Interview mit Sportpsychologe

WM 2018: Warum heulen eigentlich so viele Fußballer? 

+
Brasiliens Neymar weint bei der WM 2018 auf dem Spielfeld.

Warum weinen eigentlich so viele Fußballer bei der WM 2018? Ein Sportpsychologe klärt im Interview auf. 

München - Neymar hat’s getan, Tunesiens Coach Nabil Maaloul und Perus erfolgloser Elfmeterschütze Christian Cueva auch - sie heulten bei der WM in Russland ohne Hemmungen los. Was dahinter steckt und wieso bei einem großen Turnier mehr Tränen fließen als sonst, erklärt der Sportpsychologe und Motivationscoach Matthias Herzog im tz-Interview.

Herr Herzog, Brasiliens Superstar Neymar ist nach dem 2:0 gegen Costa Rica auf die Knie gefallen, hat sofort angefangen zu weinen. Wie sehen Sie als Sportpsychologe eine solche Aktion?

Herzog: Früher haben vor allem Jungen immer gesagt bekommen: ‚Indianer kennen keinen Schmerz‘ oder ‚Echte Männer weinen nicht‘. Oder sie wurden als Heulsusen tituliert. Es wurde sich darüber lächerlich gemacht, wenn Jungen oder Männer Gefühle gezeigt haben. Studien beweisen: Mehr als die Hälfte aller Männer über 50 Jahre sagt, dass sie das so gelernt haben. Bei den jüngeren Männern ist es immerhin noch jeder Dritte, der gelernt hat, dass man nicht weint. Jetzt findet in der Bevölkerung ein kleiner Wandel statt. Aber viele Männer denken immer noch ‚Was ist das denn?‘ Frauen sehen das nicht so spektakulär: 75 Prozent von ihnen sagen sogar, dass Männer gerne weinen dürfen. Aber für Männer gehört es einfach nicht dazu.

Welche gesundheitlichen Auswirkungen kann das haben? 

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Weinen Stress vorbeugen oder lösen kann. Wenn man traurig oder wütend ist, werden schädliche Eiweißstoffe im Körper freigesetzt, die einen wirklich krank machen können. Wenn man die Tränenflüssigkeit herauslässt, werden auch diese Eiweißstoffe herausgespült. Deshalb sagt man auch, dass Weinen eine klärende Wirkung hat - das ist psychisch und physisch so.

Zurück zu Neymars Tränen: Ist das der Riesen-Druck, der da abfällt? Oder vielleicht auch Show?

Bei Neymar und Cristiano Ronaldo kann man sich natürlich nie ganz sicher sein (lacht). Aber normalerweise ist es tatsächlich so, dass der Körper mit Schlusspfiff weiß, dass jetzt Ende ist - und dann fällt einiges ab. Da auf Befehl zu weinen, wäre schon eine extrem gute schauspielerische Leistung. Die beherrschen vielleicht 0,1 Prozent der Bevölkerung. Es ist auch für mich als Redner viel einfacher, Menschen zum Lachen als zum Weinen zu bringen. In Stresssituationen zeigen wir unser wahres Gesicht, da kann wahrscheinlich auch Neymar gewisse Dinge nicht mehr regulieren. Da fällt die Maske - vor allem so kurz nach dem Abpfiff. Einem Ronaldo würde das in der Situation so wohl nicht passieren.

Neymar heulte vor Erleichterung, Liverpool-Keeper Loris Karius weinte nach dem Champions-League-Finale bittere Tränen der Enttäuschung. Oder kann man das so nicht unterscheiden?

Doch absolut. Tränen sind Tränen, aber an der Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit kann man auch physikalisch nachweisen, ob es Freuden-, Stress- oder Traurigkeitstränen sind. Sonst sieht man das auch an der Körpersprache. Gerade die Gesichtsmimik zeigt das - entweder durch Lächeln oder durch Mundwinkel, die nach unten zeigen.

Gefühlt fließen bei der WM in Russland besonders viele Tränen. Wieso?

Der Druck ist sehr groß, wenn man endlich mal die Möglichkeit hat, bei so einem großen Turnier dabei zu sein. Andererseits haben wir heutzutage andere Persönlichkeitstypen auf dem Platz als früher. Die dominanten Machertypen wie Kahn, Effenberg, Ballack und Sammer haben auch mal Tränen gezeigt - aber erst am Ende ihrer Karriere. Heute sind die Spieler etwas weicher, kommen etwas mehr über die Beziehungsebene. Und Beziehungsmenschen weinen eher als die Menschen, die über die rationale Sachebene kommen.

Weinen ist also ein gutes Zeichen...

Ja! Weinen ist keine Schwäche. Ich sehe das mittlerweile als Stärke, weil diese Leute zu ihren Emotionen stehen.

Lesen Sie auch: Wer wird Torschützenkönig bei der WM 2018?

Interview: Jonas Austermann

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare