„Individuelle Klasse“ reicht nicht

Hamburger SV: „Bratwurst-Benno“ und Hobby-Berater „Stani“ geben HSV-Trainer Daniel Thioune ihren Senf dazu

Erst am 6. Juli 2020 wurde Daniel Thioune zum neuen Trainer des Hamburger SV. Schon bekommt der Ex-Coach vom VfL Osnabrück ein paar gute Ratschläge aus dem sympathischen Kollegenkreis. FC Sankt Pauli-Legende Holger „Stani“ Stanislawski und der ehemalige HSV-Übungsleiter Benno „Bratwurst-Benno“ Möhlmann geben ihren Senf dazu.

  • Hamburger SV*: Neu-Coach Daniel Thioune erhält Belehrungen.
  • Ex-FC Sankt Pauli*-Trainer Holger Stanislawski kritisiert HSV-Erwartungshaltungen.
  • Ehemaliger HSV-Übungsleiter Benno Möhlmann hält nichts von „Dreijahresplänen“.

Hamburg - Daniel Thioune wurde am Montag, 6. Juli 2020 als neuer Trainer des Hamburger SVs* vorgestellt. Er folgt auf den geschassten Ex-Trainer des HSVs, Dieter Hecking*, und soll die Rothosen im dritten Anlauf zurück in die 1. Fußball-Bundesliga zurückführen. Zunächst einmal hat der neue Übungsleiter an der Elbe* aber drei Wochen Urlaub, um sich auf die Herausforderung in der Hansestadt vorzubereiten. Belehrungen und Warnungen erhält der gebürtige Osnabrücker aber trotzdem schon. Diese stammen von Holger „Stani“ Stanislawski, lebende Legende vom Stadtrivalen FC Sankt Pauli*, und Benno Möhlmann, der selbst schon die Geschicke beim Klub mit der Raute im Vereinsemblem leitete.

Fußballspieler:Daniel Thioune
Geboren:21. Juli 1974 (Alter 45 Jahre), Georgsmarienhütte
Größe:1,8 m
Position:Mittelfeld
Bisherige Trainerstationen:Hamburger SV (Fußballtrainer, seit 2020), VfL Osnabrück (Fußballtrainer, 2017-2020)
Beitrittsdaten:2002 (VfB Lübeck), 1996 (VfL Osnabrück), 2004 (Rot Weiss Ahlen)

Hamburger SV: Neuer HSV-Coach Daniel Thioune erhält Belehrungen von Ex-FC Sankt Pauli-Trainer Holger Stanislawski und Ex-Rothosen-Übungsleiter Benno Möhlmann

Für den neuen HSV-Trainer Daniel Thioune ist die Marschroute eindeutig: erst der Urlaub, dann der Umbruch. Der 45-Jährige weilte Anfang Juli für zwei Tage in Hamburg*, um sich mit den Verantwortlichen der Rothosen auszutauschen und standardgemäße Foto- und Pressetermine wahrzunehmen. Inklusive der offiziellen Vorstellung des gebürtigen Osnabrückers, versteht sich. Danach verabschiedete sich Thioune in seine alte Heimat, um eine kräftezehrende Saison erstmal Revue passieren zu lassen.

Daniel Thioune, neuer Trainer des Hamburger SVs, erhält Ratschläge von Benno Möhlmann, ehemals Übungsleiter des HSVs, und Ex-FC Sankt Pauli-Coach Holger Stanislawski. (24hamburg.de-Montage)

Mit seinem Ex-Verein, dem VfL Osnabrück, konnte der einstige Mittelfeldspieler vergleichsweise souverän die Klasse halten und belegte in der Endabrechnung der Zweitligasaison 2019/2020 den 13. Tabellenplatz. 40 Punkte konnten die Niedersachsen letztendlich einheimsen, die sie auch gegen den ein oder anderen größeren, favorisierten Klub einfuhren. Darunter auch der HSV, gegen den die „Veilchen“ ungeschlagen blieben und vier Punkte holten. Die Rolle des Underdogs hat Thioune mit seinem Wechsel zum früheren Bundesliga-Dino jedoch eingebüßt.

Fortan muss der 45-Jährige mit einem hohen Erwartungsdruck umgehen können, der schon so manch gestandenen Trainer ins Straucheln gebracht hat - nicht zuletzt beim Hamburger SV. Nahezu alles und jeder steht auf dem Prüfstand, Spieler wie Kapitän Aaron Hunt*, Flügelflitzer Bakery Jatta*, der unlängst von einem „Bild“-Reporter gejagt wurde* oder Abwehrchef Rick van Drongelen*, der zunächst durch einen Kreuzbandriss ausfällt, müssen sich unter Thioune erneut beweisen. Und deutlich demonstrieren, dass Partien wie die blamable 1:5-Niederlage gegen Sandhausen* nur ein Ausrutscher waren. Denn anders wird die von den Fans sehnsüchtig erwartete Rückkehr ins Fußball-Oberhaus nicht zu bewerkstelligen sein.

Lang ist es her: 1995 hieß die HSV-Realität Benno Möhlmann (rechts), damaliger Cheftrainer, und Felix Magath - dessen Co-Trainer. (Archivbild)

Sollte auch der neue Coach der Rothosen wissen, der bei seiner offiziellen Vorstellung von „Demut“ sprach. Ein Wort, das auch Timo Schultz, neuer Trainer beim Stadtrivalen FC Sankt Pauli*, benutzte. Da hören die Parallelen aber auch schon auf. Wobei, zumindest ein Akteur mit Vergangenheit beim kultigen Kiezverein macht nun im Kontext vom Hamburger SV und Daniel Thioune von sich reden. Gemeint ist Holger Stanislawski, Kosename „Stani“, der zweimal mit dem Klub von der Reeperbahn* aufstieg und weiß, worauf es bei solch einem Vorhaben ankommt. Dies lässt er auch ganz offenherzig Daniel Thioune wissen.

