldig.

München/Wolfsburg. Die Aufreger-Szene des 7. Bundesliga-Spieltags passiert in der 25. Minute der Partie zwischen dem FC Bayern München und dem VfL Wolfsburg (1:0). Plötzlich landen Bastian Schweinsteigers Hände an Diegos Hinterkopf – und der Wolfsburger geht, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. Schiedsrichter Bastian Dankert aus Rostock, seit 2012 in der ersten Liga im Einsatz, zückt für den Bayern den gelben Karton. Diegos Kollege, Ex-FCB-Stürmer Ivica Olic, hätte für seinen ehemaligen Mitspieler Schweinsteiger gern die Rote Karte gesehen. Hat der kroatische Top-Angreifer Recht?

Hier nun der Blick auf die regeltechnisch hochinteressante Situation, bei der man exakt hinschauen sollte, um die Feinheiten zu entdecken: Einwurf für Wolfsburg in der Münchener Spielfeldhälfte, rechte VfL-Außenbahn. Christian Träsch führt aus. Diego erhält die Kugel, spielt sie zurück zu Träsch. Und genau jetzt beginnt die Szene, die mit Schweinsteigers unbeherrschtem Stoßen endet. Der Münchener eilt von hinten heran, will nach dem Wolfsburger Einwurf den ballführenden Diego attackieren – und nach dessen Pass dann eigentlich weiter zu Träsch laufen, der das Leder wieder am Fuß hat. Diego bemerkt dies und sieht ganz genau, dass Schweinsteiger von hinten naht und gern am Wolfsburger Mittelfeldzauberer vorbeilaufen möchte.

In diesem Augenblick beginnt der erste regelwidrige Einsatz, und zwar von Diego selbst. Für den Unparteiischen entscheidend ist die Blickrichtung des Spielers: Schaut der Akteur im Zweikampf mit seinem Gegenspieler auf den Ball, gilt sein ganzer Einsatz einzig und allein dem Ball, ist meist alles in Ordnung. Geht der Blick des Spielers aber nicht Richtung Ball, sondern nur auf den Gegner, muss der Referee aufpassen: Denn nun ist es wahrscheinlich, dass der Akteur nicht den Ball, sondern den Gegner attackieren will. Diego macht das geschickt. Er blickt kurz zurück, sieht Schweinsteiger und stellt sich dem Bayern in den Weg, damit dieser nicht vorbeikommt. Dazu benutzt der Wolfsburger auch ganz kurz seinen linken Arm, und es kommt zum leichten Kontakt mit dem Münchener. Regeltechnisch ist dies ein Halten, also ein direkter Freistoß für den FC Bayern. Die Betonung liegt auf regeltechnisch. In der Praxis werden solche leichten Foulspiele oft deshalb nicht abgepfiffen, weil sich keiner darum schert oder sich eine Vorteilssituation ergibt.

Für die 25. Minute ist dieses erste Vergehen, in dem es Diego nur darum geht, den Gegner regelwidrig vom – weit entfernten – Ball fernzuhalten, wichtig. Denn Schweinsteiger ist genervt und revanchiert sich, indem er Diego mit beiden Händen an den Hinterkopf stößt. Und – leichtes Foul von Diego hin oder her: Dieses Stoßen, fernab des Balles, ist eine Rote Karte. Auch wenn Schweinsteiger vielleicht noch wegen einer Grätsche von Diego vier Minuten zuvor etwas angefressen ist – all das ist keine Entschuldigung für sein Verhalten. Für einen Schiedsrichter ist es übrigens eine Herausforderung, zwei Streithähne früh genug zu erkennen und deren Blutdruck durch geschickte Ansprachen wieder zu senken.

Zurück zu „Schweini“: Es ist keine schlimme grobe Unsportlichkeit, wie beispielsweise eine Ohrfeige, aber es ist eine grobe Unsportlichkeit, die er begeht, und dafür muss es den Feldverweis geben.

Keine gute Außenwirkung

Das Stoßgebet hat geholfen: Bastian Schweinsteiger wurde von Referee Bastian Dankert  nur mit Gelb bedacht.

Zumindest in diesem Spiel, in dem Schweinsteiger für den Moment seine Contenance verliert, sollte er nicht mehr mitmachen dürfen. Nicht nur aus regeltechnischen, sondern auch aus fußballpädagogischen Gründen: Wer einen Gegner derart attackiert, hat auf dem Platz nichts mehr zu suchen. Daraus müssen keine acht Wochen Sperre werden, da gibt es schlimmere Vergehen. Insofern ist der genaue Bericht des Schiedsrichters an die Spielinstanz wichtig, damit diese liest, dass es keine Brutalo-Grätsche gewesen ist.

Aber solch ein unbeherrschtes Stoßen von hinten an den Kopf des Gegners, weit weg vom Ball, ist Rot. Dass ein Spieler, der sich nicht im Griff hat, trotzdem weiterspielen darf und dies zur besten Sendezeit in der Bundesliga vor einem Millionen-Publikum an den Fernsehern geschieht, ist keine gute Außenwirkung für den Fußballsport – insbesondere in den Spielklassen des Jugendbetriebes, in denen zig Nachwuchs-Kicker genau beobachten, was sich ihre Stars auf dem Platz erlauben dürfen und was nicht.

Ohne Zeitlupe und Autopsie

• Fazit: (Hell-)Rot für Schweinsteiger (wegen des Stoßens), gelbe Karte für Diego (wegen seines ersten, provozierenden Vergehens, das man durchaus als Unsportlichkeit werten darf) sowie der direkte Freistoß für Bayern München (weil Diego zuerst foulte) – das wären die regeltechnisch sauberen Entscheidungen gewesen. Warum hat das Schiedsrichter-Team nicht so entschieden? Na, weil es die Wahrnehmung aus dem normalen, schnellen Spielverlauf hatte – ohne etliche Zeitlupen und Autopsien, wie wir es hier gerade betreiben. Referee Bastian Dankert blickte, etwa 20 Meter entfernt, von hinten auf die Szene – und von dort aus sah das Stoßen nicht ganz so schlimm aus.

Gleiches gilt für Assistent Markus Häcker und den Vierten Offiziellen Thorsten Schiffner. So unterbricht Bastian Dankert auch erst leicht verzögert nach einem Hinweis seiner Kollegen an den Seitenlinien, wie man am etwas verspäteten Pfiff bemerkt. Und entscheidet, aufgrund seiner Wahrnehmung logisch und folgerichtig, auf direkten Freistoß wegen Stoßens für Wolfsburg und Gelb für Schweinsteiger.

Hand? Abseits? Gelb? Rot? Fragen über Fragen – Marco Haase hat die Antworten. Der 42-jährige ehemalige Spitzen-Schiedsrichter vom SV Holdenstedt nimmt auch in der 51. Bundesliga-Saison, der „WM-Saison 2013/2014“, schwierige Situationen und die Entscheidungen der Unparteiischen im „Pfiff der Woche“ unter die Lupe. Marco Haase ist seit 26 Jahren Unparteiischer und ehrenamtlich als Beobachter, Coach und Schiedsrichter-Referent für den Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV) aktiv.

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