Hamburger SV: Kiez-Legende Holger Stanislawski sieht zu hohe Erwartungshaltungen beim HSV - Daniel Thioune braucht „etwas Zeit“

„Er sagt zwar, dass er sich auf das Wesentliche, also auf den Fußball, konzentrieren will. Doch das ist leichter gesagt als getan. Der HSV ist anders. Ganz anders als Osnabrück. Er ist ein interessanter, aber auch sehr schwieriger, komplizierter Verein“, heißt es von Stanislawski im Interview mit der „Bild“-Zeitung. Er wolle den 45-Jährigen auf dessen neue „Arbeitsumstände“ hinweisen und sieht das große Problem beim Hamburger SV darin, „dass immer ganz viele Leute mitreden wollen. Da gibt es unzählige Strömungen, die man verstehen muss. Davon kann sich auch ein Trainer nicht freimachen“.

Exemplarisch hierfür ist HSV-Investor Klaus-Michael Kühne zu nennen, der seinen Herzensklub seit Sommer 2010 stets finanziell unterstützt hatte. Dies könnte jedoch ein jähes Ende finden, da der gebürtige Hamburger erwägt, seinen Support in Gänze einzustellen*. Bereits gewiss ist, dass er nicht weiterhin für die Namensrechte am „Volksparkstadion“ zahlen wird, wodurch die Rothosen aktuell mit einem Defizit von vier Millionen Euro pro Jahr planen müssen. Die Überlegung, die Namensrechte an zahlungskräftige Sponsoren zu verkaufen, stößt nur auf Unmut bei den Ultras des Vereins*.

Unverständnis hat hingegen Stanislawski für die hohe Erwartungshaltung beim Hamburger SV. „Wenn natürlich alle wieder den Aufstieg als MUSS am Ende der Saison sehen, dann haben sie keine Ahnung“, merkt der 50-Jährige an. Für ihn sei die Realität in Hamburg eine andere: „Thioune muss an seinem Fußball, den er spielen lässt, und der Qualität seiner Profis gemessen werden. Wenn du ihm etwas Zeit gibst, wird er auch unter den etwas anderen Bedingungen durch die Corona-Krise seinen Weg machen und dem HSV helfen können“.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Trainer-Veteran Benno Möhlmann, der von der „Bild“-Zeitung mal als „Bratwurst-Benno“ bezeichnet wurde. Der 65-Jährige hat schon den SV Werder Bremen* und den HSV trainiert und ist der Rekord-Coach in Liga zwei (520 Spiele). Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa), auf die das „Hamburger Abendblatt“ (hinter Bezahlschranke) verweist, merkt der aus Lohne bei Oldenburg stammende Möhlmann an, dass sich keine Mannschaft in Fußball-Unterhaus nur auf ihre „individuelle Klasse“ verlassen könne.

Hamburger SV: Ex-HSV-Trainer Benno Möhlmann hält nichts von „Dreijahresplänen“ - Thioune dürfe nicht nur an die eigene „Karriereplanung“ denken

„Die Zweite Liga hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Die Spieler sind körperlich fit, gut ausgebildet, taktisch geschult und haben gegenüber den meisten Bundesliga-Profis nur noch Nachteile in der individuellen Qualität. Wenn nun ein großer Verein wie zum Beispiel der HSV absteigt und meint, sich in dieser Liga nur auf seine individuelle Klasse verlassen zu können, dann wird er schnell merken: Das ist ein Irrtum“, geht Möhlmann ins Detail. Ratschläge, die HSV-Trainer Daniel Thioune aber scheinbar nicht braucht*.

Zudem halte er nicht für adäquat, von einem „Dreijahresplan“ oder dergleichen zu sprechen. Das simple, für den HSV aber zuletzt so schwere Ziel, könne schlichtweg nur der Aufstieg sein. „Der HSV hat nach wie vor gute Spieler. Er hat auch nach wie vor gute wirtschaftliche Voraussetzungen für die Zweite Liga“, sagt der 65-Jährige. Ähnliches hatte auch der Finanzvorstand Frank Wettstein verlauten lassen*. Bedingt durch die Coronavirus-Sars-CoV-2*-Krise scheint sich dies aber geändert zu haben - und könnte zu einem Machtkampf im Hintergrund* rund um den kritisch beäugten HSV-Präsidenten Marcell Jansen führen.

Das Vertrauen ausgesprochen bekommt hingegen Daniel Thioune - und zwar von Benno Möhlmann. „In diesem Kader stecken einige Spieler, die eine gute Entwicklung versprechen. Wenn der Trainer es schafft, dieser Mannschaft eine gesunde Hierarchie und ein Bewusstsein für diese Liga zu geben, dann hat der HSV gute Chancen“. Möhlmann selbst habe in seiner langen Karriere gelernt, dass ein Trainer stets „genau abwägen“ muss. Es müsse immer an das Wohl des Vereins gedacht werden und nicht nur an die eigene „Karriereplanung“. Ein gut gemeinter Ratschlag, der für Daniel Thioune und dem Hamburger SV zum Trumpf in der neuen Saison werden könnte. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass der Kader adäquat verstärkt wird. Dem könnte die Ankündigung von HSV-Sportvorstand Jonas Boldt im Wege stehen, eine Gehaltsobergrenze von 600.000 Euro für die Rothosen-Kicker* einführen wollen * 24hamburg.de und deichstube.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Arne Dedert/Roland Weihrauch/Axel Heimken/dpa/picture alliance

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare